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Filmkritik

Schlitzaugen-

Perspektive



Bewertung:    



Komödienexperte Billy Wilder sagte einmal zur Begründung, warum seine Polit-Groteske Eins, Zwei, Drei nach dem Bau der innerdeutschen Mauer floppte, dass es komisch wirke, wenn ein Mann auf einer Bananenschale ausrutsche, aber nicht, wenn dieser anschließend nicht mehr aufstünde. Er hatte Recht: Die Tragik des Mauerbaus untergrub seine Bemühungen einer ernsten, aber nicht hoffnungslosen Lage komische Aspekte abzugewinnen.

In den letzten Jahren hat es durchaus erfolgreiche Wilder-Nachahmer gegeben, denen es gelang ausgesprochen schweren Themen mit Witz beizukommen. Mir ist vor allem die internationale Koproduktion Alles, was ich an euch liebe (2004) in sehr positiver Erinnerung, in denen das Regieduo Teresa Pelegri und Dominic Harari den Nahost-Konflikt für absurde Komik genutzt haben. Dem englischen Regisseur Chris Morris gelang es sogar, in seiner bitterschwarzen Komödie Four Lions, islamistische Terroristen und ihre unbeholfenen Bemühungen, einen Anschlag auf den London Marathon (!) zu verüben, dem Spott preiszugeben. Allerdings müsste ich diesen Film noch einmal sehen, denn ob der 2010 – also vor den meisten blutigen IS-Attentaten – entstandene Groteske heute noch für befreiende Lacher sorgen kann – da bin ich mir unsicher.

Beim Anschauen des französischen Films Voll verschleiert habe ich im Gegensatz zu den meisten (offenkundig französischsprachigen) Zuschauern bei der Französischen Filmwoche Berlin Anfang Dezember 2017 nur wenige Male so richtig lachen können, und befreiend wirkte es nicht. Die Ausmaße an Intoleranz und Aggressivität des IS-Terrors sind mittlerweile doch zu monströs und erschreckend ausgefallen, als dass ich ihn als Hintergrundfolie für Gags goutieren kann – vor allem wenn sie wie in diesem Fall sehr eindimensional und krachledern erdacht sind. Zielte die Situationskomik von Voll verschleiert nicht so sehr aufs Schenkelklopfen, hätte ich sie in gnadenvoller Weihnachtsmilde eher genießen und durchwinken können. So aber dominierte der bittere Nachgeschmack und der Eindruck, dass der aus Iran stammende Regisseur/Drehbuchautor Sou Abadi die Komik aus einem politisch heiklen, aufgeheiztem Thema geradezu herauspressen statt -kitzeln wollte.

Die harmlose Ausgangssituation besteht aus der Liebe von Armand (Félix Moati) zu Leila (Camélia Jordana). Beide haben einen Migrationshintergrund, wobei man Armand dies kaum anmerkt, dessen ursprünglich iranische Eltern einen gutbürgerlichen Lebensstil pflegen, auch wenn vor allem seine Mutter (Anne Alvaro) noch den sozialistischen Pathos ihrer Jugend hochhält. Die etwas jüngere Leila ist ebenfalls auf dem besten Wege, in die gehobene Mittelschicht Frankreichs aufzusteigen, da sie ein Stipendium bei der UN in New York errungen hat. Allerdings sind ihre Eltern bereits beide verstorben. Wie sich bald herausstellen wird, leidet unter diesem Verlust nicht nur ihr jüngerer Bruder (Carl Malapa), sondern vor allem der ältere, Mahmoud (William Lebghil).

Der Schrecken bzw. die Komik der Story beginnt mit der Rückkehr von Mahmoud nach Frankreich, der sich nach einem längeren Besuch im bürgerkriegszerrüttetem Jemen zu einem orthodoxen Muslim gewandelt hat, der nur noch den Gesetzen des Korans und extremistischer Prediger folgt und die säkulare Lebensweise seiner Geschwister ablehnt. Dies führt dazu, dass er Leilas Pass konfisziert, um ihre Reise in die USA zu verhindern, und sie außerdem noch in der Wohnung einschließt, damit sie keinen Kontakt zu Ungläubigen haben kann. Dass der gegenüber Anderen und sich selbst drakonisch streng agierende, aber in Wahrheit schwache Mahmoud ebenso wie seine Glaubensbrüder aus der Moschee charakterlich ziemlich derangierte und verpeilte Typen sind, war für mich kein großes Hindernis zum Amüsement (ähnlich wie bei der englischen Komödie Four Lions).

Aber wer schon einmal wie ich – wenn auch nur aus distanzierter Position – erleben musste, dass Mädchen aus muslimischen Kulturkreisen zu Hause eingesperrt und mit Partnern verheiratet wurden, die ihre Eltern für sie ausgesucht haben, als sie noch minderjährig waren, dem drückt die geschilderte Ausgangslage zu sehr aufs Gemüt, um an der sich daran entfaltenden Charlies Tante-Variation komisches Gefallen zu finden. Der energische, aber durch Mahmouds handgreifliche Gewalt an weiteren Kontakten zu Leila gehinderte Armand sieht nur eine Chance, der Geliebten regelmäßig näherkommen zu können: Er schlüpft in einen Ganzkörperschleier und gibt sich als Glaubensschwester Mahmouds aus, der bei seiner jüngeren Schwester privaten Unterricht nehmen möchte, um die Ausbildung zur Kosmetikerin (!) zu absolvieren. Der arglose Mahmoud erlaubt die Besuche nicht nur, er verliebt sich auch in die Verschleierte, genauer gesagt: in die Vorstellung, die er von ihr in seinem Kopf entwickelt.

Fortan muss Armand nicht die Aggressionen, sondern die aufdringlichen Annäherungen Mahmouds abwehren (was eine originelle und tatsächlich komisch wirkende Ironie ist) und zugleich seinem eigenen Umfeld gegenüber sein Versteckspiel verheimlichen. Armands Eltern und Mahmouds Glaubensbrüder sorgen für zusätzliche Gefahren und Verwirrungen, die sich überzeugend steigern und für burleske, temporeiche Situationskomik in französischer Tradition sorgt. Allerdings bleibt Sou Abadis Sarkasmus im Gegensatz zu dem des Übervaters Voltaire (oder Wilder) zu oberflächlich und zu unverbindlich, um befreiend zu wirken. Wo in manchen Boulevardstücken zu viele Türen zu- und aufgeschmissen werden, werden in Voll verschleiert zu viele Burkas und vor allem zu viele Gesinnungen um- und wieder abgehängt. Eine deutliche Prise Tragik und Tiefgang ist bei diesem Thema unumgänglich.
Max-Peter Heyne - 29. Dezember 2017
ID 10448
Weitere Infos siehe auch: http://www.vollverschleiert-derfilm.de


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