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Filmkritik

Roman Polanskis Venus im Pelz ist ein doppelbödiges Vexierspiel zwischen Kunst und Leben, Lust und Leid





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Die Verfilmung des Broadway-Bühnenstücks Venus im Pelz ist nicht nur der bisher ironischste Film Roman Polanskis, sondern auch einer der intelligentesten, hintersinnigsten und amüsantesten Filme des ganzen Kinojahres. Dass in rascher Folge die Bonmots komödiantische Funken schlagen, darf in erster Linie der 1950 in Chicago geborene Journalist und Autor der dramatischen Vorlage, David Ives, für sich verbuchen, der sich Leopold von Sacher-Masochs (1836-1895) Novelle Venus im Pelz angenommen hatte - gewissermaßen die literarische Urquelle des nach dem Spätaufklärer benannten Masochismus. In Polanskis Händen ist Ives' szenische Zwei-Personen-Variation des Stoffes um Lustgewinn durch Unterwerfung bestens aufgehoben.




Dreharbeiten zu Venus im Pelz von Roman Polanski (li.) - Foto (C) Prokino



Der mittlerweile 80jährige Regieveteran lädt in Komplizenschaft mit seinen beiden genialen Akteuren die Zuschauer dazu ein, sich im Kinosessel den Verlockungen des Wortgeklingels, der erotischen Symbole, der theatralischen Gaukelei und der vorgetäuschten Identitäten hinzugeben. Eine Einladung, der man sich kaum entziehen kann, denn sie verheißt uns, dem Publikum, dasselbe wie den Figuren im Stück: den Frauen eine (zumindest) vorübergehende Erlösung von ihren Sehnsüchten, den Männern eine süße Kompensation ihrer Besessenheiten.
Schon die lange Kamerafahrt durch einen tristen, kulissenartig wirkenden, menschenleeren Pariser Boulevard, der abrupt eine scharfe Biege nach rechts folgt, die schließlich im Parkett eines etwas heruntergekommenen Theaters endet, ist eine schlichte, aber wirkungsvolle Ouvertüre. Und dann: Bühne auf für eine Theaterprobe, in der die Grenze zwischen Original und Inszenierung, Kunst und Leben, zwischen Leidenschaft und Verweigerung, zwischen typisch männlichen und weiblichen Attributen auf vergnügliche bis groteske Weise verschwimmen werden. Was dem Vexierspiel nicht nur den doppelten, sondern gar den dreifachen Boden verleiht, ist die Tatsache, dass Polanski seiner eigenen Ehefrau Emmanuelle Seigner das Terrain für eine umwerfende Performance bereitet und den Bühnenautor und Regisseur (Matthieu Amalric) wie den jüngeren Doppelgänger von sich selbst wirken lässt. Das Drama des eigenen, abenteuerlich verschlungenen und bisweilen tragischen Lebens wird elegant eingewoben in das (inszenierte) Ringen um die werkgetreue Adaption einer Erzählung über die Psychopathologie der Geschlechter.




Emmanuelle Seigner (li) als Venus im Pelz - Foto (C) Prokino



Deren Verhältnis scheint beim Vorsprechen zunächst klar: Hier der arrogante, intellektuelle, aber weitgehend erfolglose Autor und Regisseur, der nach einer geeigneten, also devoten Schauspielerin für sein Stück sucht. Dort eine dümmliche Tussi mit aufdringlich prolligem Gehabe, die zumindest vom Tuten keine Ahnung hat (übrigens höchstens ein halbes Klischee – diesen Typ Gebrauchsschauspielerin gibt es tatsächlich). Aber siehe da: Kaum hat das schrille Frauenzimmer ihren Text, kann sie spielen bzw. liefern, wie es beim Film bisweilen genannt wird. Ja mehr noch: Mit ihrem Talent, in Tonfall und Auftreten blitzschnell vom Unschuldslamm zur verruchten Herzensbrecherin zu wechseln, schlägt sie den mürrischen Regisseur in ihren Bann. Eine Muse ward entdeckt! Wenn sie doch nur nicht so penetrant wäre...

So wie die pure Lust an der Verwandlung die scheinbar unbedarfte Aktrice zu großer Schauspielkunst befähigt, so macht sich auch Emmanuelle Seigner einen Spaß daraus, ihre Figur per Wimpernschlag von raffiniert zu dümmlich und wieder zurück zu bugsieren. Der Autor, gewohnt die Dinge zu durchschauen (und mit ihm der Zuschauer), ist verwirrt: Ist es möglich, dass eine so aufdringliche und vulgäre Person wie jene, die Seigner spielt, tatsächlich die Nuancen einer so komplexen Figur wie der Wanda von Dujanew zu vermitteln vermag, die sich ihren osteuropäischen (!) Edelmann Severin von Kusiemenski zum willigen Sklaven degradiert? Und ob, tönt die solcherart Angezweifelte und dreht die Schraube noch einmal an: Zunächst demonstriert sie dem Regisseur (aka Polanksi), dass sie Wanda im wahrsten Sinne des Wortes verkörpern und den Regisseur vom überheblichen Kopfmenschen zum testosterongesteuerten Schmachtfetzen herunterstutzen kann. Denn gerade eine Circe weiß ihre Waffen einzusetzen, um den Ansprüchen des modernen Feminismus zu genügen. Schließlich agiert er wie der Held seines Stückes: Ich will sie, also bin ich. Der Autor, zum Männlein im Kleide geschrumpft, wird nach und nach zum Objekt seiner eigenen Fantasien - derer auf Papier und derer im Kopf. Das ist zwar nicht deckungsgleich, aber das eine bedingt das andere, und wer diese Nuancen entschlüsselt, ist im Gegeneinander der Geschlechter klar im Vorteil. Die fleischgewordene Fantasie, Wanda, die Venus, tauscht die Rollen und trägt lustvoll den Sieg davon.




Venus im Pelz von Roman Polanski - Foto (C) Prokino



Frauen sollte mann nicht unterschätzen, Frauen sollten Männer nicht überschätzen. Wer in Venus im Pelz eine künstlerisch hintersinnig gestaltete Betriebsanleitung dafür sieht, welche Kunst es ist, den Partner besser zu verstehen, ohne sich selbst bzw. das eigene Geschlecht zu verleugnen, der liegt bestimmt nicht falsch. Diese Lektion erteilt ausgerechnet Polanski, der vor Gram über die Ermordung seiner ersten Frau in Exzesse flüchtete, der einstige notorische Schürzenjäger, den der lange Arm der US-Justiz wegen der vermeintlichen Vergewaltigung einer Minderjährigen noch nach Jahrzehnten in seinem europäischen Exil zu fassen suchte. Gegen diese unerbittliche, gnadenlose, vulgäre, unappetitliche Faktenlage eines Lebens wehrt sich Polanski mit der Ambivalenz, der Leichtigkeit, der Eleganz und der Erhabenheit der Fantasie, die einem Jeden von uns die Welt bedeuten kann. So hat der Pole es im Grunde schon oft getan - aber wohl noch nie besser.



Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 22. November 2013
ID 7389
Weitere Infos siehe auch: http://www.venusimpelz-derfilm.de/


Post an Max-Peter Heyne



 

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