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Rezension

Jetzt wird geheiratet und geschlagen – Nymphomaniac2 zeigt die Hölle der Lust




Ein Käfig voller Narren

Wäre ich noch Werbefuzzi, würde ich lieber Swingerclubs bewerben als Bordelle, denn die haben bei mir ein ehrlicheres Image. Obschon ich beides nicht kenne (habe ich was verpasst?), sind Puffs für mich Ausweichquartiere, Substitute, Fälschungen statt des Originals; kurz: ein Ort, an dem Männer sich kaufen oder nehmen, was sie ihren Frauen nicht zu sagen trauen oder zumuten wollen. Insofern ist es auch mal schön, im Kino ausnahmsweise eine Frau zu sehen, in der dunkle Triebe und dreckige Fantasien so mächtige Wirkung entfalten, dass sie die Kulisse eines wohlanständigen, bürgerlichen Familienlebens kurzerhand zerbersten lassen. Mit so etwas habe ich allerdings etwas Erfahrung – aber, ätschi-bätsch! – das würde an dieser Stelle zu weit führen. Die Heldin im zweiten, deutlich psychodramatischeren Teil von Lars von Triers Psychodrama Nymphomaniac bevorzugt am Weihnachtsabend jedenfalls den Besuch bei einem misogynen Sadisten, der ihr mit harten Peitschenhieben die Haut ihres zarten Gesäßes zerschneidet anstatt mit Ehemann und Kleinkind besinnlich bei Kerzenlicht beisammenzusitzen. Wer könnte ihr das verdenken?




Gemütliches Beisammensein (mit Udo Kier, stehend) im Lars-von-Trier-Film Nymphomaniac 2 - Foto © Concorde Filmverleih GmbH



Dabei fängt Teil 2 der bizarren Beichtstory schon vielversprechend anspielungsreich an. Zunächst entsinnt sich Joe (Charlotte Gainsbourg) im Beisein ihres Laien-Seelsorgers, Herrn Seligman (Ironie!), dem Stellan Skarsgård eine geerdete Aura verleiht, an eine grausig-surreale Fantasie aus ihrer Kindheit: Als junge Frau bekam sie beim Betrachten des Himmels plötzlich Angst davor, sie könnte sich von der Wiese, in der sie gelegen hatte, von der Schwerkraft lösen und unaufhaltsam gen Firmament streben. Eine feine Metapher für die pubertäre Enthobenheit von Zeit- und Umwelt, die Joe als erwachsene, verheiratete Frau mit Kind auf ihre Weise in die Tat umsetzt: Fi…n verleiht Flügel! Auch Schwarze müssen ran – so richtig bimbomäßig per Dolmetscher vom Dealertreff am Stadtpark aufgelesen. In Längenmaßen werden die afrikanischen Migranten nymphomanischen Ansprüchen gerecht. Aber da sich die Herren nicht recht einigen können, wer auf und wer unter der gönnerhaften Dame liegen soll, gerät die Orgie zum Slapstick. Das ist dann aber auch schon die einzige, wirklich witzige Szene der Fortsetzung.




Charlotte Gainsbourgh mit zwei afrikanischen Migranten in dem Lars-von-Trier-Film Nymphomaniac 2 - Foto © Concorde Filmverleih GmbH



Dann kommt bald besagtes Weihnachtsfest, und Joe muss sich und ihrem toleranten, aber nicht endlos leidensfähigen Gatten (Shia LaBoeuf) eingestehen, dass sie nicht nur viele, andere Männer zusätzlich braucht, um sich (zeitweise) als vollständige Person zu fühlen, sondern die volle Dröhnung: brutale Demütigungen, verachtende Behandlung und harte, sehr harte Schläge. Schön bizarr: Der bisher meist als wohlerzogene Good Guy besetzte Jamie Bell spielt den Schläger, der Joe und andere Masochistinnen wie ein Frauenarzt in sterilen Praxisräumen empfängt. Anspielungen ins Reich der Philosophie und Kunstgeschichte werden in Teil 2 spärlicher, dafür trumpft der Trickser von Trier mit dramaturgischen Kniffen auf: Immer, wenn man denkt, jetzt geht es Richtung Melodram, Lesbendrama oder Kriminalfilm, schlägt er Haken. Die wahre Bestimmung findet die arme Joe allenfalls vorübergehend: Als Kriminelle lehrt sie schnell (von Willem Dafoe), als liebende Lesbe ist sie hingegen schwer von Capé.




Charlotte Gainsbourgh lässt sich von Jamie Bell schlagen in dem Lars-von-Trier-Film Nymphomaniac 2 - © Concorde Filmverleih GmbH



Lars von Trier unterläuft wieder meisterhaft alle Erwartungen und jongliert mit Versatzstücken verschiedener Genres. Wie schon in Teil 1 gibt es keine spektakuläre Sexszenen à la Verhoevens Basic Instinct, sondern fiese Folter, die sich aus untergründigen Lüsten und Leidenschaften speist. Vielleicht präsentiert uns der dänische Regisseur mit Joe und ihrem Züchtiger ein gespaltenes Abbild seiner selbst, nämlich eines besessenen Geschichtenerzählers und Bildererfinders, der Grenzen innerhalb seines Metiers nicht dulden kann, sondern immer wieder neu ausprobiert, wie weit er gehen kann und muss, um sein Publikum zu verführen und zu erziehen. Orson Welles, der ein lebenslanges Faible für Magie, Trickserien und Betrug empfand, steht geistig Pate. Bis zur grimmigen, bitterbösen Schlusspointe zieht von Trier geschickt die Fäden, auch wenn einige Ungereimtheiten das Verführt-Werden verleiden (die in der längeren Fassung von Teil 2, die auf der diesjährigen BERLINALE leider nicht zu sehen war, vielleicht weniger auffallen).



Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 4. April 2014
ID 7726
Weitere Infos siehe auch: http://www.nymphomaniac-derfilm.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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