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Hollywood

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Die Superhelden sind alt und müde geworden. In diesem bemerkenswert melancholischen Film mit dem schlichten Titel Logan, der es als reines Actionspektakel wohl nicht zu einer Premiere im Berlinale-Wettbewerbsprogramm (außer Konkurrenz) geschafft hätte. Das gefällt mir, denn mit den Superheldenfilmen habe ich so meine Probleme. Ich bin einfach aus dem Alter raus, wo die Fantasie noch so weite Räume vor sich findet, dass sich emotionale Anknüpfungspunkte zum Schicksal des Superhelden (oder der -heldin) herstellen – von der Imagination als unbesiegbarer Held im eigenen Leben ganz abgesehen. Natürlich ist es eine verlockende Vorstellung, wie Professor Charles Xavier mit der Macht der bloßen Gedanken alle Räder stillstehen und Kriege enden zu lassen. Oder Metallberge zu versetzen – wie Xaviers Gegenspieler Magneto. Doch jenseits der Twentysomething fühlen sich die Identitätskrisen und der Liebeskummer der X-Men und -Women authentischer an als die Unbesiegbarkeit und Unsterblichkeit.

Insofern ist der den Zyklus um die X-Men vermutlich abschließende Logan ein Film für Erwachsene. Regisseur James Mangold (Wolverine, Walk the Line) zeigt nicht nur von den äußeren und inneren Kämpfen ermüdete X-Men, sondern abgehalfterte Ex-Helden, die heftig unter Materialermüdung und Depressionen leiden. Im Grunde hat der Gegenspieler des stets optimistisch unter humanistischen Gesichtspunkten denkenden und konstruktiv handelnden Charles Xavier, Magneto, mit seinen Mahnungen aus den früheren X-Men-Filmen Recht behalten: Die Mehrheitsgesellschaft der Menschen, die den Mutanten mit ihren übersinnlichen Kräften immer skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, haben ihre Übermenschen an den Rand der Gesellschaft ge- und verdrängt und scheinen sie nicht zu vermissen.

Mangelnder Fortpflanzungswille (oder Ablenkung durch vielfältige Aufgaben) taten ein Übriges dazu, dass im dritten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends nur noch wenige Mutanten übriggeblieben sind: Außer dem extrem lichtempfindlichen Albino Caliban (Stephen Merchant) gehört nur noch der einstige Leitwolf Wolverine (Hugh Jackman) dazu, der sich in der mexikanischen Provinz unter seinem bürgerlichen Namen Logan als Chauffeur von Luxuslimousinen verdingt. Wenn Logan sich nicht gerade von Suff und Prügel auskurieren muss, achtet er darauf, dass sein einstiger Lehrer, der tattrige und – schlimmer noch – an beginnender Demenz leidende Charles Xavier (Patrick Stewart, der als Professor X eigentlich schon diverse Male hätte gestorben sein müssen) nicht an das Licht der Öffentlichkeit gerät. Und das ist wörtlich zu nehmen: Xavier wird von Wolverine, pardon: Logan, in einem ausrangierten, riesigen Wassertank aus Stahl in der mexikanischen Wüste versteckt gehalten, seit er durch ein Missgeschick beinahe hunderte Menschen mit seinen telekinetischen Kräften ins Koma geschickt hätte. Seither gilt Xaviers Kopf bei den US-Geheimdiensten als Massenvernichtungswaffe. Was genau alles in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende mit den diversen Mutanten geschehen ist und wieso Logan derartig heruntergekommen ist, zeigt die Filmhandlung nicht. So wie der sonst so smarte und propere Hugh Jackman als Logan hergerichtet ist, lässt jedoch Trauriges vermuten: Struppig und zerzaust, mit staubigem Bart und Sehhilfe trottet Logan durch eine Szenerie, die ihm keinen richtigen Platz bietet.

Noch schlimmer hat es den unwürdig im Altenteil vor sich dämmernden Xavier erwischt, dem seine außergewöhnliche Begabung zum Fluch geworden ist. Zusammen mit dem in schwere Kutten gekleideten Caliban geben die Mutanten ein erschreckendes Häufchen Elend ab, an das sich der Zuschauer erst einmal gewöhnen muss. Zusammen mit dem gottverlassenen, sonnenverdorrten Ambiente hat man wohl noch nie ein so bitteres Elend gesehen, in dem Helden unsuper vor sich hin vegetieren. Die verbliebenden Kräfte müssen allerdings aktiviert werden, als erstens ein fieser Möpp (Boyd Holbrook) und seine Bodyguard-Armada hinter einem kleinen Mädchen her sind und auf diese Weise auch Logan und Xavier ausfindig machen. Denn wie sich herausstellt, ist die Kleine mit denselben Stahlkrallen gesegnet wie Logan – ihr Vater, da verrate ich nicht zu viel.

Auch dies ein gewitzter, nachgerade zynischer Einfall der Drehbuchautoren (Michael Green, Scott Frank, James Mangold): Eine zart wirkende Achtjährige (erstaunlich: Dafne Keen) als Vollstreckerin von Gerechtigkeit und Mutanten-Selbstbestimmung lässt die Köpfe rollen. Logan und Xavier finden heraus, dass sie aus einer Spezialklinik geflohen ist, in der Kinder von gewissenlosen, quasi faschistischen Ärzten und Geheimdienstchefs mit Mutantengenen gezüchtet werden. Auch der Fiesling und seine muskelbepackten Krieger machen im Auftrag der Scharlatane Jagd auf Wolverinchen und Co.

Der Rest ist eine über weite Strecken spannende, tempo- und wendungsreich inszenierte Verfolgungsjagd durch den mittleren Westen der USA bis hin zur kanadischen Grenze, die – ähnlich wie die mexikanische – den Gehetzten einen gewissen Schutz bietet. So grimmig der Hintergrund, auf dem die Geschichte der gefallenen Superhelden spielt, so brachial fällt ein Großteil der Action aus: Logan und seine Tochter metzeln sich durch die Köpfe der Bösewichter, bei den Kämpfen werden keine Gefangenen gemacht. Leidenschaft, Emotionalität und Zerrissenheit wie in anderen X-Men-Filmen sind Resignation, Rache und knallhartem Überlebenskampf gewichen. Mir gefiel dieses Nibelungenhafte an der Story gut.

Dass die übersinnlichen Kinder und Jugendlichen, die sich Richtung Kanada zu retten versuchen, zum größten Teil aus der Retorte stammen und damit quasi geschichtslos und ohne Anleitung in ihre weitere Zukunft aufbrechen müssen (also anders als die Mutanten, die der Mentor Charles Xavier um sich geschart hatte) lässt am Ende des Films Raum für Spekulationen. Wird sich die neue Generation Mutanten ebenfalls in menschenfeindliche und -freundliche Gruppen teilen? Werden sie jenseits der US-kanadischen Grenze Ruhe finden, um sich und ihre Fähigkeiten verantwortungsvoll weiter zu entwickeln? Wird sich ein Nachfolger vom Format Xaviers herauskristallisieren? Die wichtigste Frage freilich lautet, was auf den filmischen Abgesang Logan folgen soll, wenn nicht eine Parodie oder eine vollständige Neuausrichtung?



Logan | (C) 2017 Twentieth Century Fox

Max-Peter Heyne - 4. März 2017
ID 9884
Weitere Infos siehe auch: http://www.foxmovies.com/movies/logan


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