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Rezension


Mit In ihrem Haus, Ruby Sparks und 7 Psychos starten gleich drei neue Filme, die von der Lust am Geschichten-Erzählen erzählen (Kinostart In ihrem Haus: 29. November 2012 )




Fiction-Science I

Wer sich als Kind jeden Abend auf ein neues Märchen oder eine Gute-Nacht-Geschichte gefreut hat, wer sich nicht satthören konnte an Pumuckel- oder ???-Hörkassetten, wer Pippi Langstrumpf- oder Harry Potter-Romane verschlungen hat, wer Fernsehserien wie Dallas oder Derrick verfiel oder aber das nächste Spiderman- oder Avengers-Sequel kaum erwarten kann – all jene wissen, das erfundene Geschichten süchtig machen können. Von dem Wunsch nach Ablenkung, Zerstreuung und Entertainment leben ganze Industrien, allen voran die Filmindustrie.

Das dramaturgische Handwerk will beherrscht werden, wenn ein Geschichtenerzähler das Publikum fesseln möchte – doch das allein reicht heutzutage nicht mehr. In unserer breitgefächerten, digitalisierten Medienlandschaft sind Originalität oder Innovation kaum mehr herzustellen. In Zeiten, in denen achtzehn neue Filme alleine am 29. 11. offiziell in deutschen Kinos anlaufen – so viele wie noch nie zuvor –, ist es wohl kein blanker Zufall, dass darunter gleich mehrere Produktionen sind, die das Metier des Geschichtenerzählens selbst zu ihrem Thema machen. Wenn alle guten Geschichten schon auf hunderte Weisen erzählt sind, bleibt nur noch die Möglichkeit, zu erzählen, warum sie erzählt werden.




In ihrem Haus – © Concorde Filmverleih GmbH



Vielleicht handelt es sich bei diesem Trend um die Selbstreferentialität eines Systems (entworfen von Drehbuchautoren) im Sinne der Systemtheorie des deutschen Soziologen Niklas Luhmann, nach der selbstbezügliche Systeme sich besser stabilisieren können. In der Tat: Auf einer Metaebene lässt sich erzählerische Originalität wieder besser erreichen. Allerdings braucht es gerade für diese diffizile Vorgehensweise einen möglichst begabten Erzähler wie den Franzosen Francois Ozon, der bereits mit Filmen wie Sitcom, 8 Frauen, Swimming Pool, 5x2 und Angel – ein Leben wie im Traum beweisen hat, dass er gerne (Film-)Realität mit Fiktion vermischt und die dafür nötigen, dramaturgischen und stilistischen Instrumente souverän beherrscht.

Ozons neuer Film In Ihrem Haus beginnt mit der Vorstufe jedes Geschichtenerzählens: der Phase der Neugier und Inspiration. Für den in bescheidenen Verhältnissen lebenden Schüler Claude (fabelhaft: Debütant Ernst Umhauer) ist dieser Impuls der Wunsch nach Veränderung, die Sehnsucht nach der Geborgenheit einer funktionierenden Familie und eines richtigen Elternhauses – z. B. dem seines Klassenkameraden Raphael. Claude handelt fortan nach der Devise Pippi Langstrumpfs, „Bastel dir die Welt wie sie dir gefällt“ und strebt danach, Raphael zu seinem Freund zu machen, damit er einen plausiblen Grund hat, sich in dessen Elternhaus einzuschleichen und die Verhältnisse der scheinbar idyllischen Mittelstandsfamilie auszuspionieren.





In ihrem Haus – Foto © Concorde Filmverleih GmbH



Dass sich hinter der spießigen Fassade so manches Ehedrama verbirgt, ist nun keine Überraschung. Aber dadurch, dass der schriftstellerisch begabte Claude über seinen ‚Feldversuch‘ in seinen Schulaufsätzen berichtet, weckt er wiederum die Neugier seines Lehrers Germain (fabelhaft wie immer: Fabrice Luchini), der Claude schon bald aus rein egoistischen Motiven ermuntert, seine Expedition in der französischen Mittelschicht weiterzuführen. Claude beliefert seinen Lehrer fortan wie einen Süchtigen mit ‚Stoff‘, der stets mit der Phrase „Fortsetzung folgt“ endet. Der Erzähler wird zeitweise vom Verführer zum Verführten, schließlich ist er ja noch Schüler. Der Leser wird zeitweise zum Verführer, schließlich ist er der Lehrer. Und wir als Zuschauer komplettieren diese dreiste Komplizenschaft zwischen Erzähler und Leser, weil wir es genießen, abwechselnd von beiden verführt zu werden.




In ihrem Haus – Foto © Concorde Filmverleih GmbH



Regisseur Ozon zeigt in einer raschen, aber stets flüssig-eleganten Abfolge von Szenen, wie sich die Egoismen von Schüler und Lehrer gegenseitig hochschaukeln und beide aus Übermut und Lust an der Manipulation moralische Grenzen überschreiten: Claude verguckt sich in die Mutter seines Freundes (Emmanuelle Seigner) und versucht, sie zu verführen. Sein kinderloser Lehrer will den Ersatzsohn Claude unbedingt zum Schriftsteller hochzüchten. Es gelingt Francois Ozon sogar noch ohne Anstrengung, die Eigendynamik des Erzählprozesses zu thematisieren, wie also dem Erzähler sein Gegenstand stückweise entgleitet, er im Sog seiner Fiktion die Übersicht zu verlieren droht.

In ihrem Haus besitzt außerdem noch eine melodramatische und gesellschaftspolitische Ebene, auf der die noch immer wirksamen französischen Klassenverhältnisse aufgespießt werden: Der unterprivilegierte, aber hochbegabte Claude ist zwischen seinem Wunsch nach familiärer Harmonie und der Abneigung vom Spießertums hin- und hergerissen. Sein Lehrer und dessen als Galeristin aktive Frau (Kristin Scott-Thomas) besitzen zwar viel kulturelles Kapital, sind aber stets vom sozialen Abstieg bedroht. Wie Ozon all diese Themen und Ebenen verflochten hat, ohne dass sein Film auch nur eine Sekunde darunter ächzen würde, ist hohe Erzählkunst und macht „in ihrem Haus“ zu einem der besten Filme des Jahres.


Max-Peter Heyne - 29. November 2012
ID 00000006409

Weitere Infos siehe auch: http://www.inihremhaus-derfilm.de/


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