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Familiendrama

Mann rennt, Frau schreit, alles durcheinander im norwegischen Extraklasse-Drama Höhere Gewalt



Bewertung:    



Die ins Tal stürzende Lawine sieht gewaltig aus, aber der Familienvater bleibt gelassen: Die sei kontrolliert, also von Menschenhand eigens dafür losgetreten, damit die Piste für die Skifahrer nach einer Weile wieder befahrbar ist. Die Ehefrau und Mutter wird immer unruhiger, denn eine weiße Wand explodiert in ihre Richtung. Nein, keine Gefahr, sagt der Mann, das sieht nur schlimm aus – und filmt es per Handy. Damit will er seine Frau und seine Kinder beruhigen, doch Augenblicke später ist auch er entsetzt, denn die weiße Wand stoppt nicht vor dem Winterhotel, sondern hüllt die Sonnenterasse, auf der die Familie gerade frühstücken will, in einen undurchsichtigen Nebel aus Schnee. Erst im letzten Moment erkennt auch der Mann die drohende Gefahr – und rennt davon. Frau, Tochter und Sohn bleiben der Wand überlassen.



Höhere Gewalt | (C) Alamode-Filmverleih


Diese Schlüsselszene in dem norwegischen Familiendrama Höhere Gewalt muss verraten werden, sie ist ohnehin auf den Postern zu sehen. Der Todesschreck der Skitouristen währt nicht lange, denn es war tatsächlich nur Nebel, aus dem bald schon alle, auch die vierköpfige Familie, ohne äußere Verletzungen wieder auftauchen. Doch das Innenleben aller Beteiligten ist mit dem Lawinenerlebnis ins Rutschen geraten: Die Frau (Lisa Loven Kongsli) ist entsetzt, dass ihr Mann (Johannes Bah Kuhnke) sie und die Kinder im Stich gelassen hat, statt Rettungsversuche zu unternehmen. Der Mann selbst will die Schande zunächst nicht eingestehen und versucht abzuwiegeln. Doch die Waffenruhe zwischen den Ehepartnern hält nicht lange vor, bleiern hängt fortan der frauliche Vorwurf der männlichen Feigheit im Raum und bricht sich bei jeder Gelegenheit Bahn. Beim nächsten geselligen Abend wird auch ein anderes Liebespaar aus dem Hotel mit der Psychodynamik konfrontiert – und in sie hineingezogen. Auch deren Liebe ist nicht felsenfest und wird von der Frage erschüttert, was denn dieser (sportliche, aber reife) Mann in der Lawinensituation getan hätte.

Eine Frage, die der norwegische Regisseur, Drehbuchautor (und Ex-Skilehrer) Ruben Östlund mit dieser Erzählweise natürlich auch ans Publikum weitergibt – die es wiederum (so wie ich jetzt an dieser Stelle) Anderen weiterzählen, die es gar nicht gesehen haben, aber auch darüber nachdenken werden, wie sie denn reagiert hätten. Denn ob mann wegläuft oder nicht und frau sich damit arrangieren kann oder nicht, wieviel Enttäuschung und Ernüchterung eine Liebe also aushält – das ist eine existentielle Frage, der wohl niemand vollends ausweichen kann.



Höhere Gewalt | (C) Alamode-Filmverleih


Östlund erlaubt sich mit seinem Film-Liebespaar jedenfalls ein hintersinniges Spiel, indem er ihnen eine Kopfnuss zu knacken gibt, die sie an den Rand der Verzweiflung führt und darüber hinaus. Die fiese Pointe, die in der Frage verborgen ist, stellt sich nämlich gerade deshalb umso dringlicher, je emanzipierter die Frauen sind und je gleichberechtigter sie die Männer an ihrer Seite erleben. Reine Männerdomänen gibt es kaum noch (außer beim Bau vielleicht) und wenn, dann wirken sie überholt oder deplatziert. Darf man als Mann heutzutage nicht auch mal Schwäche zeigen und sich reflexhaft-unheldenhaft verhalten? Sind Frauen dank ihres Überlebensinstinktes, die auch ihre Nachkommen einschließt, per se die Stärkeren?

Die Abgeschiedenheit, in der die Filmfamilie mit dem Selbstverständnis und Fremdverständnis heutiger Geschlechterrollen konfrontiert ist, tut ein Übriges, um den Urlaub in einen Albtraum zu verwandeln. Denn gerade weil Ruben Östlund stark stilisiert illustriert, dass selbst in den höchsten Alpengipfeln zugunsten der Touristen (der Originaltitel des Film ist schlicht Turist) alles bis zur Sterilität arrangiert und wohlgeordnet ist, verleiht er den Schnee- und emotionalen Lawinen archaische Kraft. Die vermeintliche Geborgenheit und Sicherheit, die das riesige, von allerlei Angestellten in Schuss gehaltene Hotel vermittelt, löst sich in Schneestaub auf, wenn psychische Gewissheiten in die Schieflage geraten. Stanley Kubricks The Shining lässt grüßen. Die Familie versucht zwar noch, aus dem teuer ersparten Urlaub das Beste zu machen, doch die Normalität lässt sich gerade dort nicht mehr aufrecht erhalten, wo alle Naturgewalt so bezwungen wirkt, als sei ein Bergmassiv nur für Skifahrer da, Natur zum Benutzen.



Höhere Gewalt | (C) Alamode-Filmverleih


Das Psychodrama, das Östlund entfaltet, wirkt dank seiner stilisierten, sehr auf visuelle und akustische Details abgezielten Gestaltung intensiver als würde sie sich in einem gewöhnlichen Ambiente ereignen. Viele Bilder und Geräusche gewinnen geradezu gespenstische Eigenwirkung, was das große Talent Östlunds unterstreicht, einen Film wie eine Partitur zu komponieren. Sehr schade, dass Höhere Gewalt bei den Nordischen Filmtagen mit skandinavischen Filmen in Lübeck von keiner der Jurys mit einem Preis bedacht wurde. Denn sein sehr bewusst und pointiert gestalteter Film wirkt noch lange nach und inspiriert zum Sinnieren und Spekulieren – nicht nur über den oben beschrieben Sachverhalt, sondern z.B. auch darüber, inwieweit moderner Tourismus Lebensqualität tatsächlich erhöht und ob und wie sehr sich der Mensch über die äußere und die eigene Natur erheben muss, um sich mächtig und sicher zu fühlen.


Max-Peter Heyne - 20. November 2014
ID 8262
Weitere Infos siehe auch: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/hoehere-gewalt.html


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