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Deutsches Kino

Freiland (D 2013) - ein Film von Moritz Laube



Bewertung:    



"FREILAND- ein Film zur Lage der Nation", so titelt der Verleih in seinem Pressetext. Entsprechend große Erwartungen verbinden sich in Zeiten von Finanzkrise, Politikverdrossenheit und Occupy-Bewegung mit dem bereits Anfang 2013 fertiggestellten Spielfilm von Moritz Laube, der im April vorigen Jahres seine Premiere im Wettbewerb des 9. achtung berlin new berlin filmawards hatte. Nachdem die allgemeine Protestwelle bereits wieder am Abflauen ist, kommt Freiland nun endlich auch in die deutschen Kinos.

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Der Film beschreibt ein Experiment, in dem eine Gruppe von Gesellschafts- und Politikenttäuschter einen eigen Staat in der brandenburgischen Provinz gründet. Und das basiert durchaus auch auf wahren Begebenheiten. Solche Art Staatsgründungen gab es hier im Umland von Berlin tatsächlich schon. Regisseur Moritz Laube, der dieses Filmprojekt auch konzipiert hat und am Skript mitschrieb, stellt diesen Versuch aber von Anfang an als zum Scheitern verurteiltes Unterfangen einiger fanatischer Utopisten, Ökospinner und Sonderlinge mit Hang fürs Militärische dar.

Der Lehrer Niels Deboos (Aljoscha Stadelmann) wird, nachdem er mit seinen Schülern an einer in Gewaltexzessen eskalierenden Demo (Stuttgart 21 lässt grüßen) teilgenommen hat, vom Schuldienst suspendiert. Er ergreift die Gelegenheit und kidnappt den in einem Wohnwagen voller Konserven durch Deutschland reisenden und aufklärerische Vorträge vor Grüppchen von Verschwörungstheoretikern haltenden Untergangsphilosophen Christian Darré (Matthias Bundschuh). Niels verschleppt Christian in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aufs Land, wo er ein altes Gutshaus gekauft hat.

Der Name für den neuen Staat ist schnell gefunden, und erste Mitstreiter (u.a. Schauspieler Andreas Leupold, ehem. Maxim Gorki Theater) pilgern ins neue „Freiland“. Die Auswahl erfolgt durch ganz gezielte Fragen. Regeln werden schnell beschlossen, Pässe und Funktionen verteilt. Ein morgendlicher Fahnenappell mit Marschmusik sorgt für die notwendige Identifizierung mit der Sache. Als der Zulauf immer größer wird, werden allerdings die Grenzen schnell geschlossen. Daraufhin bekommt endlich auch die überregionale Presse Wind von der Sache. Der TV-Reporter Engels (Klaas Heufer-Umlauf) weiß aber nur von hygienischen Unzulänglichkeiten, Zwang und regelmäßigen Reproduktionsabenden zu berichten, bei denen die Paarungen immer wieder neu ausgelost werden.




Freiland mit Aljoscha Stadelmann - Foto (C) Farbfilm Verleih

Staatsgründung von Freiland - Foto (C) Farbfilm Verleih

Neugierige nahe Freilands - Foto (C) Farbfilm Verleih



Das ist alles von Moritz Laube natürlich mit einem großen Schuss Ironie inszeniert. Die Freiländer reproduzieren bei ihm von der ersten Minute an das, was sie eigentlich an der bestehenden Gesellschaft, die sie verlassen haben, immer kritisieren wollten. Eine neue Art von Demokratie im Kleinen lässt sich so schwerlich umsetzen. Laubes Film funktioniert daher am besten noch als schwarz-humorige Satire und belegt damit natürlich nur das Zitat von Karl Marx, dass sich Geschichte, wenn überhaupt, dann nur als Farce wiederholt.

Als hartnäckiger Widerpart der Freiländer erweist sich auch der lokale Bürgermeister (Stephan Grossmann), der schon vorher ein Auge auf das Grundstück der Freiländer geworfen hatte. Er schleust seine Sekretärin Nana (Henrike von Kuick) als Spionin in den Freistaat, engagiert einen finsteren Personenschützer und sorgt dafür, dass die Versorgungsquellen der Separatisten nach und nach versiegen. Als Geld und Ressourcen knapp werden, entschließt man sich einfach Essen und Strom zu rationieren. Erste aufkommende Zweifel können nur mit viel Propaganda unterdrückt werden. Spätestens nachdem der „Finanzminister“ Freilands mit den letzten Goldreserven getürmt ist, der Diesel zur Neige geht und Eifersucht, Missgunst und Allmachtphantasien überhand nehmen, ist die Gemeinschaft endgültig in Auflösung begriffen. Und das dramatische Diktum des Theaterautors Anton Tschechow „Eine Pistole, die im ersten Akt eines Stücks an der Wand hängt, muss spätestens im dritten Akt abgefeuert werden.“ erfüllt sich natürlich auch noch.

In dem durchaus spannend inszenierten und prominent besetzten Streifen gibt auch der Theaterschauspieler Bruno Cathomas (Schaubühne Berlin, Thalia Theater Hamburg) eine kleine witzige Nebenrolle als in die Welt gesandter Botschafter „Freilands“. Aber selbst er kann Utopie und Film nicht mehr retten. Als er, die Anerkennung der UNO in der Tasche, nach langer kostenintensiver Reise zurückkehrt, werden die übriggebliebenen Freiländer gerade von der Polizei eingefangen, und der Bürgermeister übernimmt wieder den ihm angestammten Platz in der politischen Ordnung des „lokalen“ Dorfes. Auch das „globale“ Dorf hat die Aussteiger schnell wieder aufgesogen. In den immer wieder dokumentarisch eingestreuten Interviewfetzen geben sie ihre ganz persönliche Sicht auf die Ereignisse in „Freiland“ vor der Kamera wieder. Eine wirkliche Vision hatte hier aber niemand. Was davon übrig bleibt, ist eine Erfahrung mehr und die Hoffnung auf die Macht der Liebe. Na immerhin etwas.


Stefan Bock - 6. August 2014
ID 7996
Weitere Infos siehe auch: http://www.farbfilm-verleih.de/filme/freiland.html


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de




 

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