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Deutsches Kino

Mit Ein Geschenk der Götter empfiehlt sich Autorenfilmer Oliver Haffner als deutscher Mike Leigh



Bewertung:    



Leider muss man in Deutschland immer noch ein Vergrößerungsglas zücken, um Autorenfilmer zu finden, die soziale Probleme nicht auf jene aufdringliche, aber dröge Art inszenieren, die Alfred Hitchcock gegenüber Truffaut überraschend zynisch als „Spülsteinfilme“ abkanzelte. Oliver Riedhoff sprach davon, dass deutsche Filmemacher zu wenig Mut besäßen, jenem Publikum, das nach „intelligentem Mainstream“ sucht, entsprechende Angebote zu machen. Riedhoff selbst gelang es, mit Sein letztes Rennen das Thema "In Würde altern" auch kommerziell erfolgreich zu thematisierten, sein Kollege Marc Rensing gelang kurz darauf zum selben Thema mit Die Frau, die sich traut ein Achtungserfolg. Drehbuchautor Gernot Gricksch und Regisseur André Erkau bewiesen mit Das Leben ist nichts für Feiglinge, dass selbst Tod und Trauer kein Kassengift sein müssen.

* * *

Arbeitslosigkeit schon gar nicht, und so verdanken wir es Oliver Haffner, dass die Lupe zum Aufspüren von intelligentem Mainstream noch ein bisschen kleiner ausfallen kann.



Ein Geschenk der Götter | (C) Arsenal Filmverleih


Ein Geschenk der Götter ist also ein Geschenk der Götter? Naja, das wäre dann doch ein wenig übertrieben! Aber ein unterhaltsames Feel-Good-Movie über Langzeitarbeitslose hinzubekommen, ohne dass der Autor/Regisseur sein ernstes Thema verharmlosen oder hintertreiben muss, kommt auch nicht jede Woche ins Kino. Vor allem aber wirkt Oliver Haffners Film ungemein sympathisch, weil er sich klar an die Seite aller seiner Figuren stellt und deren Nöte und Ängste ernst nimmt wie es im britischen Kino für Mike Leigh und Ken Loach typisch ist. Im Zentrum seiner betont realistisch gestalteten Geschichte ist die Theaterschauspielerin Anna – glänzend verkörpert von Katharina Marie Schubert, die in Klamotten wie Rubbeldiekatz oder Anleitung zum Unglücklichsein in Nebenrollen überzeugte –, die erfahren muss, dass sie ihre Stelle am Stadttheater Ulm wegen eines Intendantenwechsels verliert. Im Jobcenter wird die Mitdreißigerin Anna von einer theateraffinen Jobvermittlerin dazu überredet, eine Gruppe von acht Langzeitarbeitslosen als Bildungsmaßnahme schauspielerisches Handwerk beizubringen.



Ein Geschenk der Götter | (C) Arsenal Filmverleih


Weder Anna noch die meisten der „schwer Vermittelbaren“ sind motiviert, Körper- und Sprechübungen oder Textproben abzuhalten. Doch mal hilft Anna der bärbeißige Handwerker Franz (eindrucksvoll: Paul Faßnacht), mal die gutmütige Erzieherin Betty (Marion Breckwoldt), mal der großmäulige Deutschgrieche Dimitri (Adam Bousdoukos [Soul Kitchen]), die auseinanderstrebende Gruppe zusammenzuhalten. Dass Anna ausgerechnet die antike Sophokles-Tragödie Antigone mit ihren Schützlingen durchproben möchte, nehmen die genervten Wohlstandverlierer, wenn auch murrend, hin, denn was haben sie im Hamsterrad aus Geldmangel und Weiterbildungsmaßnahmen schon zu verlieren? Oliver Haffner braucht für die Schilderung der verschiedenen Schicksale nur knappe Striche und vertraut der mitmenschlichen Imaginationskraft der Zuschauer, sich den elendigen Rest selbst auszumalen. Wenn Frank der Ehefrau seinen Frust darüber vermittelt, dass diese zu Hause keinen Fisch mehr, sondern nur noch die Beilagen zum Abendessen kochen kann, genügen ein paar Blicke und wenige Worte. Beim nächsten Mal findet Frank dann nur noch belegte Brote vor. Solche Skizzen reichen Haffner, um die soziale (Not-)Lage seiner Figuren kenntlich zu machen, wo andere Autorenfilmer dies in Bildern und Dialogen dick aufs Brot schmieren.



Ein Geschenk der Götter | (C) Arsenal Filmverleih


Dafür gönnt sich Haffner etliche satirische Seitenhiebe gegenüber dem provinziellen Theaterleben, dessen Intendanten und Regisseure zwischen kumpelhaften und arroganten Attitüden changieren, und die Schauspieler es vorsichtshalber beim Dienst nach Vorschrift belassen. Letztlich ist es Anna, die Angst davor hat, eine öffentliche Aufführung mit ihren Schützlingen anzustreben, weil sie denkt, dies würde alle – sie inklusive – überfordern. Doch dann sind es die Gestrauchelten, die Anna und den Theaterbesuchern zeigen wollen, was in ihnen steckt und was sie gelernt haben. Das ist zum einen das gewachsene Selbstvertrauen, sich auf die eigene Talente zu besinnen und das Schicksal wieder stärker in die eigenen Hände zu nehmen. Da ist zum anderen die Kraft, die einem kreativen, gemeinsamen Projekt erwachsen kann. Diese optimistische Botschaft wirkt bei Haffner keineswegs aufgesetzt, weil er die Probleme, Selbstzweifel und Widerstände, mit denen die an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten bei ihrer Theaterarbeit konfrontiert sind, nicht ausspart. Nicht nur die Antigone-Aufführung, auch Ein Geschenk der Götter ist eine überzeugende schauspielerische Ensembleleistung. Und dank der eindrucksvollen Dramaturgie, aber auch der Kameraarbeit von Kasper Kaven und der Montage von Anja Pohl rundet sich der Film zu einem ausgesprochen sympathischen Vergnügen.


Max-Peter Heyne - 10. Oktober 2014
ID 8158
Weitere Infos siehe auch: http://www.arsenalfilm.de/


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