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Filmkritik

Radikal nah



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Vielleicht hat es der eine oder andere an Weihnachten (wieder) erlebt, wie es ist, nach längerer Zeit für ein paar Tage „zuhause“ zu sein: Der Erwartungsdruck ist groß, die Familie einander fremd oder gespalten, die Zeit knapp – und schon liegen die Emotionen blank. Doch das ist nichts gegen den subtilen Horror der Gefühlsexplosionen und -implosionen, die Xavier Dolan in seinem neuesten Film Einfach das Ende der Welt zeigt. Denn hier sind 12 Jahre seit dem letzten Besuch des Protagonisten vergangen – und in dieser Zeit hat sich bei allen unendlich viel aufgestaut. Um zu zeigen, was das mit Menschen macht, ist der 27jährige Franco-Kanadier in seinem bereits sechsten Kinofilm den Gesichtern seiner Protagonisten so nahe gekommen wie noch nie; keine Totale, keinen Blick in die Natur oder ein Interieur, also kein Entkommen, kein Entspannen gibt es bei diesen radikalen Nahaufnahmen in leuchtenden Farben. Und dafür arbeitete Dolan mit fünf der besten SchauspielerInnen zusammen, die man sich denken kann.

Gaspard Ulliel ist, seit er mit 19 Mathilde – eine große Liebe (2004) drehte und 2014 der junge Saint Laurent war, beileibe kein Unbekannter mehr. Als der „verlorene Sohn“ dieser Geschichte (nach einem Theaterstück von Jean-Luc Lagarce aus dem Jahr 1990) wird er zum geheimen und geheimnisvollen Zentrum des Films: unter- und hintergründig sein schönes, sinnliches Gesicht, die Trauer und das Herausfordernde zugleich seines Blicks! Bis zuletzt ist nicht klar, was Louis seinem verstocken, wie ein Vulkan vor dem unmittelbaren Ausbruch lauernden Bruder Antoine (Vincent Cassel) und dessen Frau, die er zum ersten Mal trifft (Marion Cotillard), seiner Schwester, die noch klein war, als er die Familie verließ (Léa Seydoux), und der Mutter, die panisch versucht, alle und alles zusammenzuhalten (Nathalie Baye), was Louis also ihnen allen eigentlich so Entscheidendes sagen will! Etwa, dass er, der erfolgreiche Schriftsteller, der gerade mal Postkarten nach Hause sandte oder in Zeitungsartikeln präsent war, schwul ist, dass er HIV-infiziert ist, dass dies bewusst sein letztes gemeinsames Familienessen sein wird oder etwas ganz Anderes?

Je zugewandter und neugieriger die Schwester wird, desto verletzlicher wird sie, und Léa Seydoux spielt das wunderbar hartnäckig, wie auch Marion Cotillard immer fassungsloser in den Abgrund blickt, der sich zwischen den beiden Brüdern mit dem großen Altersunterschied auftut. Denn je mehr wir vom Zusammenleben der Brüder erfahren, desto brutaler erscheint Antoine gegenüber Louis, je mehr die Schwägerin ahnt, was zwischen den Brüdern vorgefallen sein mag, desto mehr eskaliert das Ganze. Vom absurd-lustig-hektischen Beginn, wenn die Mutter sich grade noch die lackierten fußnägel föhnt, bis zum Beinahe-Mord-Versuch kurz vor Schluss zieht sich das Geschehen wie in einer griechischen Tragödie unerbittlich zusammen und am Ende ist nichts wie es zuvor war.




Einfach das Ende der Welt mit Gaspard Ulliel | (C) Shayne Laverdière, courtesy of Sons of Manual

Klaus Kalchschmid - 28. Dezember 2016
ID 9770
Weitere Infos siehe auch: http://www.einfachdasendederwelt-film.de


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