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Rezension

Mit Die geliebten Schwestern zeigt Filmregisseur Dominik Graf eine Dreiecksgeschichte aus den Zeiten des analogen Briefverkehrs jenseits schillernder Geschichtsverklärung



Bewertung:    



Wer könnte wohl ehrlichen Herzens von sich behaupten, in letzter Zeit mal einen Brief verfasst zu haben - eigenhändig geschrieben und höchst selbst bei der Post aufgegeben? So wie das mittlerweile zur Aktiengesellschaft mutierte Unternehmen nicht mehr per Pferdekutsche in den Landen deutscher Kleinstaaterei unterwegs ist und seine Schwerpunkte längst bei der Logistik und in Geldangelegenheiten sieht, beschränkt sich die heutige Korrespondenz zumeist nur noch auf nüchterne Geschäftspost.




Die geliebten Schwestern - Foto © Senator Filmverleih



Just in jenen schnelllebigen Zeiten von E-Post und virtuellen sozialen Netzwerken bringt der deutsche Film- und Fernsehregisseur Dominik Graf einen Streifen ins Kino, der dem Kratzen der Feder auf weißem Bütten mit einer Intensität und Leidenschaft frönt, wie man sie hierzulande lange nicht mehr auf einer Leinwand erleben durfte. Und er verbindet seinen gesellschaftshistorischen Exkurs mit einer Liebesgeschichte um eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die der Kanon des deutschen Bildungsbürgertums zu bieten hat. Dem Dichter, Dramatiker und Gelehrten Friedrich Schiller, einem der Vertreter des freiheitlichen Kunstgedankens jener Zeit, der bis heute den Glauben an die nachhaltig heilenden Kräfte von Literatur und Theater nährt.

Das letzte sogenannte Biopic über den jungen Dichter des Sturm und Drangs stammt aus dem Jahr 2005. Es zeigt uns in Gestalt des Schauspielers Matthias Schweighöfer einen charismatisch jugendlichen Brausekopf, der sich neben seiner selbstzerstörerischen Arbeit am Werk durch die Betten adliger Damen und Hofschauspielerinnen schnupft. Ein Schillerbild, das auf das jugendliche TV-Publikum abzielt, mit seiner plakativ revoltierenden Attitüde aber sicher um einiges am wirklichen Schiller vorbeischießt.

Eines machte Martin Weinharts Film jedoch bereits recht deutlich: die Mühen eines angehenden Genies, sich in einem staatlich nicht subventionierten Kunstbetrieb zu behaupten und einen Gönner bzw. eine Gönnerin für die Alimentierung der künstlerischen Laufbahn zu finden.

1785 verliert der 26jährige Schiller seine Stellung als Theaterdichter in Mannheim und ist finanziell so gut wie am Ende. Hier nun in etwa schließt Dominik Grafs Film Die geliebten Schwestern zeitlich an.

Der Regisseur führt uns in die Zeit der beginnenden Weimarer Klassik um 1787. Goethe weilt in Italien, und der arme, mit erstem Dichterlorbeer bekränzte Schiller kommt auf der Suche nach neuen betuchten weiblichen Sponsoren aus Sachsen - wo ihn Körner, wie vorher schon Henriette von Wolzogen oder seine verheiratete Geliebte Charlotte von Kalb finanziell aufgepäppelt hatte - nach Weimar. Er trifft hier im Vorbeigehen am Hause Charlotte von Steins auf die 22jährige Charlotte von Lengefeld. Graf stellt diese erste fiktive Begegnung zu Beginn als einen kleinen koketten Flirt außerhalb der herrschenden Konventionen dar, die Schiller wohl ob der Schlagfertigkeit der jungen Dame in guter Erinnerung bleibt. Charlotte, aus ländlich verarmtem Adel im thüringischen Rudolstadt, hat da schon ein paar fruchtlose Männerbekanntschaften zwecks erwünschter Eheanbahnung hinter sich und ist ihrerseits vom wortgewandten Fremden fasziniert.




Die geliebten Schwestern - Foto © Senator Filmverleih



Dies ist der Beginn einer intensiven Korrespondenz zwischen beiden, die sich nach Schillers Vorstellung im Hause von Lengefeld in Rudolstadt auf eine weitere Person ausdehnt. Lottes Schwester Caroline verguckt sich ebenfalls in den sympathischen, leicht unbeholfenen Schlacks. Was Schiller durchaus gefällt, da er sich sowohl geistig als auch in Herzensdingen beiden Schwestern zugeneigt fühlt. Und so bildet sich ein verschworenes Dreieck, das sich täglich mit Boten heimliche Briefe hin- und herschickt, für die es eigens, um durch mögliche Indiskretion den jeweils anderen nicht zu kompromittieren, namensverschleiernde Zeichen erfindet. Denn Caroline ist bereits mit dem Freiherrn von Beulwitz verheiratet. Diese arrangierte Ehe sichert dem männerlosen Hausstand der von Lengefelds das finanzielle Überleben. Und so ist es auch für Charlotte vorgedacht. Der junge idealistische Literat Schiller im abgerissenen Rock wirkt da auf die Mutter der Lengefeld-Schwestern eher unpassend und fast schon wie ein Mitgiftjäger.

Den nun folgenden Sommer 1788, den Schiller mit den beiden geliebten Schwestern in Rudolstadt verbringt, rollt Graf fast episch in etlichen Briefzeilen, langen Dialogen aber auch ganz alltäglichen Szenen vor uns aus. Die sonnendurchfluteten Bilder zeigen ein ländlich utopisches Naturidyll an der thüringischen Saale, in dem das Heu noch nach Heu duftet, sich Körper, Seele und Geist ganz langsam zu regen beginnen, dabei die schönsten freien Ideen entwickelnd. Jenes Arkadien, für das Goethe extra nach Italien reiste, schaffen sich die drei für einen Sommer an heimischen Rudolstädter Riviera. Schiller, der die deutschen Lande nie verlassen wird, entwickelt hier seine ganz eigenen Vorstellungen jenes Idealbilds, scheint ihm doch der Sehnsuchtsort Italien gänzlich unerreichbar. Erste Ernüchterung erlebt Schiller dann am Ende des Sommers nach der Rückkehr Goethes bei einem ersten Treffen mit dem großen Vorbild, das nicht ganz nach seinen Vorstellungen verläuft.

Dass diese Idylle trügerisch sein könnte, ist sowohl Regisseur Graf als auch seinem Schiller durchaus bewusst. Zunächst jedoch schwelgt der Film mit der Ménages-à-trois noch in deren Vorstellungen vom Leben und der Liebe zu dritt. Schiller bekommt eine Professur an der Jenaer Universität, hält dort seine bekannte Antrittsrede Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?, bei der sich die Schwestern in Männerkleidung einschmuggeln und die Studenten mit Jakobiner-Kokarden am Revers als Zeichen der französischen Revolution Schiller zujubelnd die Hüte in die Luft werfen. Der junge Schiller ist diesen Ideen und dem allgemeinen Fortschritt durchaus zugetan. Durch die Revolutionierung des Buchdrucks erhofft er die schnelle Verbreitung seiner Werke und glaubt sich an der Schwelle einer ganz neuen Zeit.

Schiller, der nun vor allem auch bedacht ist, seine Liebesverhältnisse zu ordnen, entscheidet sich schließlich auf Drängen und nach Fürsprache Carolines bei der Mutter für die unverheiratete Charlotte, ist aber noch im guten Glauben, die Beziehung zu beiden Schwestern wie bisher fortsetzen zu können. Die verschworene Gemeinschaft bekommt erste Risse, als Schiller sich ohne Wissen der Verlobten auf eine Nacht mit Caroline einlässt. Der Film vollzieht hier eine Wendung hin zum bürgerlichen Alltag der Familie Schiller, dem Kinderkriegen und den ständigen finanziellen Nöten. Caroline, die nun ihr Leben mit eigenen Liebschaften lebt, ist da außen vor. Schiller verbindet aber weiterhin ein herzliches und kreatives Verhältnis mit Caroline. So arbeiten sie gemeinsam an ihrer literarischen Karriere. Schiller hilft ihr über den Freund Wilhelm von Wolzogen aus der ungeliebten Ehe mit Beulwitz. Und ein uneheliches Kind will sogar wesentlich mehr suggerieren.

Jedoch selbst noch in Zorn und Eifersucht sind sich die Schwestern hier sehr nah. Da passt eigentlich kaum ein Blatt Briefpapier dazwischen, geschweige denn ein Mann. Vor den Augen des sterbenden Schillers verwischen sich dabei allerdings auch die Konturen der beiden Geliebten. Dominik Graf hat mit diesem Film kongenial Biografisches und gesellschaftliches Leben mit ganz persönlichen Wünschen und Empfindungen der Figuren verbunden. Mit unaufdringlicher Stimme kommentiert der Regisseur immer wieder aus dem Off das Geschehen, wobei es dieser Krücke eigentlich nicht zwingend bedarf. Das Vergangene verweist hier immer auch in die Gegenwart. Denn seit dem Scheitern der Ideale der französischen Revolution, was hier kurz mal das historische Pflaster rot färbt, bleibt die Frage der Menschheit nach dem, wie wir leben wollen, weiterhin aktuell. Parallelen lassen sich da durchaus zu den 68ern in der Bundesrepublik ziehen, oder auch zum real existierenden Sozialismus einer DDR.




Die geliebten Schwestern - Foto © Senator Filmverleih



Aus seinem 170minütigen BERLINALE-Wettbewerbsbeitrag hat Graf fürs Kino eine um etwa 30 Minuten kürzere neue Schnittfassung erstellt. (Fürs Fernsehen wird es noch eine dreistündige Fassung in zwei Teilen geben.) Es wurde viel an Originalschauplätzen wie der Heidecksburg in und um Rudolstadt oder Weimar gedreht. Graf schöpft aus erhalten Briefen und bleibt nahe an den bekannten Fakten, lässt aber im geschriebenen Wort auch Platz für Fantasie und Spekulation. Diesem Film werden aber vor allem durch seine überzeugenden Hauptdarsteller (Henriette Confurius als Charlotte, Hannah Herzsprung als Caroline und Florian Stetter als Schiller) das erforderliche Leben und jene Leidenschaft eingehaucht, die Graf mit seinem um einiges an Fiktion angereichertem Drehbuch behauptet. Und er ist dabei DEFA-Literaturverfilmungen wie Lotte in Weimar (1975), Die Leiden des jungen Werthers (1976) oder auch dem Hölderlin-Film Hälfte des Lebens (1984) näher als einer TV-Biofiction à la Goethe! aus dem Jahr 2010.


Stefan Bock - 5. August 2014
ID 7994
DIE GELIEBTEN SCHWESTERN (D/A 2014)
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf
Kamera: Michael Wiesweg
Kostüm: Barbara Grupp
Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem
Schnitt: Claudia Wolscht
Produzent: Uschi Reich und Grigoriy Dobrygin
Besetzung:
Charlotte von Lengefel ... Henriette Confurius
Friedrich Schiller ... Florian Stetter
Caroline von Beulwitz ... Hannah Herzsprung
Frau von Stein ... Maja Maranow
Madame von Lengefeld ... Claudia Messner
Wilhelm von Wolzogen ... Ronald Zehrfeld
Charlotte von Kalb ... Anne Schäfer
Friedrich von Beulwitz ... Andreas Pietschmann
Carl Ludwig von Knebel ... Michael Wittenborn
Christian Gottfried Körner ... Peter Schneider
Filmstart war am 31. Juli 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.senator.de/movie/die-geliebten-schwestern


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



 

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