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Rezension

Filmstart: 6. März 2014

Der Tropfen - Ein Roadmovie (D 2013)

Ein Film von Matthias Kubusch & Robert von Wroblewsky



Rainer (David Emig) hat einen kleinen, stummen Schutzengel (Fee Schnittker) an seiner Seite und ein altes Moped Marke Simson Suhl. Mit diesem Betriebskapital und Geschäftsrisiko gleichermaßen ist er der Pizza Flitzer von Steinach, einem tief verschneiten Ort weit ab im Thüringer Wald. „So schnell wie Rainer ist hier keiner.“ witzelt die rechtsdrehende Dorfjugend und verpasst seiner Pizza Fungi einen deutschen Dipp. Zu den täglichen Demütigungen kommen die Belehrungen des südländischen Pizzabäckers und die Gewissheit, hier im Leben nicht mehr rauszukommen. Daheim bastelt Rainer an einer Bombe und träumt davon, dem ihn umgebenden Menschenmüll wieder eine Ordnung zu geben. Er pflegt seine demente Mutter (Walfriede Schmitt), die am liebsten vor dem Fernseher sitzt, aus dem ununterbrochen der Musikantenstadl trällert. Sie verlangt Respekt von ihrem Sohn und den richtigen Gebrauch des Genitivs. Ansonsten erkennt Mutti niemanden mehr, ihre Augen leuchten nur beim Rennsteiglied und der Erwähnung von Rainers flüchtigem Erzeuger (Florian Martens).




David Emig und Winnie Böwe und David Emig im Film Der Tropfen - Foto © Schauhaus Kollektiv



Der hat sich beizeiten nach Weimar abgesetzt, der Stadt der deutschen Klassik, ist aber auch nur in einem der immer gleichen Arbeiterschließfächer gestrandet. Nachdem Mutti heimlich ins Pflegeheim abgeschoben ist, macht sich Rainer auf den Weg, und fordert für seine Fahrt nach Berlin die Funktionärsrente des herzlosen Vaters mit der resistenten Leber und dazu passenden Weltanschauung ein. Was er erbeutet, ist die Kriegskasse der auf eine neue Chance wartendenden ehemaligen Weltverbesserer und eine Pistole, die auch prompt losgeht. Das Spiel wiederholt sich beim ehemaligen Jugendfreund Andi (Harald Schrott), der als Anlageberater in eine nationale Zukunft investiert und aus seiner Gesinnung und sexuellen Ausrichtung keinen Hehl macht.

Rainers verzweifelte Odyssee durch den verschneiten Osten des wiedervereinten Deutschlands führt ihn auch noch zu seiner Exfreundin Sabine (Winnie Böwe), die Haus, Mann und Kind in Apolda dem einstigen Traum, etwas mit Rainer zu erleben, vorgezogen hat. Ein gegenseitiger großer Irrtum. Für Rainer beginnt hier die einstmals im gemeinsamen Lied besungene "Andrea Doria" endgültig zu sinken. Ziemlich am Ende seines Lateins erscheint ihm schließlich die Barmherzigkeit Gottes in Gestalt von Schwester Marina (Franziska Troegner), die ihn vom Straßenrand aufliest und ins Klosterstift zu Naumburg bringt. Hier bekommt der Film eine wohltuende Ruhephase, und Rainers Seele tankt noch mal kurz auf. Aber selbst die Methode Glaube, Liebe, Hoffnung scheint nicht die erwünschte Erlösung zu bringen. Auch Gott will ihn nicht erhören. Als Pfarrer Brühl (Matthias Freihof) noch den seelsorgenden Bürokraten rauskehrt, ist für Rainer Schluss mit der Barmherzigkeit und "deus ibi est".




Der Tropfen - Foto © Schauhaus Kollektiv



Wiedermal enttäuscht geht Rainer weiter seinen vorbestimmten Weg. In Leipzig trifft er bei der Suche nach einem Bauteil für seine Bombe auf Fossy (Pierre Sanoussi-Bliss). Ein waschechter schwarzer Sachse aus Eilenburg, was nicht die Vorstadt von Johannesburg ist, wie er betont. Der Kleinkriminelle und Lebemann auf Hartz IV mit Hang zum Laissez-faire beschafft das Unmögliche nach dem Prinzip: „Teile und herrsche“. Hier wird Rainers sowieso schon recht niedrig liegende Toleranzschwelle noch einmal um einiges gedrückt. Ein weiterer stressbedingter Aussetzer und Rainer ist wieder on the Road. Sein Ziel Berlin erreicht er schließlich per Zug und lernt beim deftigen Bäckerfrühstück Marlene (Maria Thomas) kennen, die ein offenes Herz und ein Zimmer in ihrer WG frei hat.

Marlene scheint Rainer endlich das geben zu können, was dem Ruhelosen fehlt. Aber auch hier macht sich bald wieder ein untrügliches Gefühl des Unbehagens breit. Fragen nach seiner Familie nerven Rainer, und die taffe Mitbewohnerin Hedda (Christina Emig-Könning, Chefin der Friedrichshainer Theaterkapelle) samt Kiezbekanntschaft aus dem lockeren Prenzlberger Künstlerprekariat überbeanspruchen seine Geduld. Bei aller Liebe scheint ihm nichts mehr zu helfen. Die lange aufgestaute Wut, die er stumm in sich einschließt, lässt Marlene schließlich auf Abstand gehen, und Rainer hat mal wieder verkackt. Tropfen für Tropfen sammelt sich in ihm, bis das Fass zum Überlaufen kommt.

Spannend und nicht ohne Witz erzählt dieses kleine Roadmovie die Geschichte eines glücklosen Tropfs mit einem großen Sinn für Gerechtigkeit, der durch sein Handeln fast unaufhaltsam aus dieser Welt fällt. Mit einem Minimalbudget, das die Macher durch Crowdfunding aufgebessert haben, ist Matthias Kubusch und Robert von Wroblewsky ein feinsinniger, in Teilen berückender Film gelungen, der bis in die kleinsten Rollen großartig und prominent besetzt ist. Nicht einfach nur die x-te Aufarbeitung ostdeutscher Befindlichkeiten, sondern ein kleiner Aufruf für mehr Aufmerksamkeit und Verständnis an alle, die das Zuhören bereits verlernt haben.




Matthias Freihof, Franziska Troegner und David Emig im Film Der Tropfen - Foto © Schauhaus Kollektiv



Bewertung:    



Stefan Bock - 9. März 2013
ID 7658
DER TROPFEN (D 2013)
Regie: Matthias Kubusch & Robert von Wroblewsky
Drehbuch: Matthias Kubusch
Nach einer Idee von Matthias Kubusch & Robert von Wroblewsky
Mit: David Emig, Fee Schnittker, Walfriede Schmitt, Franziska Troegner, Winnie Böwe, Hannelore Koch-Minetti, Cornelia Lippert, Maria Thomas, Pascal von Wroblewsky, Christina Emig-Könning, Florian Martens, Harald Schrott, Matthias Freihof, Pierre Sanoussi-Bliss, Werner Daehn, Karsten Troyke, Jörg Zirnstein u.v.a.
Berlin-Premiere war am 3. März 2014 im Kino Babylon


Weitere Infos siehe auch: http://dertropfen.wordpress.com


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



 

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