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Rezension


Filmstart: 18. April 2013

Das Leben ist nichts für Feiglinge - (D 2012)

Schauspieler Wotan Wilke Möhring spielt zum zweiten Mal einen Mann, der urplötzlich seine Frau verliert

Ein Interview über Trauer im Film und Leben


Wieder unerwartet Wittwer


Der Zufall will es, dass Wotan Wilke Möhring in relativ kurzem Abstand zweimal einen Ehemann und Vater spielt, der unerwartet zum Witwer wird – und beide Filme trotz ihres auf den ersten Blick traurigen und unpopulären Themas wegen ihrer interessanten und authentisch wirkenden Figuren einen hohen Unterhaltungswert haben: Für seine herausragende Leistung im Fernsehfilm Der letzte schöne Tag erhielt der aus Dortmund stammende Publikumsliebling, der demnächst gemeinsam mit Petra Schmidt-Schaller im Hamburger Tatort ermitteln wird, den Deutschen Fernsehpreis 2012 als „Bester Schauspieler“.

Während die TV-Produktion Der letzte schöne Tag vergangenen Jahr Vater und Tochter mit dem überraschenden Selbstmord der Ehefrau und Mutter konfrontiert, reißt im Kinofilm mit dem programmatischen Titel Das Leben ist nichts für Feiglinge ein bizarrer Unfall eine Frau unvermittelt aus dem Leben. Die schwarzhumorige Einleitung verweist bereits auf den Tonfall des gesamten Filmes, der anders als Der letzte schöne Tag nicht nur die traurigen, verzweifelten, sondern auch die absurden Momente zeigt, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen auftreten können.

Der Film schafft seine Gratwanderung zwischen Drama und Komödie dank des exakt durchkomponierten Drehbuchs und der überzeugenden schauspielerischen Interpretationen – auch der Frauenfiguren! – mit einer bei diesem Thema seltenen Leichtigkeit. Manche Volte wirkt zwar etwas aufgesetzt, aber nie so sehr, dass die Geschichte sich als Kinoerlebnis aufdrängt und damit ihre Absichten unterliefe. Gezeigt wird nämlich, was Sozialforscher schon seit vielen Jahren erforscht haben:

Menschen erleben Trauer so unterschiedlich bzw. gehen damit so verschieden um, dass ein Verlusterlebnis sie eben nicht notwendigerweise zusammenführt, sondern vielfach voneinander trennt. Die hohen Scheidungsraten nach dem Verlust eines gemeinsamen Kindes sind dafür ein eindeutiges Indiz. Auch in Das Leben ist nichts für Feiglinge müssen Vater und Tochter feststellen, dass sie sich an das Alleinsein ohne Ehefrau und Mutter auf sehr unterschiedliche Weise gewöhnen und zwischen beiden erst einmal die Sprachlosigkeit vorherrscht.

Der Vater sieht sich herausgefordert, gegenüber der Tochter der Stärkere sein zu müssen, kann dem aber nur eingeschränkt gerecht werden. Und er selbst muss erleben, dass sich Trauer nicht bewusst und absichtsvoll so einfach innerhalb einer gewissen Zeitspanne "bewältigen" lässt. Sondern dass es eben die Zeit braucht, die er und seine Tochter brauchen. Trauer als Entschleuniger in einer auf ökonomischem Effektivitätsstreben ausgerichteten, von medialer Zeiteinteilung beherrschten Umwelt ist nichts für Feiglinge. Gefühle lassen sich nicht immer danach formen, wie Wotan Wilke Möhring im Interview zu Recht betont.



Vater (Wotan Wilke Möhring) und Tochter (Helen Woigk) haben Mühe, sich nach dem Tod von Ehefrau und Mutter gemeinsam Halt zu geben - Foto (C) NFP Verleih

Die Großmutter (Christine Schorn) und ihre neue Pflegerin (Rosalie Thomass) finden schon eher zueinander, bevor sie sich trauen, dem überfordert wirkenden Witwer ihre Geheimnisse anzuvertrauen - Foto (C) NFP Verleih



Herr Möhring, haben Sie einen persönlichen Tipp für den Umgang mit Trauer?

Wotan Wilke Möhring:
Da ergeht es mir wir jedem Normalsterblichen auch: Sobald der konkrete Fall eintritt, sind alle guten Ratschläge Makulatur. Negative Gefühle wie Eifersucht, das letztlich gegen einen selbst gerichtet ist, kann man versuchen abzustellen. Aber Trauer ist ein vom Schicksal bestimmtes Leiden, dem man sich stellen muss. Sicherlich kann man sich durch körperliche Aktivität wie z. B. Gartenarbeit ablenken, denn das hilft wenigstens, den Körper müde zu bekommen, wenn schon der Geist keine Ruhe findet. In unserer Gesellschaft wird der Tod ja gerne verdrängt, z.B. durch eine Bestattungskultur, die stark auf Ablenkung setzt. Das mag hilfreich sein, um den ersten Schock abzufangen. Aber manche Dinge brauchen eben ihre Zeit, sie lassen sich nicht forcieren. In Das Leben ist nichts für Feiglinge findet für mich die eigentliche Trauerarbeit erst mit dem letzten Bild an, wenn Vater und Tochter sich emotional wieder näher gekommen sind, besser voneinander wissen, was sie empfinden und bereit für einen Neuanfang sind. Tod und Trauer gehören zum Leben dazu, insofern muss ein Film das auch thematisieren dürfen.


Anders als in der Komödie Mann tut was Mann kann sind Sie jetzt in Das Leben ist nichts für Feiglinge fast der einzige Mann neben lauter interessanten Frauen: Christina Schorn, Rosalie Thomass und der jungen Helen Woigk.

WWM:
Das war großartig! Vor allem finde ich es toll, dass die Produzenten so mutig waren, mit Helen Woigk einer so begabten Debütantin eine der Hauptrollen anzuvertrauen. Und bei mir wird mit zunehmendem Alter die Rolle des Familienvaters offensichtlich immer glaubwürdiger. [Privat wurde Möhring bereits zum dritten Mal Vater, Anm. d. A.]


Das Drehbuch von Das Leben ist nichts für Feiglinge balanciert sehr gekonnt zwischen komischen und dramatischen Momenten.

WWM:
Ich finde, dass der Roman- und Drehbuchautor Gricksch es wie kein Zweiter schafft, in seinen Szenen und Dialogen beide Aspekte, das lachende und das weinende Auge, zu verbinden. Diese Ambivalenz zeichnet ein gutes Drehbuch aus. Ich kann als Schauspieler zwar Verhaltensweisen ergänzen, aber die müssen aus dem Charakter heraus entstehen. Doch wenn im Drehbuch die zweite Ebene, der Subtext, nicht vorhanden ist, dann wird auch der Film sie nicht aufweisen. Das heißt nicht, dass ich selbst nicht auch manchmal im fertigen Film aufgrund des Schnitts oder der Musik etwas Neues über eine Szene erfahre, was ich während des Drehens so nicht wusste. Schließlich erlebe ich einen Film dann auch erstmals als dahinfließende Einheit wie alle anderen Zuschauer.


Für Sie läuft es im Moment sehr gut: Erst das Angebot als Tatort-Kommissar, dann der Deutsche Fernsehpreis, diverse, ganz unterschiedliche Kinofilme.

WWM:
Ja, zwischen den Dreharbeiten der beiden Filme Mann tut was Mann kann und Das Leben ist nichts für Feiglinge lag nicht einmal eine Woche. Nach einer leichten Komödie, in der die Hauptfigur mit ihrer Zögerlichkeit eher weit von mir selbst entfernt war, war Das Leben ist nichts für Feiglinge ein reizvoller Kontrast. Einen zerrissenen Charakter zu spielen, ist für einen Schauspieler immer eine dankbare Aufgabe. Wobei gerade beim Drehen dramatischer Stoffe auch viel gelacht wird. Das verhält sich ähnlich wie bei Trauerfeiern, wo man auch manchmal loslachen möchte. Das Tragische beinhaltet immer auch eine Tendenz zum Heiteren.



Max-Peter Heyne - 23. April 2013
ID 6694

Weitere Infos siehe auch: http://www.feiglinge-derfilm.de/


Post an Max-Peter Heyne



 

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