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Rezension


Die absurde Komödie Computer Chess erinnert formal täuschend echt an die Antike der Computer-Ära





Als die Nerds noch unschuldig waren

Erinnern sich die älteren Semester unter uns noch an die Zeiten, als Computer aus bretterartigen Tastaturen, wurstdicken Kabeln und Türmen bestanden, die oft so klobig waren, dass sie kaum unter einen normal hohen Schreibtisch passten? Als die Commodores dieser Welt noch teurer als Gebrauchtwagen waren und nur so lange Dienst taten wie die eingebauten Siliziumbatterien, die eine grüne Flackerschrift auf einem pechschwarzen Bildschirm fluoreszieren ließen, der gleich einem Röntgengerät auf den Schreibtischen thronte? An das Paläolithikum des Computerzeitalters erinnert die herrlich groteske US-Independent-Produktion Computer Chess, und zwar nicht nur inhaltlich, sondern konsequent auch im Stil.

Regisseur Andrew Bujalski (Beeswax, 2009) macht sich einen Spaß daraus, den Film formal so wirken zu lassen, als handele es sich um ein originales Zeitdokument aus den frühen achtziger Jahren, als die Videotechnik noch schwiemelig-verwaschene Bilder produzierte, auf denen jede hastige Bewegung und jede stärkere Lichtquelle massenhaft Flimmer- und Nachzieheffekte hinterließ. Auch die abrupten, ohne ästhetischen Grund vollzogenen Schnitte erinnern an das frühe Gestümper mit den Start- und Stoptasten an der Videokamera. Tatsächlich hat Bujalski die Bilder aber mit zeitgenössischer Digitaltechnik gefilmt und erst hinterher verblüffend echt auf Retro getrimmt.

Auch die Story ist eine schräge Reminiszenz an den Zeitgeist der frühen Video- und Computer-Ära, als Nerds noch Tüftler oder Technikfreaks genannt wurden: Irgendwo in einem kleinen Hotel in der amerikanischen Provinz treffen sich 1984 unter der Leitung eines Doyen der Kommunikationstechnologie mehrere Gruppen von Computerprogrammierern zum Wettstreit in einem Schachturnier Mensch gegen Maschine. Fröhliche Wissenschaft todernst vollzogen – so könnte das Motto der Turnierteilnehmer lauten, unter denen sich nur eine Frau befindet. Wo nächtliche Akribie beim Knacken von Codes nicht weiterhilft, liegen alle Hoffnungen der jungen Bill Gates-Klone auf technologischen Masterminds wie dem ominösen Dr. Schoesser, der allerdings erst einmal wegen ominöser Anfragen von Regierungsstellen wie dem Verteidigungsministerium (!) verhindert ist. Nachtigall, ick hör dir trapsen…

Für Verwirrung bei den Nerds sorgt eine Gruppe esoterischer Sinnsucher und Swinger, die im selben Hotel abgestiegen ist: Zwei Welten treffen aufeinander, die beide in Sachen Kommunizieren Probleme haben. Drehbuchautor und Regisseur Andrew Bujalski schlägt daraus allerdings keine großen komödiantischen Funken; er begnügt sich mit subtilen Anspielungen und dem Wiederaufleben einer Zeit, die aus heutiger Sicht von einer grotesk naiven Technikgläubigkeit geprägt war, die allerdings in Teilen bis heute fortwirkt: Die heilsbringende, emanzipierende Wirkung, die sich die Technikavantgarde von der Privatisierung der Kommunikations- und Filmtechnologie versprach, transformierte sich bis in unsere Web 2.0-Piraten-Ära, bis der NSA-Skandal uns endgültig an die hässliche Fratze des technisch Machbaren erinnerte. Bujalski blendet mit hintergründigem, trockenem Witz zurück zur Vorgeschichte dieser Entwicklung, die vielen, die sie miterleben durften, eine Ewigkeit weit weg erscheinen wird.




Computer Chess - Foto © Rapid Eye Movies


Bewertung:    



Max-Peter Heyne - 12. November 2013
ID 7363

Weitere Infos siehe auch: http://www.computerchessmovie.com/


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