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Rezension

Mutter ist die Beste (II)

Eine behütete Adoleszenz, heiter-melancholisch serviert - die amerikanische Langzeiterzählung Boyhood



Bewertung:    



Der texanische (!) Autorenfilmer Richard Linklater hatte schon immer Mut für formale Experimente. Er drehte unter anderem Filme wie Slacker (1991), Waking Life (2001) und A Scanner Darkly (2006), die sich durch ungewöhnliche Kameraarbeiten, Bildbearbeitungen und Dramaturgien auszeichneten. Außerdem drehte er seit 1994 im Abstand von jeweils sieben Jahren die Geschichte des fiktiven Liebespaares Celine (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) in seiner Before Sunrise/Before Sunset/Before Midnight–Trilogie, deren Teile jedes Mal auf der BERLLE Premierentriumphe feierten. Doch kaum jemand konnte ahnen, dass Linklater währenddessen noch ein weiteres Langzeitprojekt am Wickel hatte, das zu den wagemutigsten und abenteuerlichsten Experimenten der Filmgeschichte zählt: Über zwölf Jahre hinweg drehte Linklater jedes Jahr für einige Tage in seiner texanischen Heimat die Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen, die sich von der Grundschulzeit bis zum Schulabschluss erstreckt. Und das mit jeweils denselben Schauspielern, was vor allem im Falle der Kinder – Ellar Coltrane und seiner eigenen Tochter Lorelei Linklater – ein beträchtliches Risiko enthielt, denn er konnte ja nie wissen, ob diese für das Funktionieren der Geschichte so wichtigen Hauptdarsteller nicht irgendwann das Handtuch werfen würden.




Boyhood - Foto (C) Universal Pictures International



Und tatsächlich bestätigte ausgerechnet Linklaters Tochter auf der Pressekonferenz der BERLINALE, dass sie als Heranwachsende keine Lust mehr auf das Projekt hatte und sich wünschte, er würde sie im ständig neu weiterentwickelnden Drehbuch sterben lassen. Doch Linklater konnte sie wie auch seine wagemutigen Koproduzenten immer wieder überreden, bei der Stange zu bleiben. Wunder, oh Wunder: Linklater lag mit seinem Bauchgefühl richtig, in dem damals siebenjährigen Ellar Coltrane den geeigneten Jungen für seine Langzeitstudie über das Aufwachsen in der Provinz des amerikanischen Mittelwestens gefunden zu haben. Linklater wählte die Suburbs mittelgroße Städte als Schauplatz, die nach seiner Auffassung in US-Filmen unterrepräsentiert sind, obgleich die Mehrzahl seiner Landsleute in diesem Umfeld lebt. Treffsicherheit beweist Linklater wieder einmal in der dramaturgischen Abfolge der vielen einzelnen Szenen, die als Mosaik ein sehr genaues Bild von den scheinbar nebensächlichen, aber nachhaltig prägenden Dingen des Lebens vermitteln.

Mit leichten Strichen verweist Linklater auf die technologischen Fortschritte, welche die Medien und damit das Alltagsleben vor allem der Heranwachsenden massiv verändern. Statt in Zeitschriften und im Fernsehen konsumieren die Kids heute im Internet – doch bei den Jungs haben sich die inhaltlichen Prioritäten nicht verändert: Nackte Frauen stehen in jeder Ära ganz hoch im Kurs. Dadurch, dass Linklater mit denselben Akteuren über einen sehr langen Zeitraum gedreht hat (und sich beinahe drei Filmstunden zur Vermittlung seiner Auswahl Zeit nimmt), kann er den Kontrast zwischen individueller Lebensführung und den schleichenden Veränderungen auf gesellschaftlicher und makroökonomischer Ebene (Änderung der Geschlechterverhältnisse, Auswirkungen der lokalen bzw. nationalen Politik etc.) kenntlich machen, ohne aufdringlich zu wirken. Auch lassen die „ewigen Themen“ seiner Erzählung – pubertäre Identitätskrisen, Schwärmereien, erster Liebeskummer, Beziehungsversuche, Streit mit Eltern – viele Vergleiche mit eigenen Kindheitserinnerungen zu. Viele andere Anspielungen auf den typisch amerikanischen Alltag sorgen hingegen für satirische Spitzen: Die Spaltung in Parteianhänger von Demokraten und Republikanern wird schon in den Vorgärten demonstriert. Die ländlich-konservativ lebenden (Schwieger-)Großeltern von Mason schenken dem 17jährigen sein erstes Gewehr und eine exklusive Bibel.




Boyhood - Foto (C) Universal Pictures International



Sehr gelungen sind auch die Elternfiguren in Linklaters Film: Ethan Hawke ist wieder mit von der Langzeit-Partie und mimt sehr überzeugend einen wenig karrierebewussten, aber warmherzig-liebevollen Familienvater. Patricia Arquette überzeugt in jeder der vielen Einzelszenen als alleinerziehende, quasi erzwungenermaßen pragmatisch denkende Frau, die in erster Linie das Wohlergehen ihrer Kinder im Blick haben muss. Indem Linklater dies klar herausstellt und eine patente, wenn auch wenig selbstreflexive Frau porträtiert, diskreditiert er ihre Schwäche nicht; nämlich ihren Hang, bei der Partnersuche bevorzugt auf Hochstapler hereinzufallen, die – egal, ob Intellektuelle oder Handwerker – in Wahrheit charakterlich schwache Persönlichkeiten sind, denen unter Alkoholeinfluss das eigene Leben entgleitet. Kann passieren, gibt Linklater den Zuschauern zu verstehen, denen er keinen Grund gibt sich besserwisserisch über die Figuren zu erheben.

Es grenzt nicht nur an ein Wunder, dass Boyhood überhaupt zustande kam, sondern dass es allen Beteiligten gelungen ist, ein 12-Jahres-Projekt zu vollenden, das aussieht wie aus einem Guss. Dass dieses aberwitzige, indes formal-dramaturgisch so homogene Meisterwerk auf der diesjährigen BERLINALE "nur" einen silbernen Regie-Bären erhielt, ist auch mit mehreren Monaten Abstand nicht nachvollziehbarer geworden. Der Film des Jahres, egal was noch kommt.




Boyhood - Foto (C) Universal Pictures International



Max-Peter Heyne - 6. Juni 2014 (2)
ID 7892
Weitere Infos siehe auch: http://www.boyhood-film.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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