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Rezension

Unterkühlte Spannung in einem trüben Hamburg

A MOST WANTED MAN - Philip Seymour Hoffmans letzter Film


Bewertung:    



Wer ein Actiondrama erwartet, ist in A Most Wanted Man definitiv fehl am Platz. Es ist ein Film, der überwiegend von Atmosphären und schauspielerischen Leistungen lebt – allen voran der im Frühjahr an einer Überdosis Heroin verstorbene US-Mime Philip Seymour Hoffman. Auch in seinem letzten vollendeten Film zeigt Hoffman noch einmal seine besondere Begabung, einen Charakter auch vermittels kleiner Nuancen lebendig werden zu lassen. Mich hat Hoffman erstmals 2004 auf der BERLINALE begeistert, wo das Psychodrama Owning Mahony in der Panorama-Reihe zu sehen war, es danach aber leider nie in die deutschen Kinos schaffte. Hoffman, der damals als einziger Schauspieler der Hauptbesetzung nicht nach Berlin kommen konnte, weil er kurz vor den Dreharbeiten zu Capote stand, der ihm dann einen Oscar eintrug, war von einer sensationellen Intensität.
Aus heutiger Sicht beängstigend: Hoffman spielte einen spielsüchtigen Bankmanager, der mit dem ihn anvertrauten Privatgeldern heimlich seiner Casinoleidenschaft frönt, die ihn in den finanziellen und physischen Absturz befördert.

Offenkundig wusste Hoffman damals aufgrund seiner eigenen Erfahrungen sehr genau, was eine Sucht mit dem Betroffenen anstellt, doch wie sehr er trotz seines jahrelangen Erfolges nahe am Abgrund stand, ahnten wohl nur enge Vertraute. Jedenfalls betont sein deutscher Kollege Rainer Bock, der in A Most Wanted Man seinen Konkurrenten und Gegenspieler beim Verfassungsschutz spielt, nichts von der Drogenabhängigkeit Hoffmans gewusst zu haben, der sich bei den Dreharbeiten in Hamburg im regnerischen Herbst 2012 oft abkapselte. Es ist eine Tragödie, dass die gebrochene Melancholie, die Hoffman in seiner Rolle als deutscher Geheimdienstmitarbeiter Günther Bachmann so überzeugt ausstrahlt, offenkundig nicht nur reine Schauspielerei war. Welches Ausnahmetalent der Filmwelt mit Hoffmans Tod verloren gegangen ist, beweist der Agententhriller mit deutsch-amerikanischer Besetzung jedenfalls auf schmerzhafte Weise – zumal die Handlung nicht hundertprozentig zu überzeugen vermag.



Willem Defoe und Philip Seymour Hoffman in A Most Wanted Man - Foto (C) Senator Film Verleih

Philip Seymour Hoffman und Daniel Brühl (beide sitzend) in A Most Wanted Man - Foto (C) Senator Film Verleih

Herbert Grönemeyer, Nina Hoss und Philip Seymour Hoffman in A Most Wanted Man - Foto (C) Senator Film Verleih


Was im 2008 erschienenen Roman Marionetten des mittlerweile 83jährigen Bestsellerautors John le Carré (Der Spion, der aus der Kälte kam, 1963) durchaus spannend und aufschlussreich zu lesen ist, wirkt als werkgetreue Verfilmung eher schwerfällig und sogar etwas bieder. Der niederländische Regisseur hat sich auch in seiner dritten Regiearbeit nach Control und The American auf die psychologischen Aspekte der Hauptfigur konzentriert und darüber den Spannungsbogen vernachlässigt. Dies ist jedoch verzeihlich, was einerseits an Hoffman, andererseits an dem politisch-soziologischen Hintergrund der Story liegt, die im Kleinen ein Abbild des weitgehend von US-Geheimdiensten dominierten – und teils rücksichtslos geführten Kampfes gegen den internationalen Terror bietet:

Der aus russischer Folterhaft inkognito nach Hamburg geflohene Issa Karpow (Grigoriy Dobrygin, bekannt aus Wie ich den Sommer beendete) wird von Informanten des deutschen Verfassungsschutzes schnell erkannt. So heftet sich eine inoffiziell operierende Einheit unter Leitung Günther Bachmanns schnell an seine Fersen. Die Frage der deutschen Geheimdienstler ist, wofür Karpow – halb Tschetschene, halb Russe und deshalb mit einer zerrissenen Biografie ausgestattet – das von seinem Vater geerbte Geld verwenden will: für Terroraktionen oder für wohltätige Zwecke, wie er gegenüber einer idealistischen Anwältin (schön und schlau: Rachel McAdams) behauptet? Bachmann, der nach einer verpatzten Aktion im Nahen Osten wieder Erfolge vorweisen muss, setzt die junge Anwältin, aber auch den Chef der Hamburger Privatbank (Willem Dafoe) unter starken Druck, um an Karpow heranzukommen und möglichen Terror zu verhindern, und bricht dabei auch mit deutschen Gesetzen (die Entführung der Anwältin ist der unwahrscheinlichste und daher schwächste Aspekt des Films). Bachmanns Mannschaft (die deutschen Akteure Nina Hoss, Daniel Brühl und Kostja Ullmann) stehen ihm dabei loyal zur Seite, aber wie sich herausstellt, muss Bachmann nicht nur die Unwägbarkeiten des Falles selbst, sondern die Intrigen seiner Kollegen von Verfassungsschutz (Rainer Bock) und des CIA (Robin Wright) fürchten, die sich als Hardliner nicht sonderlich um diplomatisches Fingerspitzengefühl kümmern. Einen Gastauftritt als Geheimdienstkoordinator hat Corbijn-Freund Herbert Grönemeyer, der auch die Musik komponierte.

Der ehemalige englische Geheimdienstler John le Carré, der perfekt Deutsch spricht und viel für seinen Roman in Hamburg recherchiert hat, verarbeitete in dieser Geschichte die Stimmungsverschärfung im Geheimdienstmilieu nach den Attentaten vom 11. September 2001. Auch Anton Corbijns Verfilmung bietet ein glaubwürdiges Szenario, obwohl die meisten deutschen Rollen von Amerikanern gespielt und im Original englisch gesprochen werden. Die dramaturgische Behäbigkeit wird durch den authentischen Hintergrund zwar nur abgemindert und nicht kompensiert, aber für intelligente und hintersinnige Kurzweil innerhalb einer mal melancholisch, mal bedrohlich wirkenden Atmosphäre ist gesorgt.


Max-Peter Heyne - 15. September 2014
ID 8094
Weitere Infos siehe auch: http://www.senator.de/movie/a-most-wanted-man


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