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Rezension


Am Himmel Aylin Tezel – über einem weiteren neuen Film mit Berlin-Feeling leuchtend


Am Himmel der Tag - Filmstart: 29. November 2012


Ein bisschen schwanger

Berlin als Schauplatz für deutsche Spielfilme hat weiter Konjunktur: Soeben hat Oh Boy-Hauptdarsteller Tom Schilling im Berliner Kino International den 100.000 Besucher des Films persönlich begrüßt. Dass der Low-Budget-Debütfilm eines Absolventen der Babelsberger Filmhochschule zum Überraschungshit wurde, hat augenscheinlich auch damit zu tun, dass Regisseur Jan Ole Gerster auf vergnügliche, stilistisch originelle Weise den Erwartungen der Zuschauer gerecht wird, die von einer Geschichte, die in der Hauptstadt spielt, gewisse Klischees (abgeratztes Bohème-Milieu zwischen Laisser-Faire und Dilettantismus etc.) und schnoddrig-skurrilen Humor erwarten.

Während Oh Boy und die thematisch ähnliche Komödie 3 Zimmer, Küche, Bad (Regie: Dietrich Brüggemann) noch laufen, kommt nun schon der nächste, allerdings deutlich ernstere Film mit Hauptstadtfeeling in deutsche Kinos: Am Himmel der Tag erzählt vordergründig vom Drama einer ungewollten Schwangerschaft, die schiefgeht, und so eine junge Studentin gleich zweimal dazu zwingt, sich existentiellen Fragen zu stellen und sich selbst gegenüber Rechenschaft abzulegen. Oder, wie Hauptdarstellerin Aylin Tezel, die in Küche/Bad noch in einer Nebenrolle zu sehen war, sagt: „Ich spiele e ine Figur, die einmal davon gekostet hat, wie tief das Leben sein kann und lernt, auch aus einem Verlust neue Kräfte zu mobilisieren.“

Auf der dahinter liegenden Ebene hat Pola Becks Film – ebenfalls eine Babelsberger Regieabsolventin – mit Oh Boy gemeinsam, dass die Hauptfigur exemplarisch für das diffuse Gefühlsleben einer privilegierten Generation steht. Ein komplexes, per se ungeordnetes Gefühlsleben, das sich scheinbar bei-, tatsächlich aber zwangsläufig aus dem Luxus einer sehr freien, individualisierten Lebensführung ergibt, um die vorige Generationen gekämpft haben. In Am Himmel der Tag erwarten die Eltern, teils unausgesprochen, dass ihre Kinder diese Freiheiten nutzen und möglichst viel aus dem eigenen Leben machen.

Pola Beck zeigt uns zwei junge Studentinnen – „Freundinnen müsste mann sein“, um Comedy-Sänger Funny van Dannen zu zitieren –, die neben ihrem Architekturstudium das Berliner Nachtleben auskosten. Ein aus Rivalität unter Freundinnen kopflos begangener ‚Quickie‘ mit einem Barkeeper auf einer Disco-Toilette führt bei der nachdenklicheren Lara (Tezel) zu einer Schwangerschaft. Die sensible, junge Frau stellt sich erst zögernd, dann aber umso entschlossener ihrer neuen Situation, bis sie aufgrund tragischer Umstände erneut mit einer Schicksalswende konfrontiert wird.

An diesem Punkt schafft es Lara angesichts des Schocks nicht mehr, „auf die Situation zu reagieren und ihre Umwelt zu informieren“, beschreibt Aylin Tezel ihre Rolle: „Lara verliert auch das Bild von einer neuen zukünftigen Rolle für sich – das Potential, wer sie werden könnte. Mir hat am Drehbuch gefallen, dass die Geschichte eher leicht beginnt und dann mehrfach ins Nachdenkliche kippt, dass die Figur der Lara einen großen Bogen an emotionalen Veränderungen erlebt und sich die Geschichte überraschend entwickelt. Das Buch war sehr stimmig geschrieben.“

Es entbehrt nicht der Ironie, dass die jüngeren Männer in Am Himmel der Tag nette, aber verantwortungsscheue Schluffis sind, als entstammten sie geradewegs aus Oh Boy, und tatsächlich könnte ein Drehbuchautor beide Geschichten ohne viel Aufwand sich kreuzen lassen. Am Himmel der Tag das erste Ergebnis des so genannten „Leuchtstoffe“-Förderprogramms, mit dessen Hilfe der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zusammen mit dem Medienboard (Filmförderung Berlin-Brandenburg) und dem Fernsehsender ARTE gezielt die Produktion von originellen Spiel- und Dokumentarfilmen in der Hauptstadtregion unterstützen will. Aus Sicht eines Kinozuschauers gut angelegtes Fernsehgeld, denn Pola Becks Debüt sieht eben nicht wie einer jener Fernsehfilme aus, der dem Koch-, Bügel- und Zapping-Verhalten der Zuschauer angepasst ist und sein Thema übereindeutig und sentimental herausstellt.




Am Himmel der Tag (1) - Foto © Kinostar

Am Himmel der Tag (2) - Foto © Kinostar

Am Himmel der Tag (3) - Foto © Kinostar



Stattdessen gibt es dank der Visionen von Regisseurin Beck, Drehbuchautor Burkhardt Wunderlich und Kameramann Juan Sarmiento hochemotionales Kino zu erleben. Doch vor allem die bewundernswert nuancierte schauspielerische Leistung der 30jährigen Aylin Tezel, die auch zum neuen Team des WDR-Tatorts gehört, sorgt dafür, dass die Zuschauer die Entwicklungsphasen der Hauptfigur nachempfinden können. Auch Tezels Filmpartnerin, Henrike von Kuick, muss für ihre antipodische Verkörperung einer flippigen Partymaus ausdrücklich gelobt werden. Ansonsten aber gilt für Tezel und Am Himmel der Tag, was Anthony Perkins nach Meinung Alfred Hitchcocks für Psycho war: Sie IST der Film.


Tezel: „Über das Phänomen der so genannten ‚Stillen Geburt‘ habe ich wenig Literatur oder Artikel gefunden. Am meisten hat mir der gleichnamige Dokumentarfilm von dem Ehepaar Endler geholfen. Und ich habe mich bei Betroffeneninitiativen wie 'Initiative Regenbogen - Glücklose Schwangerschaft e.V.' informiert, die psychologische Hilfe in solchen Fällen anbieten.“ Das gegenseitige Vertrauen zwischen Regisseurin Pola Beck und ihr als Hauptdarstellerin habe es ihr erleichtert, auch schwierigste Szenen zu spielen und die nötige Konzentration aufzubringen, „um sich in dem Moment des Drehs auf die Situation der Figur einlassen zu können.“

Tezel vermittelt den ausgesprochen anspruchsvollen Part einer zwischen Zweifel, Euphorie, Verzweiflung und Trauer hin- und hergerissenen, modernen jungen Frau in jeder Szene so überzeugend, dass es schwer vorstellbar ist, die Mitglieder der Filmakademie könnten dies bei der nächsten Nominierung für schauspielerische Leistungen beim Deutschen Filmpreis übersehen. Jedenfalls gehört Tezels Interpretation zusammen mit denen ihrer jungen Kollegin Saskia Rosendahl in Lore zu den besten des deutschen Kinojahres. Die zart bis filigran wirkende Tezel vermag es, die Leinwand mit ihrer Präsenz und ihren femininen Attributen ganz auszufüllen: den sinnlichen, an die junge Michelle Pfeiffer erinnernden Mund, die dunkel glänzenden Augen, das kastanienbraune Haar usw. (*schwärm*) Ja, ich brems ja schon – aber nur für diesmal!


Max-Peter Heyne - 27. November 2012
ID 6403

Weitere Infos siehe auch: http://www.kinostar.com/Verleih/filme/1530_AmHimmelDerTag/


Post an Max-Peter Heyne



 

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