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Über diesen hintersinnigen und eigenwilligen Film zu schreiben, ohne den wichtigsten Wendepunkt zu verraten und damit unbefangenen Zuschauern einen Überraschungseffekt zu zerstören, fällt schwer. Außerdem könnte ich sagen, die Kollegen und Kolleginnen haben da keine Hemmungen, also kann ich auch ruhig die Pointe ausplaudern. Aber ich stehe zu meiner Zurückhaltung aus Respekt vor dem Drehbuchentwurf von Ulrich Köhler, einem der originellsten deutschen Autorenfilmer. Wieder einmal hat sich Köhler (Montag kommen die Fenster, 2005) nach Schlafkrankheit (2011) über sechs Jahre Zeit gelassen, bis er einen neuen Film präsentiert hat. Aber das Warten hat sich gelohnt!

Es geht um Armin, einen von uns. Damit meine ich, uns Medienleuten, die zwischen Overdrive und Existenzangst schwanken und immer ein wenig gehetzt wirken, weil sie auf dem Sprung Richtung neuem Job oder neuem Projekt sind. Und ich meine uns aufgeklärte Männer, die in der heutigen, nach umfassender Gleichberechtigung strebenden, postmodernen Dienstleistungsgesellschaft einerseits nach wie vor unter Erfolgs- und Anpassungsdruck stehen, andererseits eine softere Rolle jenseits des "Baggern wie Blöde" finden sollen – also irgendwo zwischen Versorger und Versagerrolle hin- und herpendeln.

Köhlers verstrubbelter Armin (Möchtegern-abgebrüht: Hans Löw) ist eher auf dem absteigenden Ast. Seine künstlerischen Ambitionen musste er als Nachrichtenkameramann schon längst begraben, und seine coole Attitüde, die er in Berliner Clubs zur Schau trägt, beeindruckt jüngere Frauen noch nicht einmal eine Nacht lang. So schlingert Armin ohne rechte Motivation durch sein Leben. Der Besuch bei seinem Vater, der im Elternhaus die todkranke Großmutter pflegt, trägt auch nicht gerade zur Stimmungsaufhellung bei. Immerhin gewinnt Armin in der ostwestfälischen Provinz, deren herbstlich-gräulicher Regenhimmel seinen Seelenzustand wieder zu spiegeln scheint, etwas Abstand von der Berliner Hektik. Es gelingt ihm sogar, dem Sterben seiner Großmutter nicht auszuweichen und zusammen mit seinem Vater (wie immer sehr überzeugend: Michael Wittenborn) einen Ansatz von etwas Tröstlichem zu entwickeln.

Nach einer Sauftour, die Armin unter einer Hochbrücke im Auto übernachten lässt, kommt eine harte Zäsur: Die Herausforderung, die der Ortswechsel und die Konfrontation mit der Restfamilie bedeutet hat, potenziert sich auf mysteriöse Weise. Wie gesagt, ich will absichtlich nicht zu viel verraten, aber vielleicht so viel: Armin ist auf sich selbst gestellt. Eine Erklärung für die plötzliche Wandlung der Welt in einen Traumzustand, von dem noch nicht sicher ist, ob es ein Alptraumzustand ist, gibt es nicht – Ulrich Köhler lässt es bis zum Schluss offen.

Worauf es dem Regisseur eigentlich ankommt, ist die oft sehr heitere Beschreibung der Befreiung eines Mannes von allen bisherigen Mühen und Lasten, eines unverhofften Kräfte-Freisetzens und Neu-Ankommens im Angesicht eines Mysteriums. Nach einer Phase des Umgewöhnens wird Armin endlich Herr über sein Schicksal – ohne Abhängigkeiten, ohne Verpflichtungen, es sei denn zu sich selbst. Auftritt: eine Frau (Elena Radonicich)! Sie bringt Abwechslung, aber auch Unsicherheiten und Ungewissheiten in das Einsiedlerleben Armins, denn die Dame hat im Gegensatz zu Armin noch Ambitionen. Daraus abzuleiten, dass Frauen grundsätzlich die mutigeren, klügeren, über den Horizont denkenden Menschen wären oder aber die eigensinnigeren, jede Chance zur Emanzipation nutzenden Wesen, sind beides gewagte Schlussfolgerungen ohne große Argumentationskraft.

Genau darin zeigt sich das meisterhafte Spiel Ulrich Köhlers mit Ambivalenzen: Durch die Konstruktion einer außergewöhnlichen Ausgangssituation verleitet er das Publikum dazu, Verallgemeinerungen über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen anzustellen. Andererseits sind die beiden Protagonisten innerhalb des Versuchsrahmens wiederum so speziell und individuell gestaltet, dass solches Verallgemeinern wenig fruchtbar erscheint. Wie heißt es so schön bei Immanuel Kant: „Der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden.“

Köhlers wunderschön fotografierter und geistreich dramatisierter Film regt dazu an, über solche fundamentalen, emanzipatorischen Fragen nachzudenken, wobei etliche burleske Szenen und witzige Details verhindern, dass In My Room zum angestrengten Thesenkino degeneriert.



In My Room | (C) Pandora Filmverleih

Max-Peter Heyne - 9. November 2018
ID 11027
Weitere Infos siehe auch: https://www.pandorafilm.de/filme/in-my-room.html


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