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Filmbesprechung


ZDF - 10. Oktober / 00:15 Uhr - Das kleine Fernsehspiel.

En Garde

Deutschland 2004
Buch und Regie: Ayse Polat
Darsteller: Maria Kwiatkowsky, Pinar Erincin, Luk Piyes, Antje Westermann, Geno Lechner

Produktion: X Filme, Maria Köpf, in Coproduktion mit ZDF / Das kleine Fernsehspiel, Redaktion Claudia Tronnier, in Zusammenarbeit mit intervista digital media
Verleih: X Verleih
Länge: 94 Minuten

"En garde" heißt soviel wie „Aufgepasst!" und ist das Kommando für Fechter, sich zum Kampf bereitzustellen. Wie im realen Leben heißt es dann, sich zu behaupten, Attacken abzuwehren und selbst nach vorne zu stürmen, um den Gegner anzugreifen. Über dieses Leitmotiv erzählt die Hamburger Regisseurin Ayse Polat in ihrem zweiten Werk die Geschichte der sechzehnjährigen Alice (Maria Kwiatkowsky), die nach dem Tod ihrer Großmutter in einem katholischen Mädchenheim leben muss. Doch bevor sie lernt, sich gegen das Leben zu behaupten, muss sie erst mal mühsam einen Kampf gegen sich selbst führen.



Von Alices äußerem Erscheinungsbild lässt sich so viel über ihren Seelenzustand ableiten. Ihr Blick: immer leicht schräg von unten und nie direkt... ihre Haltung: unterwürfig ...ihr Haar: strähnig...ihre Hände: abgekaute Fingernägel... ihre Herkunft: ein unbekannter Vater; eine Mutter, die ungewollt und unreif schwanger geworden ist und auch nach sechzehn Jahren mit der Verantwortung für ihr Kind überfordert ist. Das Einzige, was sie für ihre Tochter tun kann, ist für sie Unterbringungsmöglichkeiten zu finden und die abgekauten Fingernägel mit künstlichen zu kaschieren und somit die Symptome, die die Seele ihrer Tochter spiegeln, zu überspielen.

Auch das Mädchenheim wird für Alice nicht das neue Zuhause, sondern lediglich eine weitere neue Adresse. Alles scheint befremdlich: Ihre Betreuerin Schwester Clara, die sich einerseits seltsam verhält und andererseits doch so viel Verständnis ausstrahlt und die anderen Mädchen, mit denen sie kaum etwas anzufangen weiß und deren rigidem Reglement sie schutzlos ausgeliefert ist. Für ihre Zimmergenossinnen Martha (Julia Mahnecke) und Josefine (Jytte-Merle Böhrnsen)ist sie ein willkommenes Opfer, und bald rebelliert ihre Seele gegen die Angst vor dem Leben mit Hyperakusis, "zu lautem Hören", eine Störung, die alltägliche Geräusche unerträglich laut macht und sie hypersensibel Dinge hören lässt, die andere nicht hören können.

Nur ein Mädchen erfährt zufällig davon und nähert sich Alice an. Berivan (Pinar Erincin) ist Kurdin und wartet im Heim auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. Sie ist das Gegenteil von Alice und hat eine offene, lebhafte, liebevolle und manchmal auch eine naive Art. All ihre Erinnerungen an ihre Familie und ihre wichtigen Dokumente trägt sie in einer Tüte (weswegen die Heimbewohnerinnen sie auch „Tüte“ rufen) mit sich herum und scheint den Tod ihrer Eltern überwunden zu haben. Wenn ihrem Asylantrag zugestimmt wird, kann sie endlich ihren Traum wahr werden lassen und in Deutschland leben, denn eine Rückkehr in ihre Heimat ist ausgeschlossen.

In einem Fechtkurs vertieft sich die Freundschaft zwischen den beiden Außenseiterinnen, und Alice scheint durch sie erst das Mögen zu lernen und Vertrauen zu einem Menschen aufbauen zu können. Aber gleichzeitig wächst auch ihre Verlustangst. Die Freundschaft der beiden Mädchen wird auf die Probe gestellt, als Berivan sich verliebt und Alice nur noch am zweitwichtigsten zu sein glaubt. Die entstehenden Verwicklungen eskalieren, an deren Ende ein Unglück passiert.

Dass in all dem Schmerz und trotz der Katastrophe am Schluss für Alice und Berivan dennoch eine befreiende Entwicklung möglich ist, ist das Wunder dieser Geschichte. Beide Hauptfiguren entlässt Ayse Polat gereift in ihre neue – vielleicht sogar hoffnungsvolle - Zukunft. Eine lange Kamerafahrt gibt Alices Blick gen Himmel in die Bäume wieder; sie trägt ein T-Shirt von Berivan mit einem Schmetterling auf der Schulter und ihre Hände sind von der Mutter aufgeklebten Fingernägeln gelöst.



Ayse Polat hat sich für diesen Film von ihrer früheren Arbeit in einem internationalen Kulturzentrum für Mädchen und Frauen inspirieren lassen. Sie begegnete damals vielen Heimkindern und sagt rückblickend „Mir fiel auf, dass Freundschaften für sie heilig sind, da sie ihre Familien ersetzen, die sie - unfreiwillig oder freiwillig - verloren haben. Auf der einen Seite finden sie Halt und Geborgenheit in der Freundschaft, aber gleichzeitig überschattet die Angst vor einem erneuten Verlassenwerden jede Beziehung." Diese Unfähigkeit zur Nähe in den unterschiedlichsten Facetten zeigt sie durch ihre Hauptfiguren. Ebenso überzeugen auch die Nebenrollen, keine Figur ist nur eindimensional – Ayse Polats Blick lässt sogar die auch den weniger sympathischen Charakteren menschlich wirken. In jeder Gewalttätigkeit der Heimmädchen, in jeder scheinbar gefühllosen Gleichgültigkeit von Alices Mutter der Tochter gegenüber erkennt man ein Stück der eigenen Verstörung und Schicksals und in ihrem Verhalten einen Spiegel dessen, was ihnen selbst widerfahren ist. So erzählt Ayse Polat ganz nebenbei noch mehr als eine Geschichte über soziale Katastrophen und ihre Entstehung.



Ayse Polat - Biographie und Filmographie

Ayse Polat, geboren am 19. November 1970 in Malatya/Türkei, zog 1978 mit ihren Eltern nach Hamburg. Sie studierte Kulturwissenschaften, Germanistik und Philosophie an der FU Berlin und an der Bremer Universität. In den frühen 90er Jahren begann sie mit Kurzfilmprojekten, bevor sie 1999 mit Auslandstournee ihr Spielfilmdebüt im Fernsehen feierte.

Filmographie (Auswahl):

1992
Fremdennacht (Kurzspielfilm) Buch und Regie
1994
Ein Fest für Beyhan (Kurzspielfilm) Buch und Regie
WDR- Förderpreis in Münster, 1994
1.Preis auf dem InterFilmFest in Nürnberg, 1994

1997
Gräfin Sophia Hatun (Kurzspielfilm) Buch und Regie
Jury Preis auf Dem Internationalen Filmfestival in Ankara 1997
Wettbewerbsbeitrag - British Short Film Festival London 1997
Wettbewerbsbeitrag - 50. Int. Filmfestival Locarno 1997

2000
Auslandstournee (TV) Buch und Regie (siehe hierzu unseren Beitrag aus der Reihe Türkischer Film)
Regie-Nachwuchspreis auf dem Internationalen Filmfestival in Ankara
Wettbewerbsbeitrag - Int. Filmfestival Tokyo 2000
Int. Filmfestival Karlovy Vary 2000

2004
En Garde Buch und Regie
Wettbewerbsbeitrag 57. Int. Filmfestival Locarno 2004


Mensure Rüffer - 4. Oktober 2005
ID 00000002054
En Garde

Deutschland 2004
Buch und Regie: Ayse Polat
Darsteller: Maria Kwiatkowsky, Pinar Erincin, Luk Piyes, Antje Westermann, Geno Lechner
Produktion: X Filme, Maria Köpf, in Coproduktion mit ZDF / Das kleine Fernsehspiel, Redaktion Claudia Tronnier, in Zusammenarbeit mit intervista digital media
Verleih: X Verleih
www.x-verleih.de
Länge: 94 Minuten

Weitere Infos siehe auch: http://www.x-verleih.de






 

FILM Inhalt:

Rothschilds Kolumnen

BERLINALE

DOKUMENTARFILME

DVD

FERNSEHFILME

HEIMKINO

INTERVIEWS

NEUES DEUTSCHES KINO

SPIELFILME

TATORT IM ERSTEN
Gesehen von Bobby King

UNSERE NEUE GESCHICHTE
Reihe von Helga Fitzner



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


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