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Dokumentarfilm


Zwei faszinierende Dokumentarfilme über Aufbau und Untergang großartiger Architektur



Filmposter zu Sagrada - das Wunder der Schöpfung - © FONTANA FILM


Verschlungen von Millionen

Geht Venedig an seiner Schönheit und Beliebtheit zugrunde? Diesen Eindruck gewann der aus Südtirol stammende Dokumentarfilmer Andreas Pichler bei seinen Besuchen und hat über die sich dramatisch zuspitzende Entwicklung in der Lagunenstadt einen aufschlussreichen Dokumentarfilm gedreht: Das Venedig-Prinzip ist ein bestürzendes „Requiem“ (Pichler), und wie eine unheilvolle Kombination aus unkontrolliertem Massentourismus, kurzatmiger Geldgier, verantwortungsloser Kommunalpolitik und südeuropäischem Schlendrian eine der schönsten Städte der Welt in den fiskalischen, aber auch baulichen Ruin treibt.




Kein Photoshop, sondern echt: Kreuzfahrtmonster erobern im Sommer die Lagunenstadt - Foto © Real Fiction



Bei seinem Blick hinter die famosen, indes immer stärker zerbröselnden Kulissen der einst überreichen Mittelmeermetropole hat Pichler ganz bewusst auf Äußerungen von offizieller Seite verzichtet, und wenn man das kurze Statement des Chefs der venezianischen Hafenbehörde hört, weiß man auch warum: Stolz verkündet der, dass man sich rüstet, bald noch größere Kreuzfahrtschiffe als mit 340 Metern Länge aufnehmen zu können. Schon jetzt hat Venedig pro Tag durchschnittlich (!) rund 60.000 Besucher zu verkraften. Die Risiken und Folgen des ungezügelten Tourismus werden dabei buchstäblich verdrängt: Die Bilder aus Pichlers Film, die zeigen, wie monströse Kreuzfahrtschiffe wie Walfischkolosse im Sommer in Venedigs Hafenkanäle eindringen, als wollten sie die mittelalterlichen Häuserreihen verschlingen, gehören zu den spektakulärsten Aufnahmen – im negativen Sinne.

Gleichzeitig lässt die Stadt den Immobilienspekulanten völlig freie Hand, die in Venedig die höchsten Quadratmeterpreise der Welt erzielen. Selbst der Makler, den Pichler zusammen mit anderen, knorrigen und trotzigen Alt-Venezianern zeigt, ist verzweifelt angesichts der Gewissenlosigkeit, mit der seine Heimatstadt dem Mammon geopfert wird. Im Jahre 2030, so eine Prognose in Pichlers Film, wird das Lagunen-Venedig keine Einwohner mehr haben, die Stadt ein reines Disneyland für Touristen sein.


* * *


Disney – dieser Name fällt auch im neuesten Film des Schweizer Dokumentarfilmers Stefan Haupt (Elisabeth Kübler-Ross – dem Tod ins Gesicht sehen, 2003) in Bezug auf die Kathedrale Sagrada in Barcelona, am Sinn deren Weiterbaus sich die Geister scheiden. Mit der Berufung des genialischen Architekten-Autodidakten Antoni Gaudís 1883 und dessen ebenso fantasiereicher wie ausufernder Konzeption wurde die Sagrada zu einer Dauerbaustelle. Insofern bezieht sich der Titel Das Wunder der Schöpfung auch auf die Kathedrale selbst. Die Idee zum Film kam Regisseur Haupt nachdem ihm klar wurde, dass eine Unternehmung „wie die Errichtung des Kölner Doms in Barcelona eben heute noch stattfindet“ – in einer auch in Spanien deutlich säkulareren Epoche, in der Gaudis Anspruch auf umfassende Versinnbildlichung von Gottesmacht, Schöpfungs- und Jesusgeschichte aus der Zeit gefallen scheint.



© FONTANA FILM



Unterbrochen durch die Verheerungen des spanischen Bürgerkriegs, der Weltkriege und Finanzierungsproblemen gewannen die Bauarbeiten erst in den letzten fünfzehn Jahren enorm an Fahrt. Der Massentourismus, der in Venedig zum Fluch geworden ist, ist für Gaudis Opus Magnum in Barcelona ein Segen: Die Einnahmen von über drei Millionen Besuchern pro Jahr machen die private Stiftung, die sich um die Vollendung der Sagrada bemüht, von staatlichen und kirchlichen Zuwendungen Spaniens bzw. Kataloniens unabhängig. Regisseur Stefan Haupt gelang es zum Teil nur durch Zufall, die Widerstände der Sagrada-Bauherren zu überwinden, die über ihr katalanisches Mammutprojekt eifersüchtig wachen wie ein Schießhund. So konnte er faszinierende Eindrücke von den Bauarbeiten und den daran Beteiligten einfangen, die den Besuchern sonst versagt bleiben. Auch Kritiker kommen in Haupts Film zu Wort und bemängeln die ungebrochene Fortführung der alten Konzeption Gaudis. Immerhin: Auch sehr moderne Bildhauer haben die Sagrada in den letzten Dekaden mitgestalten dürfen.



© FONTANA FILM



Unglaublich, aber wahr: Nicht etwa statische oder finanzielle Probleme bedrohen die Kathedrale, die einst die höchsten Kirchtürme der Welt schmücken sollen, sondern eine direkt unter den Fundamenten gebaute Strecke für einen Hochgeschwindigkeitszug von Paris nach Barcelona. „Ich bin sicher, dass man dafür eine andere Lösung hätte finden können“, sagt Stefan Haupt, der sich diesen Aberwitz kommunaler Politik selbst nicht erklären kann. Schwacher Trost: Während an der Sagrada erstmals in 120 Jahren mit Hochdruck gebaut wird und sie immerhin zur Hälfte fertig ist, steht der Tunnelbau unter ihr wegen der spanischen Finanzkrise still.

So ist auch Stefan Haupts Film wie der seines Kollegen Andreas Pichler eine Dokumentation über Stadtplanung und Architektur als Spiegelbild menschlicher Maßlosigkeit, die gleichermaßen fasziniert wie befremdet. Jeder Europareisender, der es im Weihnachtsstress nicht mehr ins Kino schafft, sollte sich unbedingt die DVDs vormerken, die in sechs Monaten erscheinen.


Max-Peter Heyne - 13. Dezember 2012
ID 6441
Das Venedig-Prinzip läuft bereits in Berlin, Bamberg, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Dresden, Frankfurt, Freiburg, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Kiel, Köln, Leipzig, Magdeburg, München, Nürnberg, Regensburg, Saarbrücken, Stuttgart und demnächst u. a. in Braunschweig, Duisburg und Erlangen.
http://www.venedigprinzip.de


Sagrada – das Wunder der Schöpfung startet ab 20. 12. in Berlin, München u. a.
http://www.sagrada-film.ch


Weitere Infos siehe auch:


Post an Max-Peter Heyne



 

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