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Queeres Kino

Erinnerungen

tragen wie

Federn



Bewertung:    



„Das sind keine Lieder über Gott, Engel oder Geister, sondern über Menschen. Es sind Lieder, die schon mein Vater sang, mein Großvater kannte und die von Erfahrenem erzählen. Es sind Geschichten, die so traurig sind, dass sie zu Liedern wurden, als könnte Musik das Leid lindern. Musik schärft die Sinne und manchmal die Seele.“


Während aus dem Off bedeutungsvoll das Vorwort zu einem Buch vorgetragen wird, sehen wir dabei den Autor dieser Zeilen, einen Mittsiebziger (Chris Cooper). Er lauscht sichtlich zufrieden seinen eigenen Worten bei der Morgengymnastik und beim Müsli-Frühstück, das er im Stehen aus einer Tasse einnimmt.

Die Fernsehstimme führt fort:


„Es sind Balladen über chaotische menschliche Erfahrungen. Dinge, die wir lieber meiden; Herzschmerz, Tod, Eifersucht. Alleine durch die Melodie haben wir einen Kloß im Hals. Emotionen in Liedform, nichts Hochtrabendes.“


In Rückblenden zeigt der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus hier gegen Ende des Werks, wie ein Fernsehmoderator dem Ethnomusikologen Prof. Lionel Worthing 1980 in Boston für das Interview über dessen Werk dankt.

Ein harmonischer Ausklang für die zentrale Hauptfigur Lionel, die zu Beginn ebenso zuversichtlich eingeführt wurde: Am Anfang stehen friedliche Bilder zweier Eltern mit einem Jungen im ländlichen Kentucky des Jahres 1910. Der Vater bringt auf der Veranda der gemeinsamen Farm traditionelle Folkmusik-Gesänge zu Gehör, die in die Weite getragen werden. Akustisch klingt das Vorgetragene eingängig, bittersüß, schimmert melancholisch und erzählt geisterhaft von Leichtigkeit.

Das Liebesdrama The History of Sound (vor Kurzem auch auf DVD erschienen) beruht auf dem gleichnamigen, 2018 verfassten Prosawerk des Drehbuchautors Ben Shattuck. Er erhielt für seine Kurzgeschichte in den USA mehrere Literaturpreise. Filmisch fallen insbesondere ausgewählt schöne Landschaftsbilder und bemerkenswerte Außenaufnahmen auf (Kamera: Alexander Dynan), etwa vom Lake District, einer idyllische Seen- und Bergregion im Nordwesten Englands, der im Drama eine besondere Bedeutung zukommt.

1917 lernen sich die Musikstudenten Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) in einer verrauchten Bar in Boston kennen. Sie teilen eine warmherzige Passion für altes Folk-Liedgut. Im Schatten des Ersten Weltkriegs begeben sie sich auf eine Reise durch Amerika, um traditionelle Volkslieder aufzunehmen. Sie kommen sich dabei auch privat näher. Einfühlsam wird eine zarte Verbindung aus Begierde, Verletzlichkeit und Anziehung zweier eher in sich gekehrter junger Männer gezeigt, wobei David hier stets der launigere Charakter ist, der sich Lionel mitunter auch bewusst entzieht. Die Liaison driftet schon in der ersten Filmhälfte schmerzhaft auseinander, durch unterschiedliche Lebenswege, emotionale Ängste und die äußeren Umstände allgegenwärtiger homophober Ablehnung.

Fortan fokussiert der Film Lionels sanftmütige Figur, die Hermanus insbesondere im ländlichen Alltag inszeniert, etwa beim Gang durch Plantagen oder einsame Landschaften, beim Reinigen der elterlichen Farm oder zusammen mit neuen Weggefährten. Deutlich seltener bekommt Davids Perspektive Raum, meist nur in Rückblicken.

Lionel feiert berufliche Erfolge als professioneller Sänger, Komponist und Dirigent. Er hat eine Beziehung mit der Studentin Clarissa Roux (Emma Canning), die ihn in das snobistische Hause ihrer Eltern einlädt. Die Roux sind europäische Adlige, die auf einem prachtvollen, weitläufigen und aristokratischen Landgut leben. Auf dem elitären Luxusanwesen fühlt sich Lionel eingeengt. Auch die Erinnerung an David, die ihn nicht loslässt, trägt zu einer Trennung von Clarissa bei. Diese quittiert das Beziehungsende kalt, knapp und abgeklärt mit folgenden Worten:


„Weißt du, was meine Mutter mir schrieb, als wir gegangen sind? Ich solle dich verlassen, bevor du mich verlässt. Ich will, dass du gehst.“


Sie wendet sich ab. Eine Auseinandersetzung oder ein Schlagabtausch wird so elegant umgangen. Während sie die Treppe, von hinten gefilmt, nach oben geht, gleitet ihre Hand schlaff über das Geländer. Er geht betroffen abwärts Richtung Ausgang.

Später, wieder auf der elterlichen Farm, hört Lionel ein junges Nachbarpärchen, das innig das Folklied „Down in the Willow Garden“ vorträgt. Eingeblendete Untertitel zeigen hier, dass die Interpreten mit getragen-sanftem Gesang von brutalen Gewaltfantasien erzählen. So beschwört der Gesang den blutigen Anblick beim Ermorden herauf, wenn es heißt: „Ich stach sie mit dem Dolche.“

Im letzten Drittel des Streifens geht es um Vergänglichkeit und Trauer, wobei hier der erzählerische Tiefgang und die Intensität der entsprechenden Handlungsstränge und Konstellationen etwas kurz kommen. Gleich zwei Elternteile einer Hauptfigur sterben unvermittelt, eine davon völlig unvorbereitet. Von der posttraumatischen Belastungsstörung der anderen Hauptfigur erfährt man erst sehr spät. Es gelingt so letztlich nicht, zentrale Storylines zufriedenstellend zu verbinden. Gegen Schluss scheinen die wichtigsten Folksongs jedoch auch über große Themen der Welt wie die Sehnsucht hinwegzutrösten, sozusagen wie bittersüßer Nachhall zu verpassten Lebenswegen.

Leider enthält die DVD kein Bonusmaterial oder Extras. Hier hätten sich Fans des Films sicher ein wenig mehr gewünscht, zumal die Stars Paul Mescal (bekannt aus Hamnet) und Josh O’Connor (bekannt aus God’s Own Country) selbst nuanciert eigene Gesangsparts zum Soundtrack beisteuerten.



Lionel Worthing (Paul Mescal) kühlt sich in Italien im Gewässer eines Springbrunnens ab und denkt sehnsüchtig an David | Foto © Universal Pictures

Ansgar Skoda - 23. Juli 2026
ID 15957
https://shop.plaionpictures.com/the-history-of-sound-dvd


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