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DVD-Kritik

Ein Haus mit

Rissen wie Narben



Bewertung:    



„Was die anderen denken, ist mir egal. Was du dazu meinst, ist mir wichtig.“ Selten hat die Mittdreißigerin Nora (Renate Reinsve) die Gelegenheit, mit ihrem Vater über ihre darstellerischen Leistungen auf der Theaterbühne zu sprechen. Gustav Borg (Stellan Skarsgård) ist ein gefeierter Filmregisseur. Er weicht ihrem neugierigen Blick aus und erwidert aufmunternd etwas Floskelhaftes. Der Mittsiebziger hat sich bei ihr und seiner anderen Tochter Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) rar gemacht. Was Nora noch nicht weiß: Er möchte sie als Hauptdarstellerin in einem Film über seine Mutter besetzen. Gustavs Mutter, die auch Noras Großmutter ist, beging Suizid, als er noch ein Kind war.

Nora und Gustav eint in Sentimental Value (im April auf DVD erschienen) etwas Verlorenes, Suchendes und Entschlossenes. Das subtil und behutsam erzählte Drama handelt von familiären Begegnungen, intimen Bindungen, Verletzungen und Traumata, die sich durch die Generationen ziehen. Die emotionale Last wiegt schwer.

Unscharfe Kameraeinstellungen deuten zu Filmbeginn auf eine anwesende Vergangenheit hin. Es überlagern sich behutsam fragmentierte Erinnerungsbilder. Aufnahmen von Details des Elternhauses zeigen in kunstvoll komponierten Überblendungen und Tableaus einen eigenen Kosmos und Aufbruchsort. Hier wuchsen Gustav und später Nora mit ihrer kleinen Schwester Agnes auf. Die schwebende Kamera lässt einen Riss in der Wand erst im Keller, später im gesamten Haus sichtbar werden. Vielversprechende atmosphärische Bilder ziehen sich hin – auch im Mittelteil gibt es zeitliche Rückblenden, die durcheinandergeraten. Zwei Schwestern beobachten wachsam den Streit ihrer Eltern und deren Trennung.

Der anstehende Verkauf des Hauses, das lange in Familienbesitz war, scheint zunächst der Grund für Gustavs Rückkehr zu sein. Seine Ex-Frau und die Mutter seiner Töchter ist nach längerer Krankheit gestorben. Sie hat die Töchter alleine großgezogen. Während die beiden die Trauerfeier organisieren, nimmt er den Tod seiner ehemaligen Partnerin mit Gleichmut hin. Er erbt das Haus und genießt die Bewunderung seiner erwachsenen Töchter. Er ist sichtlich gerne von jungen, schönen Frauen umgeben. Sein wacher Blick ist nie ganz gefühlskalt; er scheint stets liebesbedürftig.

Nora wechselt fortlaufend die Tonalitäten und emotionalen Aggregatszuständen. Sie erscheint aufmüpfig und frech, wenn sie Agnes' Mann während eines Familienzusammentreffens nach einem Handyverbot für ihren Neffen scherzhaft fragt: „Und wann ist deine Bildschirmzeit zu Ende?“ Eigentlich betrachtet die partner- und kinderlose Nora permanent ihre eigenen Defizite, die sie im Vergleich mit ihrer Schwester wahrnimmt. Auch als Schauspielerin setzt sie sich unter Druck, ist verletzlich und anfällig für Unsicherheiten. Im Filmverlauf erwachsen bei ihr nach äußeren Konfrontationen innere Konflikte und sie erleidet schließlich einen psychischen Zusammenbruch.

Die jüngere und unscheinbarere Schwester Agnes hält sanft, nachsichtig und mitfühlend die Fäden zusammen – sie bemüht sich sowohl um die ältere Schwester als auch um den egozentrischen Vater. Als Nora die Filmrolle, die ihr Vater ihr anbietet, ablehnt, besetzt dieser den Part mit dem international bekannten Star Rachel Kemp (Elle Fanning). Diese kann jedoch trotz zahlreicher Proben keine Verbindung zu der schwer depressiven Figur aufbauen, die sie auf der Leinwand verkörpern soll.

Ein Großteil der Handlung konzentriert sich auf den Blick der Töchter auf ihren Vater. Das nahbare Spiel ist geprägt von intimen Momenten, Respekt und Überraschungen. Liebe, Geborgenheit und Tod spielen ebenso eine Rolle wie individuelle Hoffnungen und Enttäuschungen. Während Gustav alten Gewissheiten neue Eindrücke gegenüberstellen möchte, scheint Nora auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Die Aussöhnung der beiden schenkt mit berührender Leichtigkeit Trost und Hoffnung.

*

Die Filmbranche feierte ein bisschen sich selbst, als das norwegische Familiendrama unter anderem bei den Filmfestspielen in Cannes und beim Europäischen Filmpreis mit den wichtigsten Preisen geehrt wurde und schließlich bei den Oscars den Preis als bester ausländischer Film erhielt. Im Zentrum steht hier, wie bei den vielfach ausgezeichneten La La Land (2016) oder Birdman oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit (2014) letztendlich auch das Filmbusiness.

Das Bonusmaterial zur DVD bietet neben einem Kurzbericht über die Verleihung des CineMerit Award 2025 an Stellan Skarsgård auch Interviews mit dem Regisseur und den vier Darstellern anlässlich der Premiere im gleichen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes.

Regisseur und Drehbuchautor Joachim Trier, selbst Vater zweier Kinder, spricht hier darüber, dass das Zulassen von emotionaler Kommunikation für die Generation von Gustav noch unüblich war. Trier zufolge führen Beschränkungen des verinnerlichten Patriarchats dazu, dass siebzigjährige Familienväter wie Gustav mit ihrer Machtrolle nicht umzugehen wissen. Kunst wie das Filmemachen kann hier eine Form sein, um Nahestehenden etwas mitzuteilen, was man selbst vielleicht nicht artikulieren kann. So können auch Möglichkeiten der Versöhnung angestoßen werden, meint Trier.



Rachel Kemp (Elle Fanning) möchte die Begegnung festhalten und knipst ein Selfie mit Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas), der jüngeren Tochter des Regisseurs von ihrem neuen Filmprojekt | Foto © Kasper Tuxen Andersen

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Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


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