Zwischen
Täuschung,
Selbsttäuschung
und Illusion
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Bewertung:
Durch ein regennasses Fenster fängt die Kameraperspektive in Minute 1:19 eine nächtliche Einbrecherin ein, die hektisch etwas im Dunkeln sucht. Draußen tobt ein Unwetter. Ein kleiner Junge kommt eine Treppe mit einem über das Geländer gelegten Kuscheltier herunter und flüstert: „Wer bist du denn?“ Sie hält inne, verharrt lange mit dem Blick auf ihn. Auf ihrem Gesicht spielt sich eine ganze Geschichte ab. Er wiederholt flüsternd: „Wer bist du?“ Sie antwortet: „Ich bin in deinem Traum. Ich bin eine sehr liebe Frau, die zu Kindern kommt und sie bei Gewitter in der Nacht beruhigt. Hast du das verstanden?“ Er erwidert: „Nein“. Ihre Blicke treffen sich. „Du wirst deine Augen wieder zumachen und ich werde in deinen Traum zurückkehren. Aber erst, wenn du dich hinlegst. Na los.“ Sie nimmt die Hand des Jungen, berührt sekundenlang seinen rechten Zeigefinger und versucht, ihn zu hypnotisieren. „Und nun schaust du lange ins Leere. Du gehst wieder in dein Bett, ganz leise. Na, geh schon.“ Der Junge dreht sich langsam um und geht gemächlich wieder nach oben. Sie atmet erleichtert aus. Ein bizarrer Augenblick für die Ewigkeit. Doch die Szene, die bis 1:21 läuft, hat bald ein Nachbeben.
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Bei der Einbrecherin handelt es sich um die Psychiaterin Lilian Steiner, die eine MiniDisc mit der Aufnahme einer verstorbenen Patientin sucht, die ihr entwendet wurde. Als Amateurdetektivin arbeitet sie taff sowie mit unorthodoxen Methoden und wird in der Ermittlungshandlung zu einer Getriebenen. Sie hält diese Widersprüche aus, doch hinter der spröden Oberfläche bleibt ihre Verletzlichkeit spürbar. Jodie Foster spielt die Heldin in Paris Murder Mystery von Rebecca Zlotowski (jetzt auf DVD erschienen) als stabile, in sich gekehrte Figur. Die Kamera folgt der abgeklärten Protagonistin auf Schritt und Tritt und schafft so eine physische Nähe. Es wird abgründiger und interessanter. Zlotowski arbeitet mit Drehbuchkniffen abseits von Gewissheiten und verwebt gesellschaftliche Hintergründe. Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin platziert strategisch Leerstellen, hält die Erzählfäden jedoch nicht immer geschickt zusammen; so entschlüsseln sich die Regeln des Geflechts nie vollständig.
Aus ihrer fast unnahbaren Ruhe gebracht wurde Lilian Steiner bereits, als ihre Patientin, die Mittvierzigerin Paula Cohen-Solal (kaum wiederzuerkennen: Virginie Efira), plötzlich ohne Vorwarnung verstarb. Steiner plagen als Medizinerin quälende Schuldgefühle. Hat sie Anzeichen für einen Selbstmord überhört? Dunkle Ungewissheit umgibt den Tod der Frau, die ein Vermögen geerbt hat. Auch Paula Cohen-Solal trug mehrere Wahrheiten zugleich in sich und wird nie vollständig durchschaubar. Wenn sich die Therapeutin selbst hypnotisieren lässt, um mittels der Logik des Unbewussten und der Assoziation auf Fährten zu kommen, arbeitet der Film verspielt mit absurd-surrealen Sequenzen. Schein und Wirklichkeit verschwimmen zusehends.
Paris Murder Mystery wird mit leichter Hand erzählt, wirft Fragen auf und lässt diese mitunter unbeantwortet. In den Nebenfiguren verkörpert Mathieu Amalric den finsteren Witwer von Paula Cohen-Solal, der bereits mit einer anderen Frau intim verkehrt. Daniel Auteuil mimt den Ex-Mann von Lilian Steiner, einen Augenarzt, der zunächst verwundert über die plötzlichen Emotionen seiner ansonsten so kühlen Ex anlässlich des Todes ihrer Patientin ist. Er reagiert unerwartet, indem er sich von ihr in das Detektivspiel einspannen lässt und entfaltet einen ganz eigenen Charme voller bodenständigen Humors.
In atmosphärischer Dichte treffen bald Erinnerung, Gegenwart und Vorstellung ebenso aufeinander, wie die innere und äußere Realität. In wiederholten Einstellungen sehen wir kreisrunde Wendeltreppen. Der phantasievolle Film verweist hier auf Hitchcock oder David Lynch.
Er unterläuft Erwartungen mit schelmischen Grinsen, stellt psychologischen Thrill in den Mittelpunkt und lässt immer wieder – etwa beim Twist am Ende - innehalten. Dabei gibt es Rückfälle ins Irrationale, überraschende Wendungen und Spannung mit Gänsehautgefühl. Die Balance zwischen Komödie, Krimi, Drama und Liebesgeschichte ist nicht immer stimmig und mitunter zäh. Tonlagenwechsel bilden ein Zuviel auf mehreren Ebenen und können trotz starker Einzelleistungen der Akteure nicht in jedem Detail überzeugen, etwa wenn es um Nikotinsucht oder möglichen Alkoholismus geht. Die DVD erhält außer diversen Trailern leider keine Extras.
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Amerikanerin Lilian Steiner (Jodie Foster) therapiert ihre Patientin Paula Cohen-Solal (Virginie Efira) in ihrer Wohnung in Paris | Foto © Plaion Pictures
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Ansgar Skoda - 20. September 2026 ID 16049
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