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DVD-Kritik

Mehr als nur

Shakespeares

Frau



Bewertung:    



Schon Virginia Woolf gestaltete in ihrem feministischen Essay Ein Zimmer für sich allein (1929) eine phantasievolle, begabte und abenteuerlustige Frau an der Seite von William Shakespeare. Die wohl bedeutendste Autorin der literarischen Moderne schätzte an Shakespeare sein Genie, seine Tiefe und sein Einfühlungsvermögen. Sie erfand einen möglichen Lebensweg Judiths, einer fiktiven Schwester Shakespeares. Fiktiv war auch Viola De Lesseps in der Oscar-prämierten Romanze Shakespeare in Love (1998), die ihn hier zu Romeo und Julia inspiriert. 2026 wurde nun Jessie Buckley der Oscar und der Golden Globe in der letztgenannten Kategorie zuerkannt. Buckley verkörpert in Hamnet (jetzt auch auf DVD erschienen) die historische Ehefrau Shakespeares, Agnes, gebürtige Anne Hathaway (1556-1623). Sie reiht sich in die Riege der unangepassten Frauen ein, die man gerne an der Seite des vielleicht größten Dichters aller Zeiten gesehen hätte.

Die US-Chinesin Chloé Zhao wurde 2022 für Nomadland mit dem Oscar als beste Regisseurin geehrt. Das Drama, für das Zhao auch das Drehbuch adaptierte, wurde zugleich auch als bester Film ausgezeichnet. Auch für Hamnet verfasste Zhao das Drehbuch, hier zusammen mit der Schriftstellerin Maggie O’Farrell, auf deren gleichnamigen Roman von 2020 der Film beruht.

Hamnet wird – ähnlich wie Nomadland – in den eröffnenden Einstellungen im entschleunigenden Stil schwelgerisch mit atmosphärischen Naturimpressionen und Nahaufnahmen von Pflanzen und Wurzeln erzählt. Lange Einstellungen lassen Luft für die Naturschönheit. Diese Ruhe kombiniert Zhao mit einer detailreichen Natur-Klangkulisse. Später dominiert dann dramatische Filmmusik, die Emotionen unterstreicht, dabei jedoch Anflüge von Subtilität vermissen lässt.

Buckley verkörpert Agnes mit emotionaler Wärme, eigenwilligen Furor und Energie. Agnes’ sinnliche Verbindung zur Natur wird schon zu Beginn porträtiert, wenn sie als Falknerin einen eigenen Turmfalken hält und in Rückblenden als Kind die Wirkung von Naturheilkräutern verinnerlichend aufsagt. Es fällt schwer, sich ihrer charismatischen Wucht zu entziehen, wenn sie die Zuschauer ins Innere ihrer Figur blicken lässt und William mit zärtlichen Blicken begegnet.

Auch Paul Mescal als ruhiger, introvertiert brütender und sensibel-verträumter William rührt an, wenn er Virilität und Verletzlichkeit verbindet und, von unbändigem Ehrgeiz getrieben, um Agnes wirbt. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuschauen, wie sich nach der Ehelichung von Agnes sein Blick schärft und seine Bewegungen selbstbewusster und wehrhafter werden. William will sich dem Machtgefüge unter seinem Vater (David Wilmot) nicht einpassen und revoltiert gegen ihn. Er wohnt im Raum der Imagination und glaubt an die Macht des Theaters. Instinktiv ahnt Agnes, dass sein Schaffen Ruhe und Besonnenheit erfordert. Sie zieht die gemeinsamen Kinder größtenteils alleine auf. Später wird sowohl Buckley als auch Mescal Gelegenheit gegeben, Extreme der menschlichen Existenz und den Schmerz, den der Verlust eines Kindes bedeutet, durchzuspielen.

Die DVD enthält neben der deutschen Sprachfassung auch das englische Original, eine französische Version sowie diverse Untertitel. Als Bonusmaterial bietet sie einen Audiokommentar der Regisseurin und drei Kurzdokus, von denen die längste die Ausstattung der Tudor-Zeit und Details der handgefertigten Sets in den Elstree Studios beleuchtet, etwa eine Nachbildung von Shakespeares Geburtshaus in der Henley Street.

Der Zehnminüter dokumentiert zudem den historisch getreuen Bau eines Globe-Theaters und zeigt den aufwendigen Einsatz von 300 kostümierten Komparsen, die im nachgebildeten Globe Besucher der Unterschicht am Boden, Theatergänger der Mittelschicht auf den Rängen oder den Hochadel in den Logen verkörpern. Kostümbildnerin Malgosia Turzanska erklärt, dass es wichtig war, dass die Kostüme auch abgenutzt oder mit Narben und gestopften Löchern schlichter aussahen, um auch dadurch einen Eindruck von Authentizität und Echtheit zu gewährleisten. Auch die Naturfarben der Kleidung bei Agnes und William setzen ihr zufolge Akzente, wenn sie etwa Hoffnung oder Erdverbundenheit signalisieren.

Statements zum Film geben erhellende Einblicke: Paul Mescal erzählt, dass er den berühmten Dichter körperbetont animalisch, recht maskulin und mit komplexen Trieben zeichnen wollte, obwohl man dies nicht von Shakespeare erwartete. Emily Watson, die Darstellerin von Shakespeares Mutter, erinnert sich an ihre eigenen Karriereanfänge bei der Royal Shakespeare Company. Die Autorin der Vorlage und verschiedene Produzentinnen äußern sich zum Dreh und der filmischen Umsetzung. Szenen von tanzenden Crews in den Drehpausen und Interviews mit den Kinderdarstellern runden das Bild einer gelösten Set-Atmosphäre ab.



Die Kinder der Shakespeares, hier noch vereint, sprechen Teile des Monologs der Hexen aus Macbeth frontal direkt in die Kamera: Jacobi Jupe als Hamnet, Bodhi Rae Breathnach als Susanna und Olivia Lynes als Judith in Hamnet von Chloé Zhao | Foto © Agata Grzybowska FOCUS FEATURES LLC.

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= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


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