Zwischen
Distanz und
Versöhnung
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Bewertung:
Die Bedeutung bestimmter Menschen wird einem oft erst bewusst, wenn sie nicht mehr da sind. Flüchtige Blicke und kleinste Regungen zwischen den Eheleuten Rita (Anke Engelke) und Hans (Ulrich Tukur) erzählen so manche Banalität über die Liebe und deren Ende. Das Paar geht im eigenen Haus auf Distanz zueinander, hat Marotten kultiviert und getrennte Schlafzimmer bezogen – dazwischen lange Flure mit vielen Räumen. Die beiden scheinen sich durch ihr Musterverhalten in einem Arrangement aufeinander abgestimmt zu haben.
In ihrem Drama Dann passiert das Leben (das nun auf DVD erschienen ist) reflektiert Neele Leana Vollmar den Seelenzustand eines Paares über Sechzig. Dabei verzichtet Vollmar auf vordergründige Dramatik und verleiht den Begegnungen durch leise Momente eine emotionale Tiefe.
Schon zu Beginn verweist das Ehedrama auf den eingespielten Alltag und feste Rituale. Rita und Hans fahren beispielsweise in getrennten Autos zum Fliesenleger. Der Film bleibt dicht an den Protagonisten dran und betrachtet mit Humor schräge Situationen. Rita wirkt kontrolliert, strukturiert und pragmatisch. Wenn sie Hans ständig streng angreift, erscheint sie auch frustriert und unzufrieden. Wenn die Pflegerin Rita mit der befreundeten Kollegin Gitti (Maria Hofstätter) über die bevorstehende Pensionierung ihres Gatten spricht, merkt der Zuschauer, dass sie sich Sorgen macht. Zudem hat sie eine enge emotionale Bindung zu Hans. Als Mutter wünscht sie sich darüber hinaus mehr Kontakt zu ihrem erwachsenen Sohn Tom (Lukas Rüppel). Anke Engelkes Figur ist selten leicht zu mögen oder zu verstehen. Sie scheint Spaß am Beklagen zu haben. In kleinen, feinen Szenen erzählt Vollmar ungewohnt leise und behutsam von Widersprüchlichkeit, Ängsten, Anstrengungen, Selbstsucht, Zielstrebigkeit und Zweifeln.
Hans scheint Rita gegenüber machtlos zu sein. Er ist ein angesehener Schuldirektor, dessen Leben bisher gut lief und der nun kurz vor der Rente steht. Ulrich Tukur zeichnet ihn positiver, aktiver und kontaktfreudiger als Rita. Er versucht warmherzig und umsichtig, sie aus dem Loch herauszuholen, und nimmt dabei selbst vielleicht das Leben zu sehr auf die leichte Schulter. Bei Hans’ Verabschiedung in der Schule wirkt Rita eigentümlich entrückt. Tukur reagiert hier mit offenem Gesicht und kontrollierter Verletzlichkeit. Sein Hans verzweifelt zusehends am Theater seiner Frau. Die strapazierte, nahezu verbitterte Rita findet schlicht keine Erfüllung darin, sich vor allem um Hans und den gemeinsamen Haushalt zu kümmern, in dem sie viel Verantwortung übernimmt. Ein tragischer Unfall bringt das Paar an die Grenze und birgt als Extremsituation die Chance, sie wieder zusammenzubringen.
In intimen Dialogen tauschen Rita und Hans bald Emotionen miteinander aus und wachsen innerlich. Im Verlauf des Dramas gibt es kurze Augenblicke des Glücks und einen großzügigen und liebevollen Frieden zwischen den beiden. Diese ausgesprochene Versöhnlichkeit wirkt jedoch erzwungen und erscheint recht unschlüssig inszeniert. Hier hätte die Handlung geradliniger verlaufen können. Es fehlt zum Ende hin etwas an Biss. Der überraschend platte Schluss erscheint überfrachtet und sehr unvermittelt. Erzählerische Stringenz sieht anders aus, zumal der sorgfältig komponierte Beginn einen anderen Verlauf erwarten ließ.
Die DVD wird durch Bonusmaterial, wie insbesondere Interviews mit der Regisseurin und den beiden Hauptdarstellern, bereichert. Neele Leana Vollmar schildert hier, dass es sie interessierte, wie sich eine Liebe nach vierzig Jahren verändert und dass es nie zu spät ist, für die Liebe zu kämpfen. Sie spricht auch über einen Ideenaustausch mit ihren Stars zur Konstellation.
Ulrich Tukur verrät unter anderem, dass er erst vor drei Jahren (mit 65) den Führerschein gemacht hat und beim Dreh seinen VW regelmäßig abwürgte. Anke Engelke gesteht, dass das Rita-Auto auch nicht ohne war. Sie fahre ja sehr ungern, aber gut Auto, während Tukur natürlich wenig Fahrerfahrung habe, so Engelke. Die Verbrenner stanken beide, ist sich das Darstellerpaar einig. Engelke gesteht, dass sie Verbrenner eigentlich total ablehne. Die Komikerin, die in Dann passiert das Leben gegen ihr Image besetzt wurde, sorgte Anfang dieses Jahres mit einer Image-Kampagne für die Deutsche Bahn für Aufsehen, die jedoch wieder eingestellt wurde. Engelke lobt Regisseurin Vollmar als eine „Vollblut-Emotionsmaschine“, die auch offen für den Moment sei.
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Ulrich Tukur als Hans und Anke Engelke als Rita in Dann passiert das Leben von Neele Leana Vollmar | Foto © Majestic/ Daniel Gottschalk
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Ansgar Skoda - 15. Juli 2026 ID 15947
Weitere Infos siehe auch: https://www.dannpassiertdasleben.de
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