Herausgekommen
aus der
Beobachter-
rolle
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Bewertung:
Joachim meint, es sei ein Camembert. Der Vogelgesang in Minute 24 kommt jedoch vom Gesang einer Wacholderdrossel. Bei Wanderungen in der Natur schult Inge (Senta Berger) ihre drei Enkel in verschachtelten Rückblenden früh im genauen Hinhören und Hinsehen. Sich bei der Flüsterpost zu verhören ist jedoch kein Problem. Der Spaziergang wird kommentarlos fortgesetzt, ohne dass die tatsächliche Gattung des geflügelten Gesangsfreundes genannt wird.
Später (1:08-09) gibt Hermann (Michael Wittenborn), Inges Partner und ein Religionsphilosoph, dem nunmehr erwachsenen Joachim (Bruno Alexander) einen Rat fürs Leben. Er spricht mit dem bedröppelt dreinblickenden Zwanzigjährigen am Krankenbett seiner Frau ein ernstes Wort, als dieser nicht zur Schule gehen und vielmehr bei der Erkrankten ausharren möchte:
„Aber deine Großmutter würde gar nicht wollen, dass du hier nur rumsitzt. Sie ist doch kein Studienobjekt zum Beobachten, zum Anstarren. Joachim, Beobachten ist eine Gabe, ja, aber es kann auch zum Gefängnis werden. Indem du deinen Blick auf die Welt immer mehr perfektionierst, drohst du dich aus ihr auszuschließen, verstehst du. Du nimmst dir einfach die Freiheit, aktiv handelnd einzugreifen, an der Welt teilzuhaben, als widerständiger Geist, der sich einmischt, einmischen muss, zum Beispiel, um diese Freiheit zu verteidigen. Aber entschuldige, du staunst hier alles an, wie ein hilfloses Kind. Geh jetzt besser, geh jetzt.“
Die eindringlich erzählten Coming-of-Age-Story Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (am 4. Juni auch auf DVD erschienen) begleitet Joachim auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben. Er wird unerwartet an der renommierten Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München angenommen. Größen wie Katja Riemann und Maren Eggert gehören hier zu den Absolventen, keine Geringere als Franka Potente zu den Schulabbrechern. 2005 veröffentlichte Potente mit ihrem Otto-Falckenberg-Kommilitonen Max Urlacher einen Briefwechsel, in dem beide ihre gemeinsame Schulzeit Revue passieren lassen und der aufstrebende Star aus seiner Zeit in Hollywood berichtet.
Auch Joachim erhält prominente Schützenhilfe. Seine Oma Inge Birkmann war eine berühmte Schauspielerin, die als Lehrerin an der Otto-Falckenberg-Schule Schüler wie Edgar Selge unterrichtete. Ende der 1980er Jahre nahm sie Abschied von der Bühne und zog sich aus ihrem Beruf zurück. Senta Berger mimt Inge als ein verlässliches Kraftzentrum, das ihren Schützling mit bewährten Methoden – lautes Sprechen von Zungenbrechern mit Kronkorken im Mund – auf die Schauspielerei vorbereitet. Exzentrisch weiht sie ihren Enkel auch in alkoholgetränkte Rituale ein, die sie mit Hermann frönt.
Als Schauspielschüler zweifelt Joachim viel, und es kriselt mehrfach. Inge und Hermann eröffnen ihm einen offenen Raum für Kreativität; an der Schule sind peinigende Experimente und auch ein Scheitern erlaubt. Bald lernt Joachim so, etwas auszudrücken, das die Wahrnehmung der Welt, eigene Zweifel und Sehnsüchte, in Mimik und Gesten verdichtet. Er traut sich eine eigene Handschrift in der Schauspielerei zu. Bruno Alexander vermag es hier, differenzierte Gefühlsregungen seiner melancholischen und schambehafteten Figur in einen Zusammenhang zu stellen.
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Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, das jüngst den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm in Bronze erhielt, wirkt mitunter wie ein Stelldichein des deutschen Films. Inge Birkmann war wirklich ein bekanntes Fernsehgesicht, etwa durch Auftritte in Fernsehepisoden der Krimiserien Der Alte, Derrick oder Der Kommissar. Vorlage für den Film ist der autobiographische, gleichnamige Bestseller des Schauspielers und Schriftstellers Joachim Meyerhoff. Der Burgtheater-Star ist mit den autobiographischen Romanen seines Zyklus Alle Toten fliegen hoch erstaunlich erfolgreich.
Laura Tonke, die bereits in Sonja Heiss’ Meyerhoff-Verfilmung Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war die Hauptrolle von Meyerhoffs Mutter spielte, spielt hier erneut diese Figur. Auch Devid Striesow verkörpert wieder Joachims Vater. Beim Dozentenpersonal in der Schauspielschule gibt es viele bekannte Gesichter zu bestaunen: Anne Ratte-Polle, Karoline Herfurth oder Tom Schilling geben den Schauspielschülern als Lehrer Anweisungen.
Regisseur Simon Verhoeven, der auch das Drehbuch schrieb, ist Sohn respektive Enkel der bekannten Regisseure Michael bzw. Paul Verhoeven. Senta Berger, Frau von Michael und Mutter von Simon Verhoeven, erhielt für ihre Darstellung dieses Jahr den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin. Wittenborn wurde als bester Nebendarsteller geehrt.
Leider erscheint das Drama mitunter ein wenig selbstreferentiell und gefällig, wenn eine bekannte Schauspielschule durch ein Staraufgebot mit skurrilen Auftritten gefeiert wird. Weniger harmlose Begebenheiten, wie Joachims Verarbeitung des frühen Todes seines zweitältesten Bruders Martin, der 1985 bei einem Autounfall ums Leben kam, vermögen hingegen zu berühren. Die DVD ist leider ohne Bonusmaterial.
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Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke von Simon Verhoeven | Foto © Komplizen Films/ Warner Bros
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Ansgar Skoda - 14. Juni 2026 ID 15903
Weitere Infos siehe auch: https://shop.plaionpictures.com
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