Filmtipps
Garapa / der Vorleser / Dorfpunks
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José Padilha, Oscar und ein Haufen Punks: 3 Filmtipps nach der Berlinale 2009
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Garapa
Der brasilianische Regisseur José Padilha, der im Vorjahr für den knallharten Drogenkriegsfilm „Tropa de Elite“ den goldenen Bären bekommen hat, war in diesem Jahr in der Sektion „Panorama Dokumente“ mit einer schlichten wie beeindruckenden Dokumentation über den Hunger vertreten. „Garapa“ heißt das Zucker-Wassergemisch, das Eltern aus armen brasilianischen Familien ihren Kindern zu trinken geben, wenn es nichts mehr zu Essen gibt; und der fadenscheinige Energielieferant gab der Dokumentation auch ihren Namen. Der Regisseur folgt kommentarlos dem Alltagsleben von drei Familien in seiner Heimat, die von allem zu wenig haben. Ihre Häuser sind leer, es gibt kaum Besitzgegenstände, es fehlen sogar die Schlösser vor der Tür. Wenn Mitte des Monats das Geld nicht mehr reicht, gibt es auch nichts mehr zu essen. „Ich habe noch nie in meinem Leben drei Mahlzeiten am Tag gegessen“, sagt ein 28-jähriger Familienvater. Nur Zucker ist billig; und für ihn oft die letzte Möglichkeit, seinen Kindern für einige wenige Stunden das Gefühl eines vollen Magen zu vermitteln.
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Garapa, Dokumentarfilm. Regie: José Padilha.
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Es mag hart klingen, aber durchgehend in Schwarz-Weiß gehalten macht der Film das Zusehen bei der alltäglichen Armut erträglich und es gibt selten Momente, in denen man am Liebsten nicht hinsehen möchte. Wenn im Abspann Zahlen genannt werden die belegen, dass ein Bruchteil der Summe die jährlich für Waffen ausgegeben wird reichen würde, um den Welthunger zu bekämpfen, kommt immer noch nicht das Gefühl auf, etwas Neues erfahren zu haben. „Der Film kommt einem sehr langsam zu Bewusstsein“, sagt Regisseur Padilha im anschließenden Gespräch, als er von einem Zuschauer mit dem selben Eindruck konfrontiert wird. Und er sollte recht behalten: Die Bilder aus dem Alltag der Familien kommen immer wieder ins Gedächtnis, das manchmal vielleicht befremdliche Verhalten der gezeigten Menschen wird verständlicher, größere Zusammenhänge tun sich auf. Und man darf sich erinnern, ohne das Verdrängungsmechanismen einsetzt – der Schwarz-Weiß-Film lässt den Menschen ihre Würde und erzeugt die notwendige Ruhe, um das Gesehene dauerhaft zu verinnerlichen und zu reflektieren. Ein Top-Tipp der diesjährigen Berlinale.
Garapa / Dokumentarfilm Brasilien / Regie José Padilha / Länge 110 Minuten.
Der Vorleser
Die Verfilmung der gleichnamigen literarischen Vorlage des deutschen Autors Bernhard Schlink lief im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz. Kate Winslet spielt hierin die ehemalige KZ-Aufseherin Hannah Schmitz und der 19-jährige deutsche Nachwuchsschauspieler David Kross ihren minderjährigen Geliebten Michael Berg. Sieht man von einem 1:1 Vergleich mit dem Roman ab, überzeugt der Film vor allem durch seine Darsteller; Kate Winslet durfte sich für ihre Rolle ja letzten Sonntag – verdient - einen Oscar abholen. Der Plot ist hierzulande vielen bekannt, und demnach schnell erzählt: Der 15-jährige Michael lernt in Berlin die mehr als doppelt so alte Hanna kennen; es entspinnt sich eine kurze Affäre. Besonderes Element der Beziehung: Michael muss seiner erfahrenen Geliebten aus Büchern vorlesen – ob Lessing oder Lady Chatterly – alles will Hanna hören. Doch als der Junge wieder einmal vor ihrer Tür steht, ist die Wohnung ist leer geräumt, die Geliebte verschwunden. Michael hört Jahre lang nichts mehr von Hanna, bis er als Jurastudent zufällig einer Verhandlung beiwohnt, in der Hanna schwerer Nazi-Verbrechen bezichtigt wird. Er kann es nicht fassen: Ihre Schuld steht fest, es geht nur noch um das Ausmaß der Strafe. Als wäre dies nicht Schock genug; gibt es plötzlich ein Indiz; mit dem er alleine Hanna entlasten könnte. Er entscheidet sich zu schweigen; und damit muss er nun sein Leben lang zurecht kommen.
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Der Vorleser: Kate Winslet, David Kross.
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In Rückblicken aus dem Blickwinkel des älteren Michael Berg (Ralph Fiennes) erzählt; wartet der Film nicht mit schockierenden Bildern auf, die Verbrechen werden nicht gezeigt, es wird keine bombastische Geschichte des 2. Weltkriegs geboten. Alleine die Figuren tragen den schweren Stoff; und somit die Schauspieler, die diesen Leben einhauchen. Kate Winslet gestaltet ihre Rolle ambivalent, gibt Hanna harte, aber auch sympathische, naive Züge. Normale Menschen haben die Verbrechen begannen, keine offensichtlichen Monster, will Regisseur Stephen Daldry uns sagen. Auch David Kross meistert seine Rolle bravourös; er spielt nuancenreich und erstaunlich reif; und geht so neben dem internationalen Star nicht unter. Als Michael, dem Repräsentanten der nächsten, eigentlich unschuldigen Generation, hat er dem Zuschauer eine schwere Last zu vermitteln: Er müsste sich klar von der Täterin distanzieren; zu einem inneren Abstand kommt es jedoch nie, er scheitert an folgenden Beziehungen in seinem Leben, bleibt alleine. Der junge deutsche Schauspieler, der zuvor etwa in dem deutschen Berlin-Drama "Knallhart" von Detlef Buck zu sehen war, bewegt sich mit dieser Rolle wahrscheinlich auf eine internationale Karriere zu. Er musste übrigens erst 18 werden, um die Sexszenen mit Kate Winslet drehen zu dürfen.
Der Vorleser / Drama / Regie: Stephen Daldry / Länge 122 min / läuft jetzt in deutschen Kinos.
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Dorfpunks
Und noch eine Buchverfilmung, die ins Kino kommt; auf der Berlinale war sie in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ zu sehen: „Dorfpunks“ vom kultigen Autor Rocko Schamoni ist ein deutsches Generationsbuch über die provinzielle deutsche Jugend-Punkszene der frühen 80-iger Jahre. In Schmalenstedt, hoch an der Ostseeküste Deutschlands, gibt es im Jahr 1984 für Jugendliche nicht viel zu tun, zumindest nichts, was den ultimativen Kick verspricht. So empfindet es Teenager Malte Ahrens (Cecil von Renner). Die Töpferlehre ist öde, die Eltern nerven, ein Großteil der Landjugend ist brutal und konservativ...Was liegt einem Freigeist da näher, als sich der Punkbewegung anzuschließen, die – mit ein paar Jahren Verspätung – an der Ostseeküste ankommt? Malte heißt nun Roddy Dangerblood, gemeinsam mit seinen Freunden Fliegevogel, Flo, Sid, Piekmeier und Günni bildet er die erste Punk-Clique, die Schmalenstedt je gesehen hat. Deswegen ist auch noch genügend Raum, um Quatsch zu machen: Es werden eifrig Bürger angepöbelt, Dosenbiere gesoffen, Popper-Parties massiv gestört. Ein Waldversteck wird zum Ideenpol, am Lagerfeuer wird von einer freien Gesellschaft, Mädchen und vor allem von Musik geschwärmt, ergo: eine eigene Band muss her. Buzzcocks, Stranglers, Slime und KFC gehen den Schmalenstedter Punk-Nachzüglern musikalisch besonders ans Herz und sind somit tonangebende Vorbilder für die eigene Band. Besonders Malte sieht in dem musikalischen Projekt etwas Größeres; einen Schritt in die für ihn richtige Richtung raus aus der provinziellen Eintönigkeit. Die anderen ziehen aber leider nicht immer so mit, wie er das gerne möchte...
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Punk gegen Einöde: Roddy Dangerblood (Cecil von Renner, links) und seine Freunde
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„Dorfpunks“ ist keine genaue Adaption der Romanvorlage, ganz im Gegenteil. Man kann vielmehr sagen: Kaum eine Buchepisode taucht im Film unverändert auf. Regisseur Lars Jessen, der Rocko Schamoni seit zehn Jahren kennt und mit diesem nach eigenen Angaben den Humor und „die Neugier auf die Arbeit des anderen“ teilt, schuf zwar auch eine zeitlose „Provinz-Identität“, deren Drang aufzubrechen und neue Wege zu beschreiten er als universell betrachtet. Auch das im Roman beschriebene Setting landete im Film: Die Landschaft etwa, im Buch ausführlich beschrieben, wird hier in langen Einstellungen gezeigt, die jungen Punks darin füllen die Weiten mit Leben. Auch bleibt der Film dem Roman entsprechend episodenhaft, die Handlung ist jedoch komprimiert oder nur sehr bruchstückhaft übernommen. Auch gänzlich neue Episoden wurden von Drehbuchautor Norbert Eberlein hinzugefügt.
Für manche Zuschauer bietet der Film garantiert vor allem einen Extra-Bonus: In den geschilderten Szenarien kann man sich wieder finden; auch wenn man nicht punktgenau 1984 ein 17-jähriger Teenager war - das unmittelbare Schwelgen in eigenen Erinnerungen beim Zugucken bleibt bestimmt nicht aus.
Dorfpunks / Kinostart Deutschland: 23.04.2009
Drama, Komödie / Deutschland 2009, ca. 93 min.
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Friederike Schwabel, Berl.-Red. 25. Februar 2009 ID 00000004216
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de
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