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Feuilleton


19. bis 26. September 2012, Filmhaus Köln

VISIONS OF CHINA

Chinesisches Filmfestival


Die Kuratorin Odongoo Shiiter wird den Hauptpreis überbringen - Foto © Helga Fitzner



Zwei gute Nachrichten: Die Gewinner des Wettbewerbs stehen fest und wurden am Samstag, den 22. September 2012 aufgrund ihrer herausragenden Leistungen verkündet. Die Kuratorin des Festivals Odongoo Shiiter nahm den Hauptpreis entgegen und wird ihn nach dem Festival in Beijing an die Gewinner aushändigen. - Und in diesem Jahr ist das Programm so strukturiert, dass der Panorama-Teil im Anschluss, also noch bis Mittwoch, gezeigt wird und ebenso spannend zu werden verspricht wie der Wettbewerb. Im Wettbewerb waren ausschließlich Spielfilme zu sehen, im Panorama gibt es auch Dokumentationen und Kurzfilme.

Die Jury besteht aus dem Medien- und Vertriebsunternehmer Martin Irnich, dem Filmemacher Karsten Weber und dem Unternehmer Martin Wolf, der sich als Geschäftsführer der Deutschen Asia Pacific Gesellschaft Köln auch mit Filmen, Kunst und kreativen Trends in Asien beschäftigt.




Die Jury gibt den Gewinner des Wettbewerb bekannt: Martin Irnich, Karsten Weber, Kuratorin Odongoo Shiiter und Martin Wolf (v. l. n. r.) - Foto © Helga Fitzner



Es gibt einen Preis und zwei lobende Erwähnungen. Eine der lobenden Erwähnungen geht an Be a Mother von Regisseur Zhong Yu. Der Film basiert auf realen Geschehnissen und sein Ende ist so überraschend, dass eigentlich nur das Leben es hat schreiben können. Die Jury gibt folgende Begründung ab:

„Mit Be a Mother ist es dem Regisseur Zhong Yu in einer kammerspielähnlichen 3-Personen Inszenierung gelungen, auf subtile Weise ein sensibles Thema der modernen Gesellschaft, nämlich das Thema Leihmutterschaft, zu behandeln. In luxuriösem Ambiente wird die Frage aufgeworfen: Was bedeutet es eigentlich, Mutter zu sein? Mit viel Einfühlungsvermögen werden Fragen nach Blutsverwandtschaft, Familie, seelischer Verbundenheit, Liebe und Moral neu aufgeworfen. Die Antwort darauf muss der Zuschauer am Ende selbst definieren. - Die drei Darsteller, Pei Wang als karriereorientierte Mutter, Alex Fong als bemühter werdender Vater und besonders Lan Qin als liebende Leihmutter sind in jeder Minute absolut glaubhaft und empathisch, aber dabei nie übertrieben in ihrer Rolle. Die Geschichte schildert sehr einfühlsam die Situation von der Idee: ‚Na, dann nehmen wir uns eben eine Leihmutter’ bis zur Entwicklung dieser Dreiecksbeziehung während der Schwangerschaft. Der Film bietet viel Potenzial für anschließendes Nachdenken und Diskutieren.“

Die inneren Dramen spielen sich in einer luxuriösen Villa mit Indoor-Swimmingpool und Koi-Karpfenteich ab. Trotz der äußerlich sorgenfreien und wohlhabenden Kulisse, die Kameramann Zhijun Ao in warme und hervorragend ausgeleuchtete Bilder umgesetzt hat, nimmt die äußere Umgebung keinen Anteil an den menschlichen Nöten, bleibt unberührt und unbeteiligt. Wohlstand und Karriere können keine Kinder und auch keine Liebe ersetzen. Letztendlich trifft das Herz seine eigenen Entscheidungen...


Die zweite lobende Erwähnung erhielt My Yamin Days. Die Jury begründet das so:

My Yamin Days kommt völlig unspektakulär daher mit seiner simplen und oft erzählten Geschichte über den Gegensatz zwischen dem Stadt- und Landleben. Doch gerade die Unaufgeregtheit dieser filmischen Erzählung fällt auf zwischen den pathetischen oder klamaukigen Fernsehproduktionen des heutigen China und den aufwendigen Historiendramen und Actionfilmen für das Kino. Das Klischee des heilen Landlebens und der Hektik der Großstadt wird vermieden und die beruflich erfolgreiche, aber leicht depressive Städterin fühlt sich genervt von der Aufdringlichkeit der Menschen in ihrem Heimatdorf. Der Zuschauer wird in die überzeugend gespielte Geschichte hineingezogen und erhält ungewöhnlich realistische Einblicke in das dörfliche Leben, den Alltag und die Denkweise der Menschen. Dieser lebensnahe und nicht moralisierende Unterhaltungsfilm könnte eine neue Richtung im chinesischen Film darstellen und verdient eine lobende Erwähnung.“

Eine junge Frau, die aus einem idyllischen Dorf stammt, ist in der Stadt sehr erfolgreich und steht beruflich kurz vor einem großen Durchbruch. Aber sie wird krank und depressiv und fährt nach längerer Zeit wieder in ihr Heimatdorf zurück. Dort erkennt sie, dass sie draußen in der Welt etwas gesucht hat, was sie zu Hause die ganze Zeit gehabt hat, vor allem ihre Großmutter. Die junge Frau hat sich selbst noch nicht gefunden, deshalb ist sie auch nicht bereit, dem Werben eines jungen Mannes nachzugeben, der sie liebt und dem auch sie zugetan ist. Auch in dem Dorf ist die Zeit nicht stehen geblieben und die Welt ihrer Kindheit gibt es in der gewohnten Form nicht mehr. Als die Großmutter stirbt, wird ihr dieser Verlust besonders klar. My Yamin Days zeigt, dass „Heimat“ nicht nur ein physischer Ort ist, an dem man seine Familie hat und sich wohlfühlt. In diesem Film ist die junge Frau im Begriff, so etwas wie die Heimat in sich selbst zu finden. Dazu muss sie die Kindheit auf dem Lande und ihr jetziges Leben in der Großstadt, in die sie zurückkehrt, irgendwie in sich vereinen.





Fairy Tales mit Junbai Zou in der Hauptrolle gewinnt den Wettbewerb - Foto © Visions of China



Der Hauptpreis von Visions of China 2012 geht verdient an Fairy Tales. Die Begründung der Jury lautet:

„Man könnte sich diesen Filmstoff auch gut als Trickfilm oder Comic vorstellen. Aber dann müssten wir auf diesen phantastischen Darsteller verzichten. - In der Urszene des Films lebt der liebenswert verrückte Junge Kang Xiao Xiao mit seiner Großmutter in einer Uhrenwerkstatt. Alles ist lichtdurchflutet, alles ist gut. Doch dann ihr plötzlicher Tod. Der Verlust seines wahrhaft goldenen Zeitalters macht diesen Jungen zum Großstadtnomaden und er besteht die Prüfungen mit nichts im Gepäck als ein paar Grundsätzen, die sie ihm beigebracht hat. Aber an diesen Lebensregeln hält er unbeirrt fest. - Seine Beharrlichkeit sorgt für Handlungszwänge, die die Logik des Überlebenskampfes seiner Mitmenschen durcheinander bringen. Er ist der Change Manager dieser Geschichte. Aber es bleibt prekär, zur Ruhe kommt er nicht. Am Ende landet er in der aseptisch cleanen Leisure Zone des modernen Tianjin bei einem Großstadt-Homer, einem Geschichten sammelnden und erzählenden Straßenmusikanten, und schüttet vor ihm seine Trauer aus. Es sind die Tränen des Fortschritts und wir würden uns wünschen, dass sie ihm helfen, mit der Erinnerung an sein goldenes Zeitalter zu leben.

Dieser Film besticht durch die gekonnte szenische Verdichtung der gesellschaftlichen Zwänge, durch welche die Akteure ohne Ausnahme motiviert werden. Das Drehbuch verdient besondere Erwähnung, denn die Dialoge des Films zeichnen die Protagonisten der unterschiedlichen Milieus präzise und mit unablässig augenzwinkernder Sympathie. Geschäftsmann Lu, Gegenpol des unschlagbaren Antihelden Kang, ist selbst eine gebrochene und von Zwängen umstellte Figur. Mit dem propagandistisch aufgemotzten Versuch, aus den Märchen der Vergangenheit im Wohnungsbau Profit zu schlagen, trickst sich der Vorsitzende der Dalu Corporation vor aller Augen selbst aus. Dieser Film will augenscheinlich etwas aussagen über den Unterschied zwischen wahren und falschen Märchen, zwischen dem echten Leben und seinem Surrogat. Einige Darstellungen des Märchenhaften, der bildlichen Assoziationen und Erinnerungsbilder, sind für unseren Geschmack etwas kitschig geraten. Sie zeigen aber auch, dass der Regisseur nach Ausdrucksformen jenseits realistischer Konventionen sucht. Wir würden ihn ermuntern wollen, auf dieser Suche fortzufahren. 
 
Die wahre Idylle liegt hier nicht, wie in vielen Filmen auch dieses Wettbewerbs, auf dem Lande, sondern in einem intimen urbanen Innenraum, den die Erinnerung bewahrt. Um im "Hier und Jetzt" zu leben, braucht es Narren wie diesen Kang und als er mit der Tochter des Geschäftsmanns im Riesenrad ganz oben ist, flattern tausend Popcorn-Schmetterlinge durch die Kabine. 
 
Dramaturgisch angesiedelt zwischen der szenischen Poesie des erzählenden Kinos und einer ins Allegorische changierenden Botschaft ist dieser Film auch Beschreibung des Zustandes einer Gesellschaft, in der die Normalen aus dem Takt geraten sind. Es gibt eigentlich keine Gewinner in diesem Märchen; aber viele, die durch den "kleinen Kang" auf heilsame Weise aus dem Tritt kommen.
 
Die Jury begrüßt ausdrücklich, dass dieser Film einen ökonomischen Grundsatz vertritt, den die Welt bislang weder in China noch in Europa umgesetzt hat: wenn dir ein guter Mensch etwas schenkt, sollst du es ihm zehnfach zurückgeben.“



Die Kuratorin Odongoo Shiiter bemerkte im Interview: „Die rasante Entwicklung der chinesischen Filmindustrie überrascht mich manchmal selbst. Es war für mich auch sehr schön zu sehen, wie einige der Filmschaffenden in den letzten Jahren eine immer eigenere Filmsprache entwickeln.“

Schade, dass diese Filme nur auf dem Festival zu sehen und so nur einer begrenzten Anzahl von Kinozuschauern zugänglich sind.


Helga Fitzner - 23. September 2012
ID 00000006227
Fairy Tales war auch der Eröffnungsfilm, und KULTURA-EXTRA hatte bereits darüber berichtet (s. URL):

www.kultura-extra.de/film/feuilleton/filmkritik_fairytales_visionofchina2012.php

Der junge Hauptdarsteller Junbai Zou bekommt wegen seiner außerordentlichen schauspielerischen Leistung noch einen verdienten Sonderpreis der Jury.

Weitere Infos siehe auch: http://visionsofchina.de


Post an Helga Fitzner



 

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