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Rezension


„Die verlorene Zeit“ (Deutschland 2011)

Regie: Anna Justice

Starttermin: 24. November 2011

32 Jahre ist es her, seit Hannah (Dagmar Manzel) bei einer gefährlichen Flucht aus dem Konzentrationslager Auschwitz gerettet wurde. Mitten im unvorstellbaren Grauen hatten sich die deutsche Jüdin Hannah (als junge Frau gespielt von Alice Dwyer) und der polnische Gefangene Tomasz (Mateusz Damiecki) ineinander verliebt. Als sie schwanger wurde, entschloss sich Tomasz, seine Geliebte und sich selbst zu retten. Genauso unvorstellbar, aber die beiden schafften es und kamen frei. Tomasz versteckte Hannah bei seiner Mutter (Susanne Lothar), die von dem ungebetenen Gast gar nicht begeistert war. In den unruhigen Zeiten gegen Kriegsende wurden die Liebenden getrennt. Sie lebten weiter in dem Glauben, dass der jeweils andere tot ist.

Hannahs Vergangenheit holt sie ein: Hannah (Dagmar Manzel) und ihr Mann Daniel (David Rasche) © Movienet Film GmbH
Anstatt am Tag einer Familienfeier als Gastgeberin zu fungieren, verschwindet Hannah immer wieder. Es ist das Jahr 1976, sie lebt in New York, ist mit dem liebevollen Amerikaner Daniel (David Rasche) verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Hannah verrät niemandem, warum sie so verstört ist. Sie hat in einem Fernsehinterview mit einem Auschwitz-Überlebenden ihren ehemaligen Geliebten Tomasz wieder erkannt. Sie kann nicht glauben, dass er noch lebt, und lässt telefonisch die alte Suchakte des Roten Kreuzes wieder aktivieren. Und tatsächlich: Sie erfährt, dass Tomasz wirklich überlebt hat und bekommt seine Adresse in Polen, das 1976 noch hinter dem Eisernen Vorhang lag. Als Hannah Tomasz anruft, glaubt er ihr zunächst nicht, so sehr vertraut er auf die damalige Aussage seiner Mutter, dass Hannah während seiner Abwesenheit gestorben sei.

Die damalige Flucht ist in der Erinnerung immer noch lebendig: Die junge Hannah (Alice Dwyer) und Tomasz (Mateusz Damiecki) © Movienet Film GmbH
Die deutsche Regisseurin Anna Justice erinnert sich an die Dreharbeiten: „Die größte Herausforderung bestand darin, in nur einigen Rückblenden die Komplexität eines Konzentrationslagers darzustellen, seiner Gefangenen und Peiniger, eine mittendrin stattfindende Liebesgeschichte zu erzählen und die geheimen Nischen aufzuzeigen, die es trotzdem gab. Ohne auf Klischees zurückzugreifen. Ohne den tagtäglichen Terror zu verharmlosen. Das zu erarbeiten, erforderte viel Zeit und Nachdenken“.

Das Drehbuch ist von wahren Ereignissen inspiriert, stammt von Pamela Katz, die sich auf Bücher mit historischen und biografischen Themen spezialisiert hat. Dagmar Manzel spielt die Hannah in fortgeschrittenem Alter: „Es war eine gewaltige Herausforderung für mich, jemanden zu verkörpern, der scheinbar die Liebe seines Lebens verloren hat, und dann nach über dreißig Jahren erfährt, dass er noch am Leben ist, verbunden mit allen Ängsten und Gedanken über die verlorene Zeit, den Hoffnungen und der Nervosität vor dem ersten Wiedersehen.“

Es ist eine zu Herzen gehende und sehr spannende Geschichte, die aber nie ins Sentimentale abdriftet und bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt ist. Die Darstellung der Hannah ist sehr intensiv und wird von den Schauspielerinnen Alice Dwyer und Dagmar Manzel souverän gelöst. Die polnischen Stars Mateusz Damiecki und Lech Mackiewicz meistern sehr einfühlsam die schwierige Rolle des Tomasz. Susanne Lothar geht als verhärmte und verhärtete Mutter des Tomasz unter die Haut, ebenso Adrian Topol als ihr Sohn und Joanna Kulig als ihre Schwiegertochter. Die Familie ist Sinnbild des ungeheuren Leids, das über Polen damals hereingebrochen ist: Anna Justice erinnert sich: „Durch die Recherche erfuhr ich viel über polnische Zivilisten, sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Lager, über die Qual durch die deutsche Besatzung, über die erzwungene Kollaboration unter lebensbedrohlichen Umständen, und vor allem über den bewundernswerten Mut der Polen. In deutschen Filmen wurde all dem bisher nicht viel Beachtung geschenkt. Für mich liegt die Schönheit dieser Geschichte in der Tatsache, dass die beiden Liebenden das unglaubliche Glück hatten, sich mit dem auszusöhnen, was ihnen zugestoßen war, mit ihrer Liebe und mit ihrem Schicksal.“

Am Ende wird klar, dass eine solche Aussöhnung mit dem Schicksal sehr schwierig ist. Hannah und Tomasz haben wiederum Glück, sie treffen sich nach über dreißig Jahren wieder. Damit endet der Film. Die „verlorene Zeit“ können sie nicht aufholen, aber vielleicht können sie gemeinsam das Trauma und Trauer aufarbeiten.

Es ist schön, dass wir mit einem so anspruchsvollen Glanzlicht unsere Reihe „Judentum im europäischen Film“ ergänzen können.


Helga Fitzner - 24. November 2011
ID 5497

Weitere Infos siehe auch: http://www.die-verlorene-zeit.de





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