Gemeinsam Lösungen finden, selbstständig aktiv werden: One World Berlin - ein Filmfestival im Zeichen der Menschenrechte
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Einige Wochen vor dem internationalen Tag der Menschenrechte findet jährlich in Berlin das „One World Filmfestival für Medien und Menschenrechte“ statt. 35 informierende wie aufrüttelnde Filme und Dokumentationen, 12 Deutschland- und Berlinpremieren, ein Schulprogramm und Diskussionen von eingeladenen ExpertInnen mit dem Publikum prägten die Atmosphäre des Festivals. Besondere Beachtung fand in diesem Jahr der Fall des ehemaligen Guantánamo-Häftlings Murnat Kurnaz, sein Anwalt Bernhard Docke war Schirmherr des Festivals. Neu in diesem Jahr war ein Schulprogramm für die Oberstufe, besprochen wurde die Zwangssterilisation von Gehörlosen in der NS-Zeit.
Der Tag der internationalen Menschenrechte ist der Gedenktag zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 durch die Generalversammlung der UN verabschiedet worden ist. An diesem Tag werden weltweit Aktionen im Zeichen der Menschenrechte durchgeführt: „Reporter ohne Grenzen“ etwa verleiht jährlich den Menschenrechtspreis, das Europäische Parlament den Sacharow-Preis.
Jedes Jahr im November, in diesem Jahr vom 14. bis 23., findet in Berlin eine Veranstaltung statt, die mehrere Tage lang ebenfalls das wichtige Thema Menschenrechte in den Vordergrund rückt: Das „One World Filmfestival für Medien und Menschenrechte“.
Die mediale Bewusstmachung von weltweiten Menschenrechtsverletzungen, die Öffentlichkeit und Dialoge brauchen, um gemeinsam Veränderungen und Lösungen herbeizuführen, sehen die für das Festival verantwortlichen Kuratoren von Eyz-Media als ein Hauptziel der Veranstaltung. Gemeinsam werden Lösungen gesucht, jedoch kann jeder auch selbstständig aktiv werden: „Vermittelt werden soll auch, wie der Einzelne sich für die Sache der Menschenrechte einsetzen kann“, sagt Pressesprecherin Natalie Gravenor. Der Kontakt zwischen Publikum, ExpertInnen und ausführenden AkteurInnen spielt dabei eine große Rolle. „Die Kombination von Film und Diskussion ist ein Herausstellungsmerkmal des One World Media Festivals und ein spezielles Angebot für unsere Besucher“, so Gravenor. Zu den thematischen Schwerpunkten zählten in diesem Jahr die „Chancengleichheit für und die Integration von Menschen mit Behinderung“, „Menschenrechte und Globalisierung am Beispiel Lateinamerika“ sowie der "Krieg gegen den Terror“ der nach einem von der U.-S. Regierung unter George Bush verbreiteten Schlagwort „War on Terrorism“ benannt ist. Im Filmprogramm und als Specials gab es zahlreiche Premieren zu sehen: Darunter „Manufacturing Dissent: Micheal Moore and the Media“ von den kanadischen Regisseuren Deborah Melnyck und Rick Cain, ein Film, der Moore´s Methoden zur Wahrheitsfindung kritisch beleuchtet, „American Drug War“ von Kevin Booth, der 35 Jahre Drogenpolitik in den USA dokumentiert oder „Terror´s Advocate“ von Barbet Schroeder, der den umstrittenen Anwalt Jaques Vergés porträtiert. Neu in diesem Jahr war ein kostenloses Schulprogramm, das sich an die Mittel- und Oberstufe richtete. Ein Schwerpunkt in diesem Bereich galt Diskriminierungen, speziell wurde der Umgang mit Behinderten, insbesondere Gehörlosen in der NS-Zeit mit den Jugendlichen besprochen.
Eröffnungsabend im KATO mit Schirmherr Bernhard Docke
Der Schwerpunkt „Krieg gegen den Terror“ wurde schon am Eröffnungsabend thematisiert. Dessen Auswirkungen betrafen auch den Bremer Murat Kurnaz, dessen Fall durch die Medien ging. Ohne gerichtliche Verurteilung wurde er fünf Jahre im Gefangenenlager von Guantánamo festgehalten. Zu Gast bei der Eröffnung war sein Anwalt Bernhard Docke, der als Schirmherr des diesjährigen One World Berlin fungierte. Docke engagierte sich maßgeblich für die Befreiung von Murat Kurnaz und erwirkte die Verhandlung seines Falls vor Gericht in den USA. Für seinen Einsatz hat er bisher zwei Menschenrechtspreise, den Udo-Lindenberg-Preis 2007 und die Carl-von-Ossietzky-Medaille 2006 erhalten. Der Schauspieler und Regisseur Tamer Yirgit las in Folge aus dem von Kurnaz geschriebenen und 2007 veröffentlichten Buch „Fünf Jahre meines Lebens – ein Bericht aus Guantánamo.“
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In der anschließenden Gesprächsrunde wurde gemeinsam mit dem MdB Hans-Christian Ströbele der Fall, das Nicht-Eingreifen und die Versäumnisse der deutschen Regierung erörtert. Ganz im Sinne des Festivals beteiligte sich das Publikum in Folge aktiv an der Diskussion.
Stattgefunden hat die diesjährige Eröffnung des One World Berlin im KATO, einem kulturell orientierten Veranstaltungszentrum in Kreuzberg.
Ein großes Thema für ExpertInnen und Publikum: Die Verletzung der Grund- und Menschenrechte durch die USA im Zuge des „War on Terrorism“ und die Rolle deutscher Behörden
Der „Krieg gegen den Terror“ und die daraus resultierenden permanenten Verletzungen der Grund- und Menschenrechte sowie die Verstöße gegen die Genfer Konventionen in US-amerikanischen Gefangenenlagern wie Guantánamo, Abu-Ghuraib und Bagram führten im Laufe des Festivals noch zu weiteren intensiven Gesprächen von ExpertInnen mit dem Publikum. Im Fokusprogramm gezeigt wurde unter anderem die mehrteilige Dokumentation „Power of Nightmares – the Rise of the Politics of Fear“ von Adam Curtis, welche die Rolle der USA bei der Behinderung von Demokratiebewegungen aufzeigt sowie die Deutschland-Premiere „War on Democracy“ von Christophert Martin. Die Dokumentation setzt sich kritisch mit den zirkulierenden Bildern und Erzählmustern betreffend des "War on Terrorism" auseinander. Ein weiterer Film, der ganz nah an das Thema herangeht, sei hier herausgegriffen: Die mit mehreren Preisen ausgezeichnete Dokumentation „Taxi to the Dark Side“ von Alex Gibney behandelt den Fall des afghanischen Taxifahrers Gilawar, der 2002 nach einer außergerichtlichen Festnahme des US-Militärs in Bagram innerhalb weniger Tage zu Tode gefoltert wurde. Die Dokumentation zeigt verschiedene Stationen von diesem und anderen Folterskandalen und beleuchtet deren unmenschliche wie ungesetzliche Hintergründe. Ausführende Soldaten wie PolitikerInnen kommen zu Wort.
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Rosemarie Will, Professorin für Öffentliches Recht an der Humboldt-Universität Berlin stand nach dem Film gemeinsam mit Britta Jenkins und Andrea Arndt vom Behandlungszentrum für Folteropfer dem Publikum für Fragen zur Verfügung. „Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein kann im ´Krieg gegen den Terror´ bereits ein Todesurteil bedeuten“ meinte Arndt. Die Expertinnen wiesen auch darauf hin, dass die im Film gezeigten Foltermethoden weltweit verbreitet und „keine neue Erfindung“ des US-Militärs seien. Großes Interesse zeigte das Publikum an der Rolle der deutschen Behörden und der Bundeswehr in den Fällen von Murat Kurnaz und dem des Hamburgers Mohammed Haydar Zammar. Kurnaz soll vom Kommando Spezialkräfte misshandelt worden sein, das BKA hat Zammar nach seiner Gefangennahme verhört und im Zuge dessen gefoltert. Mehrere Fragen wurden vom Publikum aufgeworfen: Darf ein Staat einen Menschen einer Situation überlassen, in der ihm wahrscheinlich die Todesstrafe droht? Welche Möglichkeiten gibt es, auf dieses „Outsourcing“ von Folter zu reagieren? Wie kann man selbst etwas tun? Rosemarie Will verwies in diesem Zusammenhang auf Amnesty International Deutschland. Hier kann jeder selbstständig aktiv werden: Die Organisation hat es sich durch mehrere Kampagnen und Unterschriftenaktionen zum Ziel gesetzt, den Folterskandalen Einhalt zu gebieten.
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Neu: Kostenloses Filmprogramm für die Mittel- und Oberstufe
Zum ersten Mal in diesem Jahr gab es auf dem One World Berlin auch ein Filmprogramm für Schulen, das sich an die Mittel- und Oberstufe richtete. Die Filmvorführungen wurden im barrierefreien Kleisthaus in Berlin Mitte gezeigt, der Eintritt für die Schulklassen war umsonst. Ein Schwerpunktthema war das Euthanasie-Programm der Nazis und der Umgang mit Behinderten, im Speziellen mit Gehörlosen, während der Nazidiktatur. 400.000 Behinderte wurden zwischen 1933 und 1945 in Deutschland zwangssterilisiert, 10.000 davon waren Gehörlose. Gezeigt wurde die Dokumentation „Sehen statt Hören: Gehörlose in der Nazizeit“, eine Folge der integrativen BBC-Serie „See and Hear“ mit Untertiteln und Gebärdensprache. Auch für die jungen Festival-Besucher gab es die Möglichkeit, nach dem Film mit ExpertInnen zu diskutieren. Jochen Muhs, Historiker und Vorsitzender des Gehörlosenverbandes Berlin stand den SchülerInnen für Fragen zur Verfügung: Wie hat man denn die ZeitzeugINnen dazu gebracht, vor der Kamera über das Erlebte zu sprechen? Und - wollten die das denn überhaupt? Die Jugendlichen waren betroffen und interessiert. Muhs beantwortete alle Fragen gewissenhaft: Tatsächlich sei es für viele ZeitzeugInnen schwierig gewesen, über das Erlebte zu sprechen. Erschwerend hinzu kommt die jahrelang fehlende Aufarbeitung der Vergangenheit durch die Öffentlichkeit und damit die Anerkennung des Erlebten durch die Gesellschaft. Obwohl das Sterilisationsgesetz 1945 erloschen ist, wurden erst ab 1985 Entschädigungen bezahlt. Der Verband der Gehörgeschädigten entschuldigte sich erst vor vier Jahren dafür, mitgeholfen zu haben, ehemalige Schülerinnen und Schüler der Sterilisation zuzuführen. |
Schüler folgen Jürgen Muhs Erläuterungen zum Film "Gehörlose in der Zeit des Nationalsozialismus" (GB 2004, Regie: Rachel Scarott)
Im Schulprogramm lief außerdem eine Dokumentation über das "Global Oneness Project", welche Wege des gegenseitigen Helfens und Zusammenarbeitens anhand von Sozialprojekten in sechs verschiedenen Ländern aufzeigt. Auch hier konnte in Folge mit SpezialistInnen debattiert werden. Eine Lehrerin zeigte sich von dem Konzept begeistert: "Experten vor Schülern sprechen zu lassen, bewährt sich immer", meint sie. Der Vorteil der Veranstaltung für den nachfolgenden Unterricht liegt für sie auf der Hand: "Durch die unterschiedlichen Zugänge und die Aufbereitung können Themen von den Jugendlichen viel intensiver erlebt werden." Die so erfahrenen Inhalte können speziell behandelt werden, aber auch in allgemeinerer Form längerfristig in den Unterricht einfließen.
Organisiert wurde das Schulprogramm von Eyz-Media gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte und der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, MdB Karin Evers-Meyer. Schirmherr war der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe, MdB Günter Nooke.
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Geschichte, Hintergründe, Ausblicke
Das One World Berlin ist Partnerprojekt des One World International Human Rights Festival in Prag, das im März 2008 zum zehnten Mal stattfindet und dessen wohl berühmtester Schirmherr Vaclav Havel war. Idee des One World Prag ist es auch, Festivals in anderen Städten zu starten. So konnten kleinere Versionen des Festivals bereits in der Slowakei, im Kosovo, Polen oder Kroatien gezeigt werden. "Berlin bot sich als größerer Veranstaltungsort an - wegen seines geschichtlichen Hintergrunds und der angestrebten Ost-West-Scharniere", meint Gravenor. Das One World Berlin ging in diesem Jahr zum vierten Mal über die Bühne, die Veranstalter freuen sich mittlerweile über konstante BesucherInnenzahlen, zwischen zehn und fünfzehn ehrenamtliche MitarbeiterInnen unterstützen Eyz-Media jährlich bei den Vorbereitungen. Auch für das nächste Jahr gibt es schon Pläne: Das Schulprogamm soll bleiben, als Anreiz für Publikum wie FilmemacherInnen ist die Einführung eines Publikumspreises geplant. Das One World Berlin schickt 2008 außerdem ausgewählte Filme deutschlandweit auf Tournee: Dank einer neuen digitalen Projektionstechnik der Filme mittels D-Cinema können Filme weitaus kostengünstiger als im klassischen 35-mm-Format in hoher Auflösung gezeigt werden. Für das Konzept der digitalen Filmtournee hat Eyz-Media den Innovationspreis des Bundesbeauftragten der Kultur und Medien 2007 erhalten.
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Friederike Schwabel - Berl.-Red, 10. Dez 2007 ID 00000003602
Weitere Infos siehe auch: http://www.oneworld-berlin.de
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