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Interview


Sylvain Estibal und Myriam Tekaia

im Gespräch mit Helga Fitzner


Sylvain Estibal und Myriam Tekaia beim Interview für KULTURA-EXTRA in Köln - Foto © Helga Fitzner



„Ohne eine Vision vom Frieden ist Frieden nur schwer möglich“



In dem Ensemble von Das Schwein von Gaza geht es mit den Nationalitäten bunt durcheinander. Deshalb eingangs die Frage: Welche Nationalität haben Sie?

Sylvain Estibal
[Drehbuch und Regie]: Ich bin Franzose, habe aber auch spanische Wurzeln. Ich lebe seit einiger Zeit in Uruguay.


Dort in Südamerika kam Ihnen auch die Idee zu dem Film Das Schwein von Gaza.

Sylvain Estibal:
Ja, daher kommt eine von den Ideen, die dazu führten. Einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Uruguay ist die Viehzucht. Ich habe immer wieder beobachtet, wie Vieh auf speziell dafür ausgerüstete Schiffe verladen wurde, darunter auch viele Schafe für das muslimische Opferfest, die zum Mittleren Osten unterwegs waren. Da fragte ich mich, was wäre, wenn das keine Schafe, sondern Schweine wären und ein Schwein davon nach Israel gelangen würde, wo es sowohl der jüdischen wie auch der muslimischen Gesellschaft als unrein gilt.


Sie haben schon vor dem Film ein Foto-Projekt in Hebron gemacht, das im Westjordanland liegt. Dabei haben Sie jeweils einer israelischen als auch einer palästinensischen Familie eine Kamera gegeben und sie gebeten, ihren Alltag in Bildern festzuhalten. Die Familien wussten nichts voneinander. Als sie dann die Fotos der jeweils anderen Familie gezeigt haben, stellten sie fest, dass sich ihr Alltag und ihr Familienleben sehr gleichen, sie also gar nicht sehr unterschiedlich sind.

Sylvain Estibal:
Ja, das war ganz erstaunlich. Es entstanden Fotos, wie sie von Berufsfotografen gar nicht gemacht werden können. Sie geben nicht nur eine Innenansicht der Wohnverhältnisse, sondern auch des alltäglichen Lebens der Menschen. Es war natürlich keine Sensationsfotografie, ergab aber trotzdem sehr intensive Bilder.


Welche Wirkung hatte das auf die beiden Familien?

Sylvain Estibal:
Die Kinder waren da ganz unbefangen. Das Erstaunliche war aber die Reaktion der Erwachsenen. Die haben sich plötzlich an vergangene Zeiten erinnert. Die Israelis erzählten mir von ihrer Ankunft in Hebron. Damals haben die palästinensischen Bewohner ihnen Werkzeuge geliehen, damit sie ihre Häuser bauen konnten. Danach war der Kontakt nicht mehr möglich. Als sie diese Bilder sahen, fielen ihnen diese Gemeinsamkeiten und die gute Nachbarschaft aber wieder ein.


Haben sich die Familien jemals treffen können?

Sylvain Estibal:
Ja, das war bei einer Ausstellung in Tel Aviv. Die palästinensische Familie hatte eine Sondergenehmigung bekommen, um das Westjordanland verlassen zu dürfen. Das war schon faszinierend. Da waren israelische Politiker und israelisches Militär zugegen und dann diese palästinensische Familie mittendrin. Die Bilder haben die Leute auch bei späteren Ausstellungen in Frankreich sehr berührt, einige haben sogar geweint, weil die Alltagsnähe und irgendwie auch die Schlichtheit der Bilder den Menschen sehr nahe kamen. In Frankreich haben sich das jüdische und palästinensische Zuschauer gemeinsam ansehen können.


Der Schauspieler Sasson Gabay ist israelischer Jude irakischer Abstammung und spielt einen palästinensischen Fischer und Sie, Frau Tekaia, sind Tunesierin und spielen eine jüdische Siedlerin. Sind Sie Muslima?

Myriam Tekaia
[Schauspielerin, Drehbuchentwicklung]: Sagen wir so: Ich stamme aus dem muslimischen Kulturraum. Es lag aber nicht in Sylvains Absicht, ein solches Gegensatzpaar zu casten. Das ergab sich einfach so, denn wir waren von Sasson Gabay absolut fasziniert.


Er ist auch fantastisch. Er braucht gar nicht viel zu machen und bringt einen schon zum Lachen. Frau Tekaia, Sie waren auch beim Drehbuchschreiben involviert.

Myriam Tekaia:
Ja, ich habe Sylvain beraten, insbesondere, wenn er Witze über Araber bzw. Palästinenser machte, welche Witze funktionieren würden und welche nicht. Dann ging es auch um die Darstellung der Ehefrau von Jafaar. Wir wollten die Beziehung so realitätsnah wie möglich machen. Daran habe ich mitgewirkt.


Die Darstellung von Jafaars Frau Fatima ist an dem Film schon bemerkenswert, gespielt von der wunderbaren Baya Belal.

Sylvain Estibal:
Wir wollten bewusst mit dem Klischee der unterdrückten muslimischen Hausfrau brechen. Fatima ist eine Frau, die Stärke und Würde ausstrahlt. Auf ihre Art ist sie auch stärker als ihr Mann. Mir war es bei allen Charakteren wichtig, sie mit Würde und Menschlichkeit auszustatten.



Jafaar (Sasson Gabay) und seine Frau Fatima (Baya Belal) trotzen den Widrigkeiten ihrer Lebenssituation - Foto © Alamode Film



Man hat Ihnen, vor allem wegen des wunderschönen Endes der Geschichte, Naivität unterstellt. Das haben Sie in vorangegangen Interviews aber entschieden abgestritten.

Sylvain Estibal:
Ja, es gibt schon Leute, die den Film deswegen ablehnen. Aber ich finde, dass man nicht aufgeben soll, an den Frieden zu glauben.


Der südafrikanische Regisseur Mbongeni Ngema wurde vor vielen Jahren aus dem selben Grund wie Sie jetzt kritisiert, weil er in einem Musical vom Ende der Apartheid träumte. Er sagte damals: „Um den Befreiungskampf aufnehmen zu können, mussten wir erst einmal den Freiheitsgedanken in die Köpfe der Schwarzen pflanzen, den Glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist.“ Das Ende der Apartheid ist dann schließlich gekommen. Insofern glaube ich schon, dass Sie mit Ihrem „Friedensmärchen“ gar nicht so falsch liegen.

Sylvain Estibal:
Richtig. Man muss zuerst daran glauben, dass es kommen wird. Ohne eine Vision vom Frieden, ist Frieden nur schwer möglich. Deswegen habe ich keinen Film über die große Politik gemacht, sondern über Menschen.


Die Israelis in dem Film sind auch nicht sehr glücklich, zum Beispiel, Frau Tekaia als Siedlerin Yelena oder die Besatzungssoldaten. Als Franzose sind Sie ein Außenstehender in dem Konflikt, der aus einer neutralen Position heraus den Konfliktparteien in humorvoller Weise einen Spiegel vor die Nase setzt.

Sylvain Estibal:
Genau. Wir wollten, dass sie zusammen lachen können. Das gilt für alle Menschen. Ich finde, wir haben ein großes Bedürfnis nach Lachen. Wenn man überhaupt lachen kann oder wenn Konfliktparteien miteinander lachen können, dann ist das schon ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Myriam Tekaia: Leider erreichen wir aber nicht alle damit. Es gibt immer noch Tabus. Viele Araber fühlen sich durch die Israelis gedemütigt und haben Vernichtungsangst. Sie wissen auch nicht von dem Ausmaß des Holocaust und dem, was die europäischen Juden erlitten haben. Für die war die Idee eines als unrein geltenden Schweins in Gaza tabu und auch das gemischte Ensemble von insgesamt 16 Nationalitäten, worunter es Juden und Araber gab. Ich glaube zwar schon, dass es eine Minderheit ist, die so denkt, aber als wir den Film auf Festivals in Tunesien zeigen wollten, wurde er aufgrund dessen schon abgelehnt, ohne dass er gesichtet worden wäre.


Sie haben diese starke und durchsetzungsfähige jüdische Siedlerin gespielt, deren Siedlung dann verlegt wurde. Haben Sie sich da in den rauen Lebensalltag der israelischen Frauen hereinfinden können?

Myriam Tekaia:
Ich glaube, überall müssen Frauen stark sein, nicht nur in Israel. Aber als Schauspielerin musste ich mich schon mit der Situation russisch-jüdischer Siedler beschäftigen, die nach Israel gekommen sind, um dort eine Heimat zu finden. Ich selbst habe an vielen Orten der Welt gelebt.


Der Arabische Frühling begann ja in Tunesien. Wie hat sich die Lage dort entwickelt?

Myriam Tekaia:
Das Allerwichtigste für uns Tunesier ist jetzt, dass wir reden können. Sie können sich nicht vorstellen, wie wichtig das für uns ist. Wir können jetzt auch unseren Präsidenten, die Regierung, die Polizei oder das Militär kritisieren, wir können offen unsere Meinung sagen. Wir kämpfen diesbezüglich zwar immer noch gegen unsere Angst an, das braucht eben Zeit, aber wir können uns jetzt für unsere Rechte einsetzen. Wir sind manchmal selbst von unserer Meinungsvielfalt überrascht, aber wir können jetzt in Freiheit und Würde leben.


Ist es so, dass in Tunesien die Gewalt beendet ist, seit die Menschen frei reden können? Man hört in den Nachrichten nicht mehr viel.

Myriam Tekaia:
Die Tunesier sind von Natur aus ein sanftmütiges Volk. Die Gewalt damals geschah aus der Verzweiflung heraus, aus dem Glauben heraus, keine andere Wahl zu haben.


Sie haben den Film nicht in Gaza, sondern auf Malta gedreht. Ich vermute, dass Sie für Gaza auch keine Drehgenehmigung bekommen hätten.

Sylvain Estibal:
Da kam Vieles zusammen. Wir haben während der muslimischen Fastenzeit Ramadan gedreht, und es ist in der Zeit davor zu gewalttätigen Ausschreitungen in Gaza gekommen. Als wir uns dann in Malta umgeschaut haben, fanden wir Drehorte, die sehr geeignet waren. Ich wollte den Hintergrund der Geschichte durchaus realistisch gestalten, deshalb war die Wahl des Drehortes sehr wichtig. Die Dreharbeiten waren dann auch entspannter, als sie in Gaza geworden wären. In den Drehpausen konnten die Israelis und Araber unbeschwert miteinander Sport treiben oder herumalbern. Diese Atmosphäre wirkte sich letztendlich positiv auf den Film aus.


Die Schauspieler sind nicht das, was sie sind. Nicht einmal das Schwein ist ein Eber, wie das Drehbuch es vorsieht, sondern eine Schweinedame mit Namen Charlotte. Das ist insgesamt alles sehr ungewöhnlich. Gab es weitere Einwände gegen das Projekt?

Sylvain Esteval:
Wir haben von Filmförderungen verschiedener europäischer Länder einige Ablehnungen zur Co-Finanzierung des Projektes bekommen, weil ich weder Jude noch Araber bin. Die verstanden nicht, warum ich dieses Projekt machen wollte. Die fanden mich nicht legitimiert genug, ich hatte nicht den richtigen Pass. Dann hatten wir aber Glück, dass die Filmförderung der Europäischen Union, Eurimage, sich dann zur Förderung entschloss. Ich glaube nicht, dass man einer bestimmten Gesellschaft angehören muss, um von ihr berichten zu dürfen. Die Realität, die ich in Kunst übertrage, muss nicht unbedingt meine eigene sein, ich mache sie mir zueigen, um meine persönliche Sicht darauf zu zeigen. Beim israelisch-palästinensische Konflikt ist es doch aber so, dass er teilweise unser aller Leben berührt.


Herzlichen Dank für dieses wundervolle Friedensmärchen und für das Gespräch.


[Das Interview führte Helga Fitzner am 19. Juli 2012 in Köln.]


Helga Fitzner - 22. Juli 2012
ID 00000006106

Weitere Infos siehe auch: http://das-schwein-von-gaza.de


Zur Filmkritik Das Schwein von Gaza



 

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