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Interview


Eine norwegische Gruppe junger Öko-Aktivisten versucht, mit dem Interesse der Internetnutzer an Sexclips Geld für die Rettung von Regenwäldern zu sammeln. So etwas geht am besten in Berlin, aber nicht immer glatt, wie der Dokumentarfilm Fuck For Forest des polnischen Regisseurs Michal Marczak zeigt

Ein Besuch in Warschau


Der junge polnische Regisseur Michal Marczak folgte der Neo-Hippie-Öko-Gruppe Fuck For Forest für seinen gleichnamigen Film bis auf den Amazonas in Brasilien - Foto (C) Neue Visionen



Herr Marczak, eigentlich ist die Idee, mit Amateurpornos – also mit einem der beliebtesten Genres im Internet – Geld für ökologische Projekte zu sammeln, eine grandiose Idee. Wenn man die fünf Neo-Hippies der Gruppe Fuck For Forest in ihrem Film sieht, wie sie umhervagabundieren, Joints rauchen und freie Liebe propagieren, fragt man sich aber unwillkürlich, ob ausgerechnet eine solch kleine, schräge Gruppe die Welt retten kann.

Michal Marczak:
Gerade das macht für mich den Reiz des Films aus. Eine perfekt organisierte, nicht-staatliche Organisation, die für ökologische Zwecke Spenden sammelt, wirkte in einem Film ja einfach nur langweilig. Die Gruppe Fuck For Forest ist etwas Einzigartiges, Nicht-Perfektes in unserer professionell durchorganisierten Welt, was ich für ein gutes Zeichen halte. Es gibt nur sehr wenige Menschen wie diese jungen Leute, die sich den realen Verhältnissen nicht einfach anpassen, sondern eine eigene Welt mit anderen Werten dagegenhalten, die sie selbst auch leben. Ich hatte schon als Jugendlicher eine Affinität zu solchen unkonventionellen Gruppen wie z.B. Punks, die abseits der gesellschaftlichen Normen meiner sozialistischen Heimat lebten und die mir erschienen, als stammten sie aus einer anderen Welt.


Im Internet gibt es aber viel spektakulärere Amateurpornos als auf der Fuck For Forest-Website. Deshalb frage ich mich, ob die meisten Sponsoren tatsächlich dafür ihr Geld ausgeben oder schlicht wegen des guten Zwecks, den die Gruppe verfolgt?

Michal Marczak:
Das wollte ich auch herausfinden, aber ich glaube, das weiß die Gruppe selber nicht so genau. Es ist kaum zu überprüfen, ob die ökologische Idee oder der psychologische Hintergrund der Gruppe stärker für Spendenzahlungen verantwortlich ist als die Sexclips und –Bilder. Denn die meisten Spenden werden monatlich von über tausend Unterstützern anonym über Kreditkartenzahlungen an Fuck For Forest überwiesen. 15 Euro pro Monat sind für einen Westler nicht sehr viel. Oft verlieren solche Gruppen ihren Charme und den Kontakt zu ihren Unterstützern, wenn sie stark wachsen. Wer für Fuck For Forest spendet, weiß genau, wer das Geld erhält und was damit gemacht wird. Vielleicht hat die Gruppe genau die richtige Größe gefunden, um ihre Ziele zu verfolgen, aber ihren eigenen Idealen treu zu bleiben…. Wobei ein bisschen mehr Management sicher nicht schaden könnte (schmunzelt).


Der längste Teil ihres Films zeigt die Gruppe in Berlin, wo sie am häufigsten aktiv ist und zum Beispiel Menschen im Mauerpark anspricht. Mit ihrem naiven Glauben an die Hippiekultur wirken sie oft wie aus der Zeit gefallen.

Michal Marczak:
Ich will dem Zuschauer vermitteln, was ich selbst erlebt habe und was es bedeutet, sich der Gruppe anzuschließen: wie der Tagesablauf aussieht, wie um Geld und Sexclips gebeten wird usw. Etwa jeder Zehnte, der gefragt wird, ob er oder sie sich nackt fotografieren lässt oder gar Sexclips drehen würde, geht tatsächlich darauf ein. Die Gruppe provoziert alle nur denkbaren Reaktionen und wird auch im linken Spektrum wegen der sehr lose formulierten Ideen, wie Gesellschaft und Politik auszusehen haben, oft beargwöhnt. Die Leute von Fuck For Forest passen aber gut nach Berlin, wo es in Kneipen nicht nur nach Bier und Zigaretten riecht, sondern manchmal auch nach indischen Kräutern, Lavendel und Honig.


Wer viele Sexszenen in ihrem Film erwartet, liegt aber falsch. Die Stimmung wirkt eher melancholisch.

Michal Marczak:
Das hängt mit der Entwicklung innerhalb der Gruppe zusammen, nachdem der junge Musiker Dan hinzugekommen war. Auf so einen Zeitpunkt hatte ich eigens gewartet, um den Film zu drehen. Ich hatte mir interessante Situationen davon versprochen, wenn sich jemand der schon eingeschworenen, kleinen Gruppe anschließt und damit Prozesse auslöst, die nicht vorhersagbar sind. Ich dachte selbst auch, der Film würde leichter und lustiger. Aber nur Friede, Freude, Eierkuchen zu zeigen, wäre langweilig gewesen. Und mit der Anzahl der erotischen Szenen bin ich insgesamt zufrieden. Ich habe übrigens nur dann die Kamera abgeschaltet, wenn jemand ungeplant ins Bild geraten ist und nicht zu sehen sein wollte. Aber große Diskussionen darüber, was ich drehen darf oder nicht, gab es keine.


Im zweiten Teil des Films scheint die Gruppe sich sehr gut mit den brasilianischen Indios zu verstehen, deren Regenwald und damit deren Lebensgrundlage sie mit Geld kaufen und bewahren wollen. Doch die Ureinwohner können letztlich nicht überzeugt werden. Und dann taucht bei diesem Treffen völlig überraschend auch noch ein Mann auf, der riesige Kettensägen zum Baumfällen verkaufen will.

Michal Marczak:
Das war wirklich völlig unvorhersehbar. Das ist für einen Filmemacher natürlich ein großartiger Moment, in dem sich blitzschnell das Thema kristallisiert und die ganze Ungewissheit, in die man sich gestürzt hat, belohnt wird. Da fährt man tagelang in einem schmalen Boot in einem entlegenen Winkel der Welt umher, um Ureinwohner zu treffen und dann steht da plötzlich ein Mitarbeiter einer Stahlfirma vor einem, der den Indios Kettensägen per Ratenzahlung andrehen will! Sägen zu verkaufen ist dort leider noch immer ein gut laufendes Geschäft. Dass die Indios den Aktivisten von Fuck For Forest nicht geglaubt haben, liegt daran, dass sie von weißen Besuchern zuvor schon auf unglaublich schäbige Art betrogen worden sind. Menschen, die in ihrer Mehrzahl nicht lesen und schreiben können.


Die Fuck For Forest-Gruppe hat aber nicht resigniert?

Michal Marczak:
Sie gingen nach dem Scheitern des Brasilien-Projektes kurzfristig in alle Richtungen auseinander, sind aber in der alten Konstellation längst wieder in Berlin zurück, produzieren ihre Sexclips und verfolgen weiter ihren Masterplan zur Rettung der Welt.


Haben Sie keine Angst, dass ihr Film der Gruppe schaden könnte?

Michal Marczak:
Ich hoffe nicht! Die Kinozuschauer sollen das ganze, komplexe Bild der Situation erfassen können, inklusive der Probleme. Der Film soll dazu anregen, sich selbst Gedanken zu machen, mit welcher Art von Engagement man etwas Positives bewirken kann.



[Apropos anregen: Nach der Premierenparty in Warschau sagte mir ein Discobesitzer, dank der Fuck For Forest-Gruppe hätte dort die wohl größte Orgie stattgefunden die Warschau seit den 20er Jahren erlebt hätte.]


Interviewer: Max-Peter Heyne - 10. Juni 2013
ID 00000006833
Kinostart von Fuck For Forest: 13. Juni 2013

Weitere Infos siehe auch: http://www.fuckforforest.com


Post an Max-Peter Heyne



 

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