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Interview

Dieter Hallervorden über die physische Herausforderung einer Rolle als Sportler und seine Rastlosigkeit



Foto (C) Universum Film GmbH



Waren Sie sich schon beim Drehbuchlesen sicher, dass Sein letztes Rennen viel Potential hat?

Dieter Hallervorden:
Als ich das Drehbuch gelesen habe, dachte ich mir, das ist genau meine Sache. Endlich einmal ein Drehbuch, das Format hat, das sich auf dem schmalen Grat zwischen Schmunzeln und tiefer Rührung bewegt. Und da ich in meinem hohen Alter mittlerweile ein wenig von Dramaturgie verstehe, habe ich gemerkt, dass dies ein außergewöhnliches Projekt ist. Dazu gehört natürlich ein außergewöhnlicher Regisseur wie Kilian Riedhof, der ja auch Ko-Autor ist und von dem man sicherlich noch einiges hören wird. Wenn der Film ein Erfolg wird, ist es in erster Linie sein Verdienst. Ich habe ja mehrere Filmen gemacht – aber unter einer solchen Regie durfte ich noch nie mitarbeiten.


Was war das Besondere bei dieser Arbeit?

D. H.:
Wenn jemand wie Kilian Riedhof mit so viel Herzblut über Jahre und dann beim Drehen über zwölf bis dreizehn Stunden am Ball bleibt und das Letzte rausholen will und dazu noch eine harmonische Kommunikationsform wählt, dann freut man sich, dabei mitzuarbeiten. Der Vorteil war, dass wir zehn Tage vor Drehbeginn einige Szenen durchspielen konnten. Bei diesen Proben konnte ich teils mit Heike Makatsch, teils mit Tatja Seibt überlegen, welche Bedeutung denn eigentlich hinter den Sätzen steckt. Denn die Worte sind wie kleine Boote auf dem Fluss der Emotionen, d.h. man muss das spielen, was hinter den Worten steht. Und wir hatten eine wahrhaft sensationelle Kamerafrau namens Judith Kaufmann! Man kann ja bestimmte Szenen, bei denen man sehr gefühlvoll spielen muss, nicht endlos wiederholen, weil sie sonst an einem Punkt nicht mehr spontan wirken, sondern hergestellt und zu Tode geritten. Da hat mir die Kamerafrau sehr geholfen, dass ich mich darauf verlassen konnte, dass sie bestimmte Verabredungen einhält, wenn ich es auch tue. So hatten wir einige Szenen beim ersten Mal im Kasten, und so kommen die Gefühle in manchen Szenen wohl auch recht glaubhaft daher.


Waren die Dreharbeiten auch eine sportliche Herausforderung?

D. H.:
Ich wusste ja ziemlich genau, was auf mich zukommt. Ich bin ein Pflichtmensch, und wenn ich einen Vertrag unterschreibe, dann will ich dem Produzenten auch zu hundert Prozent das erbringen, was ich vorher im Drehbuch ersehen habe. Ich kann sagen, dass ich mich noch nie in meinem Leben auf ein Berufsprojekt so vorbereitet hatte wie auf dieses. Ich habe über Monate meine gesamte Ernährung umgestellt und neun Kilo abgenommen, auf Alkohol verzichtet, bin zwei Mal die Woche ins Fitness-Studio gegangen und natürlich jeden Tag gelaufen, inklusive Intervalltraining. Heute laufe ich noch drei bis maximal fünfmal die Woche, aber auch nicht mehr so lange Strecken wie vor dem Film. Da begnüge ich mich mit etwa 40 Minuten. Ich laufe allein und ohne Musik zu hören. Meine Musik, das sind meine Überlegungen, wie ich den Spielplan fürs Berliner Schlosspark-Theater gestalte, welche Regisseure ich für die Stücke engagiere, ob sie mit den Hauptdarstellern harmonieren usw.


Wie wurden die Szenen beim Berliner Marathon gedreht?

D. H.:
Da wir uns keine 40.000 Komparsen leisten konnten, haben wir den Berliner Marathon nicht nur abgefilmt, sondern auch mittendrin. Dabei war darauf zu achten, dass mich die Leute nicht gleich als Dieter Hallervorden erkennen und beim Zujubeln aus Versehen in die Kamera winken. Deswegen mussten wir viele Teile doppelt und dreifach drehen. Es gab eine Stelle, da filmte das Team, wie ich in einem Pulk von Läufern auf einer leicht ansteigenden Straße entlanggelaufen bin. Beim ersten Mal sagten mir die Kameraleute, das hätte schon ganz gut ausgesehen, ich wäre nur leider in dem Wust von Läufern nicht zu erkennen gewesen. Also bin ich wieder die sechshundert Meter zurückgelaufen und habe mich wieder eingefädelt in die Läuferschar – diesmal in die Nähe eines Fähnchens, das hochgehalten wurde, damit mich das Filmteam von weitem erkennen konnte. Dann hieß es anschließend, ich wäre diesmal hinter zu vielen großen Läufern verschwunden. Also wieder zurück. Das Entnervende war dabei ja nicht, die sechshundert Meter mehrere Male hintereinander zu laufen, sondern jedes Mal versuchen zu müssen, sich so in die Läufergruppe einzuschmuggeln, dass mich die Leute nicht erkennen. Außerdem durfte ich nicht vor mich hin wanken, sondern musste ein gewisses Tempo laufen. Denn der Paul Averhoff ist am Tag des Marathons ja nicht mehr ein ungeschickter, sondern inzwischen gut trainierter Läufer. Ich bin an dem Tag für die Rolle bestimmt so um die zwanzig Kilometer gelaufen und saß am Ende des Drehtages tränenüberströmt in meinem kleinen Sessel, weil eine Reizung an meiner Achillessehne mit Spritzen und Kühlung wegkatapultiert werden musste.


Ebenso wie Paul Averhoff scheinen Sie sich auch selbst durch vielerlei Aktivitäten jung zu halten.

D. H.:
Bei mir muss immer etwas passieren. Viele in meinem Alter freuen sich ja schon ewig auf den Ruhestand – ich bevorzuge den Unruhestand. Mein Beruf ist aus einem Hobby entstanden, deshalb empfinde ich ihn auch nicht als Arbeit. Ich freue mich, dass ich spielen darf, und solange mich die Beine noch auf die Bühne tragen, der Kopf noch mitmacht und mich noch ein paar Leute sehen wollen, will ich dabeibleiben. Das Schlosspark-Theater ist mein Herzensprojekt, das ich zum definitiven Erfolg führen will. Das braucht eine gewisse Zeit, sodass ich noch sechs, sieben Zuschauer pro Vorstellung zusätzlich animieren muss, dort hinzukommen. Ich habe viele eigene Mittel dort hineingesteckt und arbeite seit vier Jahren unentgeltlich, d.h. ich bekomme für meine Vorstellungen keine Gage. Daran erkennt man, wie groß die Liebe zum Theater sein muss.


Können Sie sich über die Begeisterung Ihrer Fans noch freuen?

D. H.:
Grundsätzlich wird jeder, der freundlich auf mich zukommt, von mir auch freundlich behandelt. Leute, die plump auf mich zukommen oder sich – was das Schlimmste ist – ohne zu fragen einfach mit dem Handy vor mich hinstellen und fotografieren, wie man es mit Affen im Zoo macht, die werden dann auch erleben, dass ich nicht so freundlich reagiere. Man kann doch höflich fragen, "darf ich bitte ein Foto machen?", und dann sage ich selbstverständlich ja. Das ist eine Frage der Erziehung, aber auch der Sensibilität. Dass man mich auf die früheren Didi-Rollen anspricht, kommt inzwischen kaum noch vor, da ich inzwischen ja beinahe hundert Folgen Hallervordens Spott-Light und viele Theaterstücke gespielt habe. Und ich bin außerhalb des Theaters, Fernsehens oder Films ja nicht genau derselbe wie innerhalb, und wie Didi schon gar nicht.


Waren Sie schon als Kind darauf aus, für Unterhaltung zu sorgen?

D. H.:
Nein, gar nicht. Ich war keineswegs immer der Klassenclown. Ich war schüchtern, immer der Kleinste, immer der Jüngste, weil ich schon mit fünf Jahren eingeschult worden bin. Ich war zwar jemand, der einen eigenen Willen hatte, der sich nicht alles gefallen ließ. Aber aus mir herausgegangen bin ich während der Schulzeit überhaupt nicht.


Wann kam die Begeisterung fürs Theaterspielen?

D. H.:
Ich habe in Westberlin bei einer studentischen Laienspielgruppe namens „La Compagnie des Inconnus“, also „die Gruppe der Unbekannten“, auf Französisch Theater gespielt und hatte die Lacher auf meiner Seite. Das hat mir gefallen, sodass ich dachte, es wäre schön, aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Daraufhin habe ich das Doktorandenseminar an der Freien Universität abgebrochen.


Gab es für Sie in Ihrer Jugend Sportidole wie den Film-Langläufer Paul Averhoff?

D. H.:
Ich hatte in meiner Jugend keine sportlichen Helden. Ich habe über Idole nie nachgedacht. Aber wenn sie von mir Namen hören wollen, dann würde ich heute die nennen, die Präsident Obama ins Gefängnis stecken will, also zum Beispiel Edward Snowden – das ist für mich ein Held. Denn das höchste Gut für mich ist meine persönliche Freiheit.





Dieter Hallervorden in Sein letztes Rennen - Foto (C) Universum Film GmbH


Interviewer: Max-Peter Heyne - 9. Oktober 2013
ID 7238
Weitere Infos siehe auch: http://www.sein-letztes-rennen.de/


Post an Max-Peter Heyne

Interview mit Heike Makatsch

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