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Rezension


Filmstart: 13. Januar 2011

„We Want Sex“ (Großbritannen 2010)

Drehbuch: William Ivory frei nach wahren Begebenheiten / Regie: Nigel Cole


Im englischen Ort Dagenham betreibt der amerikanische Autokonzern Ford im Jahr 1968 die damals größte Fabrik in Europa und ist ein großer Wirtschaftsfaktor im Vereinigten Königreich. Die Arbeit ist hart, aber die Menschen haben wenigstens welche. Darunter 187 Frauen. Deren Arbeitsbedingungen erinnern an die aus der Frühzeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die regendurchlässig Halle, in der sie die Autobezüge zusammennähen, ist eisig kalt im Winter. Im Sommer sitzen die Frauen in Unterwäsche an ihren Maschinen, um die Hitze einigermaßen auszuhalten. Ihre Arbeit erfordert erhebliches Geschick, denn es gibt keine Vorlagen oder Schnittmuster. Die Frauen müssen also maßschneidern. Als sie eines Tages als ungelernte Arbeiterinnen bei entsprechend schlechter Bezahlung eingestuft werden sollen, läuft das Fass über. Die Frauen mucken auf und fordern angemessenen Lohn. Sie stoßen dabei auf so starken Widerstand, dass sich die Fronten verhärten. Nun geht es nicht mehr nur um Lohnanpassung bei Ford, sondern generell um gleiche Bezahlung für Männer und Frauen. Es kommt zum langen und erbitterten Arbeitskampf. Zu dieser Zeit ahnen die Frauen von Dagenham noch nicht, dass sie Vorreiterinnen für einen wichtigen Schritt in Richtung Gleichberechtigung werden.

Die Zeitgeschichte hätte sie fast vergessen, wenn der Produzent Stephen Woolley nicht im Radio von einem Treffen der Frauen vierzig Jahre nach den Ereignissen gehört hätte. Was ihn faszinierte: „Es ging ihnen um den gesunden Menschenverstand, nicht um radikalen Aktionismus.“ Das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht werden. Nigel Cole übernimmt die Regie. Er hat mit Filmen wie Grasgeflüster und Calendar Girls sein Gespür für starke Frauen in ungewöhnlichen Situationen bewiesen, die er mit einem geschickten Mix aus Komik und Dramatik in Szene gesetzt hat. Die Hauptrollen von We Want Sex sind mit Sally Hawkins (Happy Go Lucky) als bescheidene und bedachte Wortführerin, Bob Hoskins als einzigem Gewerkschafter, der die Frauen unterstützt und Miranda Richardson als Ministerin für Arbeit und Produktivität Barbara Castle besetzt. Die reale Ministerin Castle ist als die „feurige Rote“ bekannt und wird sich im von Männern dominierten Kabinett durchsetzen mit dem „Equal Pay Act“, der 1970 verabschiedet wird und zum Modell für die Gleichstellung von Männern und Frauen beim Lohn auch in anderen Ländern wird.


Noch ungeübt im Streiken, die Frauen von Dagenham - Foto (C) Tobis

Die Frauen sind alles andere als provokante Emanzen. Sie werden als alltägliche Menschen dargestellt, als Ehefrauen, Mütter. Ihr langer Streik führt zu Konflikten mit den Männern. Diese haben sie mit ihrem Streik zunächst nicht ernst genommen und sie gewähren lassen, aber je länger der Arbeitskampf dauert, desto größer wird die Belastung der Beziehungen. Die Frauen stellen sich zunächst auch sehr ungeschickt an. So rollen sie das Plakat, auf dem sie Gleichberechtigung für Frauen fordern, nicht ganz aus. Daher heißt es dann auf dem Plakat zunächst We Want Sex, gemeint ist aber „We Want Sex Equality“.


Mutiger Auftritt. Rita (Sally Hawkins) muss die Gewerkschafter überzeugen - Foto (C) Tobis


Das Jahr 1968 ist geprägt von einer Aufbruchstimmung, den Studentenrevolten in Frankreich und Deutschland, dem Prager Frühling und vielen andern Ereignissen. Veränderung liegt in der Luft, verkrustete Strukturen werden zerbrochen. Die „Swinging Sixties“ zeugen von einem neuen, befreiteren Lebensgefühl nicht nur in Großbritannien. Mit Durchhaltevermögen, Bescheidenheit und menschlicher Wärme gewinnen die Frauen ihren Arbeitskampf und geraten – fast – in Vergessenheit. We Want Sex ist aber kein typischer Frauenfilm, im Gegenteil handelt er auch von starken Männern. Am Ende gehen wieder alle ihrer Arbeit nach, aber innerlich gestärkt mit dem Gefühl, einer sozialen Gerechtigkeit ein Stück näher gekommen zu sein. Soziale Gerechtigkeit ist heute noch die Triebfeder für viele Menschen, weil sie in immer weitere Ferne zu rücken scheint.



Gewerkschafter Albert (Bob Hoskins) unterstützt die Frauen - Foto (C) Tobis


Helga Fitzner - red. / 13. Januar 2011
ID 00000005003

Weitere Infos siehe auch: http://www.wewantsex-derfilm.de/


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