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Rezension


Filmstart war der 20. Januar 2011

„GOOD FOOD – BAD FOOD - Anleitung für eine bessere Landwirtschaft” (Frankreich 2010)

Dokumentarfilm über Möglichkeiten nachhaltiger Nahrungsmittelherstellung

Drehbuch, Kamera und Regie: Coline Serreau


"Wenn wir zu Tisch sitzen, sollten wir uns nicht guten Appetit wünschen, sondern viel Glück." (Pierre Rabhi, Agrarökologe)

Der Komödienregisseurin Coline Serreau ist nach Welterfolgen wie Drei Männer und ein Baby und Saint Jacques... Pilgern auf Französisch irgendwie das Lachen vergangen, und sie ist zu ihren Wurzeln als Dokumentarfilmerin zurückgekehrt. Sie setzt sich in ihrem neuesten Film für eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft ein. Was sie vorschlägt, ist nichts Neues, im Gegenteil, denn es besteht die Notwendigkeit zur Rückkehr zu nachhaltigen Anbaumethoden, wie sie vor dem Zweiten Weltkrieg noch bestanden. Danach wurde die herkömmliche Landwirtschaft von der heute noch nachwirkenden, der so genannten „Grünen Revolution“ (1944 bis 1970) abgelöst, die künstlichen Dünger und Pestizide einsetzt. „Als erstes analysieren wir die Ursprünge dieser Art von Landwirtschaft, die ihre Entstehung dem Übermaß vorrätiger Waffen in der Nachkriegszeit verdankt“, erklärt Serreau. Die Überschüsse an Kampfgas wurden nach 1945 als Pestizide vermarktet und die Panzer durch Traktoren ersetzt. „Wir haben es also mit einer Landwirtschaft zu tun, die einem Angriffskrieg gegen die Erde gleichkommt“, meint Serreau kämpferisch. So kam es, dass heute die globale Saatgutindustrie in den Händen einiger weniger Konzerne liegt, die nicht nur die Bauern rücksichtslos ausbeuten, sondern auch die Erde und ihre Ressourcen zerstören. „Was unser Überleben betrifft, so dürfen wir nicht länger vom Wohlwollen der Geschäftsleute und Politiker abhängig bleiben. Es geht also nicht um eine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern um einen Paradigmenwechsel, um unsere Zukunft sicherzustellen“, meint Serreau.

Wie widersinnig die Abhängigkeit von Pestiziden und Düngern ist, belegt Serreau an vielen Beispielen und mit Hilfe von etlichen Experten unterschiedlicher Schwerpunkte. So erklärt der Pariser Umweltwissenschaftler Philippe Desbrosses: „Man hat eine künstliche Landwirtschaft geschaffen, die gänzlich auf Erdöl basiert, einem fossilen Rohstoff, von dem man weiß, dass er nur begrenzt vorrätig ist und mittlerweile auch fast aufgebraucht ist." Im Film werden ökologische Anbaumethoden gezeigt, die Pestizide oft gar nicht brauchen, und, wenn nötig, der Einsatz von Biopestiziden, zum Beispiel durch Förderung von nützlichen Insekten, beschrieben. Bei der biologisch-dynamischen Landwirtschaft wird die Bodenbewirtschaftung als ein organisches Ganzes gesehen, die das Wohl von Flora, Fauna und Mensch berücksichtigt.

Auf sehr anschauliche Weise zeigt Serreau, dass das Umpflügen von Feldern eigentlich eine Katastrophe ist. Das ist zunächst schwer zu verstehen, weil das Pflügen so eine Art romantisiertes Landwirtschaftsverständnis darstellt. De facto zerstört es die Böden. Durch fragmentiertes Zweigholz kann man das Pflügen vermeiden. In dem ausgestreuten zerkleinerten Zweigholz bildet sich eine Bodenflora und –fauna, die den Boden so weit regeneriert, dass sogar ein toter Boden wieder lebensfähig werden kann. Auch das Direktsaat- oder Mulchpflanzverfahren verfolgt den gleichen Zweck. Nach der Ernte der Hauptfrucht werden Zwischenfrüchte ausgesät. Diese bilden später eine Mulchschicht, durch deren Zersetzung der Boden neue Nahrung erhält. Die reicht für das Wachstum der Hauptfrucht meist aus. Außerdem benötigt der Boden weniger Bewässerung, weil die gesunde Erde wesentlich mehr Wasser speichern kann, als ein durch Kunstdünger und Pestizide zerstörter Boden.

Der Einsatz von Hybridsaatgut, einer Kreuzung verschiedener Arten, ist ebenfalls problematisch. Hybridsaatgut muss immer wieder neu gekauft werden, weil es nicht als Saatgut für die kommende Ernte haltbar ist. Es ist auch in hohem Maß auf Zusatzmittel wie Dünger, Pestizide und große Mengen an Wasser angewiesen. Das trägt in wirtschaftlich schwachen und wasserarmen Regionen zum Hungertod von Millionen Menschen bei. Man muss bedauerlicherweise davon ausgehen, dass diese künstlich geschaffene Abhängigkeit der Landwirte von Saatgut, teurer Chemie und Bewässerungsanlagen von der Industrie absichtlich geschaffen wurde. Dass das, zum Beispiel in Indien, auch zu einer großen Anzahl von Selbstmorden unter den verzweifelten Landwirten führt, die durch diesen Abhängigkeitskreislauf keine Chance haben, sich und ihre Familien zu ernähren, wird offenbar billigend in Kauf genommen.

Als Feministin macht Coline Serreau natürlich die Männer hauptverantwortlich für das Desaster, was bedingt sicher stimmt. Es kommen aber auch einige sehr mutige und engagierte Männer zu Wort, die sich oft seit Jahrzehnten für die Umwelt einsetzen und sich gegen die machthabenden Politiker und Konzerne zur Wehr setzen. Dominique Guillet setzt sich für die Wiederherstellung der Artenvielfalt und fortpflanzungsfähiger Nutzpflanzen ein. So sind in Indien Dorfgemeinschaften entstanden, die sich ohne Abhängigkeit von Konzernen wieder eigenständig ernähren können. Und das auch noch gesund. Guillet sagt ganz lapidar: „Die beste Art, sich gegen multinationale Großkonzerne zur Wehr zu setzen, besteht darin, auf ihre Dienste zu verzichten." – Aber das ist gar nicht so einfach.

Insgesamt hat Coline Serreau einen sehr engagierten, aber überfrachteten Dokumentarfilm gedreht. Es werden wesentlich mehr Aspekte und Möglichkeiten aufgezeigt, als man in den immerhin 113 Minuten Filmlänge aufnehmen kann. Das ist ein wenig schade, denn das Thema ist im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig. Eine wichtige Frage bleibt offen: Ist es möglich, mit der ökologischen Landwirtschaft schlussendlich sechs Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren? Und doch bleibt keine Wahl, die Rückkehr zur ökologischen Landwirtschaft ist zwingend notwendig, um den Planeten zu erhalten. Die Vielzahl der plausiblen und erprobten Möglichkeiten hat Serreau gut herausgearbeitet: „Es gibt weltweit Millionen von Menschen, die erfolgreich mit Lösungen für das Leben von morgen experimentieren. Der Film möchte ihr Engagement sichtbar machen, so dass jedermann seinen Nutzen daraus ziehen kann... Lange wollte man uns weis machen, dass das moderne System der Landwirtschaft imstande sei, das Problem des Hungers in der Welt zu lösen... Niemals zuvor hat es so viele hungernde Menschen gegeben, und ihre Zahl steigt mit jedem Tag.“

Einen Beitrag kann jeder dazu leisten. Der Agrarökologe Pierre Rabhi sagt: „Die Städter können sich sehr wohl mit der Landbevölkerung solidarisieren und auf diese Weise eine Brücke bilden, die über die Welt der Geschäftemacherei hinweg führt. Autonomie, das ist heute das Schlüsselwort."




Pflügen zerstört den Boden






Helga Fitzner - red. 24. Januar 2011
ID 00000005021

Weitere Infos siehe auch: http://www.alamodefilm.de


Post an Helga Fitzner: fitzner@kultura-extra.de



 

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