Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Film-Rekonstruktion

Ein ganz

besonderer

Fall


Endlich zu sehen:

DARK BLOOD (1993/2012)


Bewertung:    



Vielleicht haben Sie sich gelegentlich auch schon gefragt, wieso manche Filme weder im Fernsehen noch im Kino oder legal im Internet zu sehen sind, selbst wenn ein großes Publikumsinteresse vorausgesetzt werden kann. Zwei von unzähligen Beispielen sind Udo Lindenbergs einzige Regiearbeit Panische Zeiten von 1980 und der Skandalfilm o.k. von Michael Verhoeven, der als Anti-Vietnamkriegsfilm 1970 immerhin die Berlinale platzen ließ.

In den meisten Fällen liegt es daran, dass die Aufführungslizenzen für diese Filme abgelaufen und nicht erneuert wurden, weil niemand ein Interesse daran gezeigt hat oder aber unklar ist, wer über diese Rechte verfügt. Das wiederum kann daran liegen, dass die ehemalige Produktionsfirma pleitegegangen ist oder die Rechte verkauft hat, ohne dass die Verträge alle Eventualitäten abdecken. Im Falle des 1993 vom renommierten belgischen Regisseur George Sluizer (Utz, Spurlos) in den USA gedrehten Thrillers Dark Blood ist der Fall besonders verwickelt: Kurz vor Ende der Dreharbeiten starb der jüngste aller Darsteller, der aufstrebende Star River Phoenix, für Außenstehende völlig unerwartet nach Einnahme eines Drogengemischs. Ohne Phoenix konnten die wenigen verbleibenden Szenen aber nicht realisiert werden, und Sluizer musste das Projekt notgedrungen auf Eis legen.



Dark Blood | (C) Missing Films Verleih


Bei der internationalen Premiere des Films im Februar 2013 auf der 53. Berlinale erläuterte Sluizer die Hintergründe, warum sich die Fertigstellung des Thrillers so lange hingezogen hat: Nach Abbruch der Dreharbeiten gingen die Rechte an dem vorhandenen Filmmaterial an den Versicherungskonzern, der die Verluste, die durch den Tod des Hauptdarstellers für verschiedene Beteiligte entstanden waren, kompensierte. Sluizer unternahm mehrere Anläufe, das belichtete Material zurückzukaufen. Doch das Desinteresse der Versicherung, sich überhaupt mit dem künstlerischen Produkt zu beschäftigen, das bei ihnen in einem Archiv zu vergammeln drohte, sowie ein schwerer Schlaganfall, den Sluizer Anfang der 200er Jahre erlitt, verhinderten dies.

Nachdem Sluizer sich einigermaßen von den Folgen seiner Erkrankung erholt hatte, war für die Erfüllung seines Wunschtraums, Dark Blood noch zu Lebzeiten fertigzustellen, Eile geboten: Die Versicherung wollte umziehen und allen alten Ballast in ihren Archiven vernichten. Nur mit viel Mühe und Unterstützung einer aufwendigen Crowdfunding-Kampagne gelang es dem Regisseur 2012, dass sein Werk gerettet wurde. Insgesamt wurden über die niederländische Website „cinecrowd“ 17.513 Euro von 69 Spendern gesammelt, die z.B. eine limitierte DVD des Films erhielten. Das immerhin reichte, um das Zelluloid aus dem Archiv der Versicherung abzutransportieren und den Film auf ungewöhnliche Weise zu vollenden.

Anders als z.B. im Falle des Mystery-Thrillers The Wicker Man von 1973 (mit Christopher Lee in der Rolle eines skrupellosen Sektenführers), der vor einigen Jahren durch das lange verschollen geglaubte Filmmaterial noch ergänzt werden konnte, hat Regisseur George Sluizer nichts nachgedreht. Aufgrund seines geschwächten Zustandes, aber auch aus Respekt vor der Leistung von River Phoenix, entschloss er sich, die fehlenden Szenen einfach durch Standbilder zu ersetzen und die Drehbuchtexte bzw. -Dialoge aus dem Off selbst vorzulesen. Ein zunächst gewöhnungsbedürftiges Mittel, das beim Zuschauen aber zunehmend einen besonderen Reiz entwickelt, weil es auf die Metaebene der Herstellung verweist, die sonst bei fiktiven Erzählungen tunlichst vermieden wird.

Der Verfremdungseffekt wird dadurch abgemildert, dass der Film selbst erkennbar älteren Datums ist und über die fehlenden Szenen quasi eine Erklärung dafür mitgeliefert wird. Nach seiner Premiere in den Niederlanden ergab sich bei der Berlinale 2013 eine denkwürdige Pressekonferenz, die wohl niemand vergisst, der sie erlebt hat: Ein äußerst langsam an Krücken gehender Regisseur George Sluizer erklomm mühsam das Podium, seitlich flankiert von einem umsichtigen Festivaldirektor Dieter Kosslick, der klug verhinderte, dass die Fotografen unvorteilhafte Bilder von Sluizer schießen konnten. Es folgte am Stock der ebenfalls schwer gehbehinderte Kameramann des Films, Edward Lachmann, der trotz einer Kinderlähmung zu den größten und vielseitigsten Experten seines Fachs geworden ist und neben vielen Hollywoodproduktionen in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik viele Filme der so genannten Neuen deutschen Welle z.B. von Volker Schlöndorff oder Werner Herzog fotografiert hat.

Da saßen dann also die betagten Filmschaffenden (inklusive des inzwischen in Ehren ergrauten Schauspielers Jonathan Pryce), die erleben durften, dass endlich eines ihrer wichtigsten Werke und das Vermächtnis des Hauptdarstellers River Phoenix der internationalen Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die Mühen hatten sich gelohnt: Dark Blood ist ein spannender, psychologisch ausgefeilter, hervorragend gespielter und optisch eleganter Thriller der Extraklasse – trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner fast fünfundzwanzigjährigen Patina und der (insgesamt nur wenige Minuten ausmachenden) fehlenden Szenen. Und trotz einer Eifersuchtsstory, die so schrecklich originell auch schon anno 1993 nicht wahr:



Dark Blood | (C) Missing Films Verleih


Das Ehepaar Harry (Pryce) und Buffy (die wunderbar verletzliche Australierin Judy Davis) fährt in ihrem eleganten Oldtimer-Bentley quer durch den Wilden Westen der USA und hofft, durch eine späte zweite Hochzeitsreise ihre angeschlagene Ehe zu kitten. Panne! Erzwungener Aufenthalt in der Wüste Nevadas, die durch die Atombombentests der 1950er und 1960er Jahre für Besucher größtenteils gesperrt ist. Einzige Menschenseele weit und breit: Ein sich schlicht "Boy" nennender junger Mann mit indianischen Wurzeln und einem auffälligen Interesse am Voodoo-Kult seines Volkes. Davon zeugen viele Puppen in seiner wenig komfortablen, aber stark dekorierten Behausung auf einem Felsen.

So hilfsbereit Boy zunächst wirkt, irritiert er mit seiner jugendlich-indianischen Coolness vor allem den angenervten Harry, der im Gegensatz zu seiner Gemahlin der Zwangspause in der kargen Natur absolut keinen Reiz abgewinnen kann. Tatsächlich entpuppt sich Harrys Eifersucht nicht als unbegründet: Boy umgarnt Buffy recht unverhohlen, als er erkennt, dass diese empfänglich ist für seine naturverbunden-esoterische Art. Der in seinem intellektuellen Hochmut gekränkte Harry hat auch berechtigte Sorge, dass Boy mit unlauteren Mitteln die Abreise des Paares zu verhindern trachtet. Mystische Neigungen hin oder her – Boy betreibt handfeste Sabotage.

Das Psychoduell zwischen den komplett ungleichen Männern spitzt sich zu, als Boy erkennen muss, dass Buffy ihn wohlmöglich doch nicht aus der Isolation des Wüstenlebens erlösen und in eine bessere Welt mitnehmen wird. Das distinguierte Paar sieht sich gezwungen, ihre zivilisierten Umgangsformen zugunsten rabiateren Methoden zurückzustellen. Das Melodram einer seltsamen Dreiecksgeschichte weicht einem existentialistischen Drama, in denen differenzierte Emotionen durch nackte Überlebensangst übertüncht werden.

Dieser sich langsam entwickelnde Horrortrip in der lebensfeindlichen Umwelt der einsamen, von erbarmungsloser Sonne versengten Steinwüste ist von Kameramann Ed Lachmann in erlesene, mit starken farblichen Akzenten und mystischen Symbolen garnierte Bilder gekleidet worden. Zwar erinnern die Kulisse und einige Handlungsmotive an alte Westernfilme, doch das Personal ist ein sehr heutiges. Eine reizvolle Mixtur. Und dann ist da der charismatische, zwischen Coolness und Wahnwitz changierende River Phoenix – wahrlich eine Augenweide!



Dark Blood | (C) Missing Films Verleih


Eine Übersicht über die Kinos, die den Film spielen, finden Sie unter der u.g. Homepage des Missing Films Verleih, der sich ehrenwerterweise entschlossen hat, diesen versunkenen Schatz der Filmgeschichte endlich auch deutschen Zuschauern zu präsentieren.


Max-Peter Heyne - 15. Juli 2017
ID 10145
https://www.missingfilms.de/index.php/filme/10-filme-neu/255-dark-blood


Post an Max-Peter Heyne

DOKUMENTARFILME



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



 

FILM Inhalt:

Rothschilds Kolumnen

BERLINALE

DOKUMENTARFILME

DVD

EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM
Reihe von Helga Fitzner

FERNSEHFILME

HEIMKINO

INTERVIEWS

NEUES DEUTSCHES KINO

SPIELFILME

TATORT IM ERSTEN
Gesehen von Bobby King

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2024 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)