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Feuilleton

2 Positionen zum Heil-Film von Dietrich Brüggemann

von Stefan Bock und
Max-Peter Heyne



Heil | (C) X-Verleih


Deftige Filmsatire zum Thema „braun gebranntes“ Deutschland

meint Stefan Bock


Sommerkino mal ohne Sonne und Balkon, trotzdem ist Deutschland in Heil von Dietrich Brüggemann ziemlich braun gebrannt. Der Regisseur des preisgekrönten Spielfilms Kreuzweg hat zum ewig-aktuellen Thema die passende Komödie gedreht und pünktlich zum Ferienbeginn in die deutschen Kinos gebracht. So richtig strahlend ist Brüggemanns Deutschland nicht, selbst wenn hier einige Protagonisten ein relativ sonniges Gemüt an den Tag legen. Mit Dummheit ist in dieser rasanten Neonazifarce aber nahezu jeder reichlich gesegnet. Außerdem wird mächtig ungeniert und very politically incorrect auf die braune Kacke gehauen. Und diese manifestiert sich gleich zu Beginn als ziemlich dumpfbackig und großmäulig, ist fremdsprachlich allerdings eher wenig beleckt. So sprüht Provinz-Glatze Johnny (Jacob Matschenz) statt „White Power“ ein etwas eingedeutschtes „Weit Pauer“ an die Hauswand und hetzt seinen Köter Jesus auf die vietnamesische Imbissbudenbesitzerin in einem brandenburgischen Kaff namens Prittwitz, was dann ja auch bereits so gut wie alles sagt.

Recht witzig ist der trotz etlicher weiterer Glatzen ziemlich haarsträubende Plot dann aber schon. Brüggemann lässt dazu einen bunten Querschnitt unserer Gesellschaft auflaufen und munter Phrasen dreschen, deren Spektrum vom steif-linken Antifarand über eine betroffen-gutmeinende Mitte, intellektuell verbrämte Talkrunden mit Vertretern aus Medien, Kunst und Stützen des Rechtsstaats sowie rechtskonservative Eliten mit Verbindung in führende Politikkreise bis hin zu Kameradschaften mit stramm völkischer Gesinnung reicht. Hier bekommt also jeder sein satirisches Fett weg. Wenn auch alles nahe an der Karikatur und etwas im Klischee stecken bleibt, treibt der Film die eigentlich recht traurige Realität doch ziemlich grotesk und schonungslos spottend auf die Spitze. Man kann das ganz entspannt goutieren oder aber zum Lachen in den eigenen kleinen (Nazi)Keller gehen.

Auslöser für den rasch um sich greifenden Wahnsinn ist das Verschwinden des als deutschen Integrationsautor mit ghanaischen Wurzeln gefeierten Sebastian Klein, der von Jerry Hoffmann (den Berlinern vom postmigrantischen Ensemble des Maxim Gorki Theaters bekannt) gespielt wird. Klein hat den Bestseller „Das braun gebrannte Land“, ein Buch über den alltäglichen Rassismus in Deutschland, geschrieben und kommt auf Lesereise auch ins ostdeutsche Prittwitz, wo er von der Neonazi-Gang um ihren Möchtegern-„Führer“ mit politischen Ambitionen und dem urdeutschen Namen Sven Stanislawski (Benno Fürmann) gekidnappt wird. Der von den drei Deutschnationalen Sven, Johnny und Kalle (Daniel Zillmann) rüde vor den Kopf gestoßene Afrodeutsche Sebastian beginnt nun in Vollamnesie alles nachzuplappern, was ihm Stanislawski an Nazisprech vorflüstert.

Hier wittert der gegenüber dem Hamburger Kontrahenten Heiko Georgi (Jörg Bundschuh), einem „Nazi-Hipster“ mit modernem Format und gestyltem Facebookauftritt, eher ziemlich blasse Stanislawski endlich Morgenluft. Er schleppt den bekannten Autor Klein als rechtsgedrehtes Integrationswunder erst zu rechtsnationalen Eliteseminaren und später dann von einer Talkshow zur nächsten. „AufdieZwölf“ heißt so eine Persiflage im Anne-Will-Format, bei dem typenmäßig alles aufritt, was man so aus dem privaten bis öffentlich rechtlichen Talkzirkus kennt. Neben den sich beharkenden Experten und Politschranzen von links bis rechts sitzen da auch ein Theaterregisseur (Sven Taddicken), der von der Arbeit mit authentischen Nazis träumt, und sogar ein Alter-Ego Brüggemanns (Tom Lass) auf der Talkcouch. Der Nazikomödienfilmer faselt vom Lachen, das im Hals stecken bleibt. Coolness  trifft hier auf  fehlende Selbstreflektion. Das ist durchaus selbstironisch, wirkt aber mit der Zeit auch etwas überambitioniert. Zusätzlich  peppt Brüggemann seine mit einer Unmenge an Nebenrollen überbordende Story  noch durch Kurzauftritte etlicher Kollegen und Kino-Promis wie Andreas Dresen, Heinz-Rudolf Kunze, Michael Gwisdek oder Hanns Zischler auf.

Zu Sebastians Rettung macht sich neben seiner hochschwangeren und -eifersüchtigen Freundin Nina (Liv Lisa Fries)  nur noch  der gute Kleinstadt-Bulle Sascha Heinze (Oliver Bröcker) auf. Nachdem beide am die rechte Gefahr verharmlosenden Bürgermeister und an der auf dem sprichwörtlich rechten Auge blinden Justiz gescheitert sind, bilden sie eine Art Notgemeinschaft, zu der schließlich noch die ziemlich taffe Ex des Autors Stella Gustafsson (Thelma Buabeng) stößt. Als Running Gag darf das schwarze, echt kölsche Mädchen mit Herz, Hirn und Schnauze den netten Polizeibeamten immer mal wieder ihren Ausweis zeigen. Während  die drei Neonazis mit einem sensationsgeilen Journalisten (Richard Kropf) im Schlepptau, und als V-Männer von drei verschiedenen Landes-Verfassungsschutzämtern mit reichlich Staatsknete ausgerüstet, marodierend durchs Land ziehen, werden ihre Überfallopfer nicht ernstgenommen und sogar selbst verdächtigt. Das erinnert natürlich an den bekannten NSU-Fall. Die großen Pannenermittler, Computerkoryphäen und Aktenvernichter vom Versfassungsschutz werden hier allesamt auch ordentlich durch den Kakao gezogen.

Damit nicht genug. Die Prittwitzer Neonazizelle, angestachelt durch die politisch weitreichenden Zielvorgaben der von Stanislawski angebeteten Faschooberbraut Doreen (Anna Brüggemann im Outfit einer rechten Kriegerin), setzt mit einem aus Bundeswehrbeständen geklauten Panzer und  hanebüchenem Sender-Gleiwitz-Plan über die Oder, um ihren Traum von der Weltherrschaft in die Tat umzusetzen. Die Geschichte wiederholt sich hier im wahrsten Sinne des Marxwortes als Farce inklusive knalligem Showdown. Oder aber die braune Vergangenheit, die am Anfang in Archivbildern kurz über die Leinwand flimmert, ist eben nach 70 Jahren noch immer nicht vergangen. Woran auch das gnädige Vergessen, mit dem die übriggebliebene Nazibrut kurzzeitig geschlagen scheint, nichts ändert. Die Frage bleibt, ob  Bewohnern eines Flüchtlingsheims angesichts eines solch verblödeten Mobs ebenfalls zum Lachen ist. Aber für die ist dieser Film dann offensichtlich auch nicht gemacht.

Bewertung:    



Hier bleibt nichts Heil

meint Max-Peter Heyne


Beim klassischen Drama – siehe Kreuzweg im letzten Jahr – neigt Drehbuchautor und Regisseur Dietrich Brüggemann zur Strenge. Vielleicht hat er sich deshalb bei Heil vorgenommen, einmal alle Hemmungen auf- und dem Affen Zucker zu geben. Was seine Motivation betrifft, bin ich völlig d’accord: Wen nerven nicht die ständigen Phrasen im politischen Diskurs und in den Talkshows? Wer ärgert sich nicht über die Steifheit linker Gruppen und die Verschnarchtheit der Justiz bei der Bekämpfung des Rechtsradikalismus? Und wer hat nicht Lust, über die braunen Schläger und intellektuellen Tiefflieger der Republik einmal herzlich lachen zu wollen?

Man kann das alles aufgreifen und durch den Mixer rühren, wie Brüggemann – wohlgemerkt einer der talentiertesten und vielseitigsten Filmschaffenden des Landes! – es mit spürbarer anarchischer Lust für seinen neusten Film Heil getan hat. Doch ganz so einfach läuft die Chose leider nicht. Wenn man sich über alles und jeden lustig macht und nicht davor zurückscheut, auch ernste Themen der Lächerlichkeit preiszugeben, ergibt das zwar eine beeindruckende Fülle an mal mehr, mal weniger gelungenen Gags und Albernheiten. Aber es fehlt der Bezugspunkt zur bitteren Realität, anhand dessen die Haltung des Erzählers und der rote Faden der Handlung erkennbar werden. In Heil bekommt jeder sein Fett weg, aber es gibt in dem ganzen heil-losen Trubel keine ernst zu nehmende Identifikationsfigur und keinen Kompass, der die Geschichte von A nach B führt.

So verliert Dietrich Brüggemann leider auch seine skurrile, ausbaufähige Ausgangsidee aus den Augen: Ein deutsch-afrikanischer Schriftsteller, bisher Aushängeschild der (insgesamt leicht depperten) linken Szene erleidet durch eine Attacke von Rechtsradikalen in der Brandenburger Provinz einen kompletten Blackout, sodass er nur noch Sätze nachplappern kann wie ein Papagei. Ein Möchtegern-Diktator aus der noch depperten rechte Szene nutzt diesen geistigen Defekt, um innerhalb konservativer Kreise und dann auch über die Massenmedien Gehör zu erhalten. Obwohl der deutsche Verfassungsschutz und die Justiz ahnungs- und tatenlos dem Treiben zusehen, klärt sich die Sache nach vielen Turbulenzen am Ende auf, und die Rechten zeigen ihr wahres, militaristisch-aggressives Gesicht. Doch auch ein Überfall von polnischer Oderseite auf die Bundesrepublik hilft ihnen nicht…

Dass man sich auch über bitterernste Themen und bitterböse Zeitgenossen mit tiefergehender, giftiger Attitüde effektiv lustig machen kann, haben die Politsatiren von Charlie Chaplin (Der große Diktator, M. Verdoux) und Billy Wilder (Eins, Zwei, Drei; Eine auswärtige Affäre) und jüngst die grimmige britische Terroristenverarschung Four Lions bewiesen, die als Vergleich am besten taugt. Die tötungsbereiten Islamisten und ihre Angehörigen, die in Four Lions auch im übertragenden Sinne vorgeführt wurden, sind anders als das Ensemble in Heil keine eindimensionalen Comicfiguren, die lediglich einen witzigen Eindruck machen sollen, sondern ausdifferenzierte Charaktere, bei denen das phrasenhafte Geplapper und der ungelenke Aktionismus deshalb umso schmerzhafter wirken. Diese Erdung der Charaktere hat Dietrich Brüggemann leider vernachlässigt, weswegen viele Gags nicht nur überdreht, sondern zynisch wirken und zumindest mir als Zuschauer das Schicksal des (immerhin in dramatischer Weise) gekidnappten Schriftstellers und seiner (angeblich verzweifelten) Freundin (und werdenden Mutter!) gänzlich egal bleib.

Nichts gegen gepflegte Kalauer und Dampfablassen! Aber es muss ja nicht jede Figur und jedes Thema der Lächerlichkeit preisgegeben werden, wenn man den NSU-Skandal denn überhaupt auf humoristische Weise aufarbeiten kann. Das empfehle ich eben so wenig wie eine Farce über das rechtsradikale Attentat auf das Münchener Oktoberfest anno 1980 (übrigens war die Rolle des journalistischen Aufklärers in der Verfilmung des Skandals, Der blinde Fleck, eine von Benno Führmanns besten Rollen, der hier wie alle anderen eher eine Karikatur spielen muss). Einzig der biedere, aber mutige Dorfpolizist ist in Heil kein pures Abziehbild, deshalb hätte die Geschichte noch stärker um ihn herum erzählt werden sollen.

Wie grimmig und schneidend Brüggemanns Satire hätte sein können, zeigt sich in jenen Szenen, in denen er die Verfassungsschützer als spießige Chaotentruppe vorführt. Gerade der Songwriter Heinz Rudolf Kunze – eine der unzähligen, durchaus amüsanten Gastauftritte – entpuppt sich dabei als echte schauspielerische Entdeckung. Doch insgesamt dominiert eine Hau-Drauf-Komik, die den Holzhammer anstelle des Floretts bevorzugt. Das sorgte bei der Weltpremiere auf dem Münchener Filmfest, aber interessanterweise auch bei der internationalen Premiere beim Filmfest im tschechischen Karlovy Vary/Karlsbad für ausgelassene, geradezu johlende Stimmung unter den jugendlichen Zuschauern – kein Vorwurf! Flotte Unterhaltung ist allemal besser als der didaktische Zeigefinger. Aber was bleibt hängen?

Bilanzieren lässt sich, dass Dietrich Brüggemann durchaus erfolgreich zu einem entkrampfteren Umgang mit den vielen ärgerlichen und nervigen Aspekten der öffentlichen, also medialen Diskussion um das Phänomen Rechtsradikalismus beigetragen hat. Aber gegenüber dem Rechtsradikalismus selbst ist eine solche Entkrampfung eher fahrlässig oder gar gefährlich, denn gegen rechte Gewalt helfen im Ernstfall nicht nur alberne Scherze. Ob das also ein Erfolg ist?

Bewertung:    



Heil | (C) X-Verleih

Stefan Bock / Max-Peter Heyne - 17. Juli 2015
ID 8766
Weitere Infos siehe auch: http://www.heilderfilm.x-verleih.de



 

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