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Dokumentarfilm


Filmstart: 28. Februar 2013

Wir wollten die Republik verändern – Der Liberale Gerhart Baum (D 2013)

Dokumentation von Bettina Ehrhardt


Gerhart R. Baum - Foto (C) http://gerhart-baum.de


Schutzobjekt Demokratie

Im Oktober 2012 feierte der FDP-Politiker und Jurist Gerhart Baum seinen 80. Geburtstag. Die Schutzbedürftigkeit unserer Demokratie lässt ihn aber bis heute nicht wirklich ruhen, und so setzt er sich nach wie vor für die Menschenrechte ein und kämpft als Jurist gegen die Beschneidung unserer Bürgerrechte durch den Staat. So haben er und seine Mitstreiter in den letzten Jahren ein geplantes Gesetz verhindert, das den Abschuss von Terroristen gekaperter Flugzeuge erlauben sollte, sowie den „Großen Lauschangriff“, von dem das Bundesverfassungsgericht befand, das dieser in Teilen verfassungswidrig war. Auch die Überwachung von Mitarbeitern durch die Telekom und Deutsche Bahn gehört zu den Machenschaften, gegen die Gerhart Baum vorging.

Die Filmemacherin Bettina Ehrhardt hat Gerhart Baums Schaffen einige Jahre beobachtet und auch viel historisches Filmmaterial recherchiert, das vorwiegend aus der Zeit seiner politischen Karriere als Mitglied des Bundestages stammt. Politische Weggenossen, wie Hans-Dietrich Genscher, Daniel Cohn-Bendit, Günter Verheugen und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kommen ebenso zu Wort, wie seine zweite Ehefrau Renate Liesmann-Baum und seine Tochter aus erster Ehe.




Gerhart Baum mit Günter Verheugen und Hans-Dietrich Genscher © Sepp Darchinger



Die Dokumentation beginnt mit einem Besuch Baums in seiner Heimatstadt Dresden, wo er am 28. Oktober 1932 geboren wurde. Als 12jähriger erlebte er die Bombardierung der Stadt in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. Die Kamera begleitet ihn bei einer Rede zur Gedenkfeier 2012, in der er vor dem Publikum seine persönlichen Erinnerungen schildert. Es sei ein fast frühlingshafter Tag gewesen, erzählt er, man habe Fasching gefeiert und sich kostümiert. Als die Angriffe vorbei waren, war nichts mehr so wie vorher. Baum nahm gern an der Gedenkfeier teil, weil er das Erinnern wichtig findet. Die Neonazis, die zeitgleich eine Demonstration machen, stören ihn, für ihn sind sie „Feinde der Freiheit“. Aber auch als solche genössen sie die Grundrechte der Demokratie, betont er, und brächten die Dresdener dazu, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die von den Neonazis geleugnete Kriegsschuld stünde in direktem Zusammenhang mit der Bombardierung der Stadt.

Nach der Zerstörung Dresdens zog Baums Mutter mit ihren drei Kindern an den Tegernsee. Baum ging dort aufs Gymnasium. Da der Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und diese nicht überlebte, übernahm der Heranwachsende die Erziehung seiner jüngeren Geschwister. Er ging dabei sehr streng, aber fürsorglich um. Die Familie hatte alles verloren und musste, wie die meisten Deutschen auch, hungern. In einem strengen Winter hat er sich die Zehen erfroren. In dem Jungen Baum wuchs der bis heute starke Wille heran, dass er alles tun wolle zu verhindern, dass das noch einmal passieren kann. Er studierte Jura im zerstörten Köln und wird Mitglied der FDP, die damals noch voll alten Nazis durchsetzt war. Bis heute gehört er zum linken Flügel der FDP und gilt als Rebell.





Gerhart Baum war Innenminister während einer bedrohlichen Zeit © Sepp Dasinger



Ehrhardt widmet einen großen Teil der Dokumentation der politischen Arbeit, die Baum als Parlamentarischer Staatssekretär (1972–1978) und als Bundesinnenminister (1978–1982) leistete. Der Höhepunkt seiner politischen Karriere spielte sich in der Zeit nach der 1968er Revolte zu. Die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg und die überzogene Gewaltausübung des Staates gegen die Studenten bei den Demonstrationen hätten ein Umfeld geschaffen, das die RAF möglich machte. Der Staat reagierte mit großangelegter Überwachung und dem Radikalenerlass. Baum wandte sich so vehement gegen die Ausuferung in einen Überwachungsstaat, dass der CSU-Politiker Franz Josef Strauß ihn in einem Interview als „Bundesunsicherheitsminister“ betitelte. Die Entwicklung und die Reibungen innerhalb der FDP werden kritisch beleuchtet. So hat es in der FDP früh Ansätze gegeben, sich ökologischen Themen zu widmen, aber das war mit ihren wirtschaftlichen Maximen nicht vereinbar und wurde dann in den 1980-Jahren von der Gründung der Grünen überholt.

Seit 1994 arbeitet er wieder als Jurist, u. a. weil er seiner Partei keinen Listenplatz für den Bundestag mehr wert war. Seitdem war er für Human Rights Watch im Südsudan, als dort die Krise herrschte, und mischt sich nach wie vor ein. „Verantwortung ist ein Lebensthema für ihn“, erklärt seine Frau Renate Liesmann-Baum.

Gerhart Baum bleibt dabei: Bürgerrechte dürfen nicht der öffentlichen Sicherheit untergeordnet werden. Auch bei seinem derzeitigen Einsatz für den Datenschutz im Internet bleibt seine Devise: „Der Staat darf nicht alles“, die Privatheit sei auf jeden Fall zu schützen, auch wenn viele Menschen sehr unbewusst mit ihren Daten im Internet umgehen.

Als Bundesinnenminister wäre es sein Wunsch gewesen, den Radikalen klar zu machen, dass man auch auf „normalem“ Weg die Gesellschaft verändern kann. Im Film zieht er die bisherige Bilanz seines Wirkens und sagt: „Ich konnte Einiges mitgestalten, was vielleicht sonst nicht gekommen wäre.“ Damit beweist er, dass langfristig Veränderungen durchaus möglich sind.

Bettina Ehrhardt gelingt ein interessanter Einblick in das außergewöhnliche Leben eines aufrechten und besonnenen Mannes. Wenn er was bereut, dann ist es nicht genug Zeit in seine Familie und Freunde investiert zu haben. In politischer Hinsicht ist er eine Bereicherung für unsere Demokratie, die leider immer noch ein Schutzobjekt ist. Da ist es gut, dass es Leute wie ihn gibt, die ihren Einfluss für sie geltend machen.

Helga Fitzner - 26. Februar 2013
ID 6596

Post an Helga Fitzner



 

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