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Filmkritik

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Morgenröte im Aufgang sei "kein biographischer Dokumentarfilm mit Zeitkolorit, sondern ein Spielfilm, in dem Jacob Böhme, von einem Darsteller ikonographisch als Der schreibende Mann verkörpert, in seinen eigenen Worten zu uns spricht. Alle Texte des Films gehen zurück auf den Wortlaut der 1730 in Amsterdam veröffentlichten ersten Gesamtausgabe der Schriften Jacob Böhmes." wird uns auf blog.nootheater.de erklärt.

Gemeint sind diese Schriften hier:



Bildquelle: blog.nootheater.de


Sie stammen von dem Görlitzer Schuhmachermeister und Garnhändler Jacob Böhme (1575-1624), und der sei halt "die geheimnisvollste und zugleich unbekannteste Gestalt der deutschen Mystik und der deutschen Geistesgeschichte" - so lassen es uns jedenfalls die Filmemacher Max Hopp, Jan Korthäuer, Ronald Steckel und Klaus Weingarten, die ihre Hommage à Jacob Böhme dieses Jahr kreierten, deutlich wissen.

*

Anderthalb Stunden sehen wir einen jungenhaft wirkenden Mann, wahrscheinlich im besten Mannesalter [Böhme war 49jährig gestorben], und hören eine unaufgeregt-klare und gleichsam einschmeichelnde Männerstimme. Der, den wir sehen, hat die meiste Zeit, wo wir ihn sehen, saftig Grünes um sich rund herum; am Schluss liegt er auf einem Baum und geht was später einen schmalen Wiesenpfad in Richtung Ungewisses: Wald. Das, was wir während all dieser zu sichtenden und zu besichtigenden Zeit akustisch wahrnehmen, sind sprachlich starke und phonetisch einprägsame "Weisen"; sie betreffen und bedeuten O-Zitate aus diversen Schriften des von den vier Filmemachern zellulierten Mystikers - daneben und darunter und darauf: Vogelgezwitscher; echolotes Finkenschlagen, ferne Kuckucksrufe oder Kranichschreie. Und es sieht und hört sich also stellenweise an, als würde ein Zurück-zu-der-Natur thematisch zur Debatte stehen. Ja und nein zugleich.

Klaus Weingarten ist derjenige, der zu sehen ist - Max Hopp der, den man hört; Hopp (und Jan Korthäuer) hatten den Weingarten zudem gleichsam nicht aus dem Auge lassen wollen. Sprecher filmte denjenigen ab, der (s)eine abgesproch'nen Sätze schuf, denjenigen, der dieser Sätzeschaffer sein sollte bzw. hätte sein können. Welch' mannigfaltige Symbiose!!

Ronald Steckel muss als geistiger Verursacher dieses erstaunlich-wunderschönen Films, an dem er - wie er heute, kurz vor Filmbeginn im Kunstkino der Brotfabrik (in Berlin-Weißensee), gesagt hat - insgesamt vier Jahre konzipierte, gelten. Ja und ausgerechnet dieser eine Satz von ihm, zu Jacob Böhme, lässt mich während meines Heimwegs nicht mehr los; dieser hier: "Wenn wir Juden wären, wüssten wir, er ist einer unserer Propheten." Kabbala! assoziiere ich sofort.

* *

"Was ist die Seele des Menschen und der große Gott selber?" postulierte Böhme.

Es gibt Fragen über Fragen. Eine hört sich tröstlicher und wunderlicher als die andre an. Was auffällt: "Hass" (als eigentliches Antonym zu "Liebe") existiert im vorgeführten Sprachraum nicht. Stattdessen: "Zorn" und "Feindung" oder so. Das Mildtätige macht die Sicht der Welt viel grüner, blauer, feder- oder schäfchenwolkiger als sie in Wahrheit ist. So müsste man, vermute ich, die Quintessenz des eignen Lebens, wenn man es womöglich vollbewusstheitlich - wem sollte solch ein Glücksfall nicht vergönnt sein - ganz am Ende seiner Tage mitbekommt, auf einen Punkt gebracht sehen: versöhnt mit sich und der Natur.

Melancholie und Traurigkeit, die abdriftenden Vorboten zum "schönen Lebensende" hin - - "Herz und Gemüte" hören wir... und "Grund und Ungrund"... und: "Nicht ich weiß es, sondern Gott weiß es in mir." Und "Gott ist Geist", "seid sehend und nicht blind" und "Wesen aller Wesen" usw. usf.

Es wird, je mehr Gesprochenes als eine Art von warmer Niesel zu uns niederrinnt, nicht aufschlussreicher und auch nicht erhellender, was Hopp da alles herzitiert. Es ist, als lausche man den sorgsam ausgewählten Zeilen eines Geistlichen zur Urnenbeisetzung des Allernächsten; man ertappt sich selbst bei urplötzlichem Gottvertrauen, man erhofft und man erwünscht den allgemeinen und (noch besser) den privaten Trost. So jedenfalls - ganz ohne Ironie - wünschte ich mir menschlichen Beistand, falls ich ihn dann jemals richtig bräuchte, so in dieser Weise: ja, das wäre ideal.

* * *

"Nun fahre ich hin ins Paradies", wären die allerletzten Worte Jacob Böhmes gewesen.

Die filmische Hommage auf ihn ist ein Ereignis!



Morgenröte im Aufgang | © nootheater & Organisation zur Umwandlung des Kinos

Andre Sokolowski - 4. November 2015
ID 8961
Morgenröte im Aufgang (D 2015)
Hommage à Jacob Böhme

Darsteller: KLAUS WEINGARTEN
Stimme: MAX HOPP
Kamera: JAN KORTHÄUER und MAX HOPP
Ton / Licht / Montage / Recherche: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, RONALD STECKEL und KLAUS WEINGARTEN
Sprachaufnahmen: NOOTHEATER
Musik / Sounddesign: MATTHIAS KIRSCHKE und RONALD STECKEL
Konzept / Textbuch / Dramaturgie / Sprachregie: RONALD STECKEL
Regie: MAX HOPP, JAN KORTHÄUER, RONALD STECKEL und KLAUS WEINGARTEN
Produktion: nootheater & Organisation zur Umwandlung des Kinos
Erstaufführung des Films war am 15 Mai 2015 im Gerhart-Hauptmann-Theater, Görlitz
Koproduktion des Berliner NOOTHEATERS und der ORGANISATION ZUR UMWANDLUNG DES KINOS, Hannover, in Zusammenarbeit mit dem INTERNATIONALEN JACOB BÖHME INSTITUT und der OBERLAUSITZISCHEN BIBLIOTHEK DER WISSENSCHAFTEN, Görlitz. Der Film wurde durch die FONDAZIONE BÔ YIN RÂ gefördert


Weitere Infos siehe auch: http://blog.nootheater.de/2015/03/13/morgenroete-im-aufgang-hommage-a-jacob-boehme/


http://www.andre-sokolowski.de



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