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Dokumentarfilm


Filmstart: 8. November 2012

More Than Honey - (Deutschland/Schweiz/Österreich 2012)

Ein neuer Dokumentarfilm (Regie: Markus Imhoof) gibt Hinweise darauf, dass Überzüchtung und Vergiftung für das Bienensterben verantwortlich sind



Summ, summ, summ, Bienchen stirbt warum?

Neulich im Supermarkt: Der Autor dieser Zeilen will bei der Auswahl seines Honigs in Zukunft aufmerksamer sein. Er will möglichst einheimischen, also nicht gepanschten und durch Pestizide vergifteten Honig kaufen – und ist auch bereit, dafür mehr zu bezahlen. Denn er hat einen Dokumentarfilm gesehen, der demnächst in die Kinos kommt: In More Than Honey erfährt der Honiglaie, dass nicht nur Hühner, Schweine und Rindviecher für die Lebensmittelindustrie zugerichtet werden und leiden müssen, sondern auch die Honigbiene. Die Fakten und Bilder des Films müssen jeden sensiblen Honigkonsumenten verstören, der sich seinen Frühstückshonig morgens auf der Zunge zergehen lässt und dabei noch romantische Vorstellungen von der Imkerei hat.

Doch vorbildlich zu sein, ist nicht so leicht, denn von über zwanzig Sorten gibt es nur eine einzige im Supermarkt, die per Etikett als „Bio-Honig“ deklariert wird, also von Öko-Imkern der Europäischen Gemeinschaft stammt und nicht mit Honigsorten aus anderen Kontinenten zusammengerührt wurde, wo zum Teil hemmungslos Pestizide und Antibiotika in die Pflanzenblüten gespritzt werden dürfen, aus denen die Bienen ihren Nektar gewinnen. Das Naturprodukt Honig – ein direkt aus Bienendrüsen gewonnenes Sekret – ist mithin so gesund und natürlich, wie der Mensch es zulässt. Und die Bienen als entscheidende Glieder in der Kette der von Menschenhand organisierten Früchte- und Honigproduktion werden mit Medizin gedopt, damit die Profite wachsen.




Armeen für den großindustriellen Bedarf an Naturprodukten: In Kalifornien werden Bienenvölker für den Weitertransport abgepackt - Foto (C) Senator Film Verleih



Dass Bio-Honig in den gängigen Supermarktketten so selten anzutreffen ist, liegt daran, „dass die deutschen Imker die große Nachfrage in Deutschland nur zu ca. 20% decken können“, erläutert Dr. Marc-Wilhelm Kohfink, der eine Bio-Imkerei in Brandenburg betreibt. „Dank der deutschen Frühstückskultur“ verbrauchen die Deutschen soviel Honig, dass der größte Teil davon importiert werden muss, sagt Kohfink, der wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen ein Nebenerwerbsimker ist: „Nur ein Prozent der deutschen Imker betreiben die Honigproduktion als Hauptberuf“, sagt der studierte Sozialwissenschaftler Kohfink. Die meisten Bio-Imker verkaufen ihre Ware an ein enges, lokales Umfeld, ein Teil geht an Tee-, Bio- und Naturkostläden. In Deutschland ist die Honigkultur ausgeprägter als in anderen Nationen, wie der Film More Than Honey eindrücklich zeigt: Besonders schockierend sind die Aufnahmen, die der Schweizer, in Berlin lebende Regisseur Markus Imhoof bei einen Großimker in Kalifornien drehte, der gigantische Plantagen mit Mandelbäumen von zehntausenden Bienenvölkern bestäuben lässt.



Pakete voller Arbeitskraft: Die Bienenvölker müssen für den Weltmarkt fit gemacht werden - Foto (C) Senator Film Verleih



Damit nur die – aus menschlicher Sicht – fleißigsten Bienenarten sich vermehren, werden nicht nur die Königinnen, um die sich alles dreht, von ihren Zuträgerinnen und Drohnen getrennt, sondern ganze Völker regelmäßig auseinandergerissen. In dunklen Lkws werden die Waben anschließend tausende von Kilometern durch die USA gekarrt, damit die Bienen in anderen Plantagen „ihrem genetischen Programm, den Nektar einzusammeln, folgen“, wie es Imhoof ausdrückt. Sogar über Kontinente hinweg werden Bienenvölker geflogen – nicht alle erreichen lebend ihren Einsatzort. Anders als in der EU dürfen in den USA Herbizide und Pestizide auch ohne akuten Bedarf vorsorglich direkt in die Blüten gespritzt werden. Dies geschehe meistens nach der Dämmerung, wenn die Bienen sich zurückgezogen haben, sagt US-Imker John Miller im Film. Aber Imhoofs Bilder strafen ihn Lügen: Da die Plantagen zu groß sind, als dass Lastwagen sie in kurzer Zeit abfahren könnten, werden die Gifte bereits in hellem Sonnenschein versprüht – und die Bienen fallen anschließend verklebt und tot von den Bäumen.

„Bienen haben einen Filter, mit dem sie Giftstoffe ausfiltern, damit der Nachwuchs den reinen Nektar zu fressen bekommt“, erläutert Imhoof, „aber es sind natürlich trotzdem Rückstoffe von Medikamenten drin, ohne die heute kaum noch eine Bienenart überleben würde“, weiß Imhoof aufgrund seiner Recherchen. Denn neben vergleichsweise harmlosen Antibiotika nehmen die Insekten auch Nervengifte wie Nikotine auf, die sie mutmaßlich verwirren und ihren Weg nicht mehr finden lassen. „Das hängt mit der Züchtung der Bienen zu mehr Fleiß und Sanftmut – und nicht auf Gesundheit – zusammen, durch die der genetische Pool immer schmaler geworden ist“, so Imhoof: „Wir haben quasi Löwen zu Pudeln gezüchtet.“ Nicht ohne bittere Ironie sagt John Miller, dass ein Verzicht auf mehr Profit „nicht in seiner DNA liege“ – während seine Bienenvölker durch sein Treiben vermutlich genetisch beschädigt werden. Der Vorzeigekapitalist gibt selbst zu, dass sein Großvater – der ebenso wie der von Regisseur Imhoof ein auf kleinem Niveau wirkender Imker war – sich angesichts der Massentierhaltung im Grabe umdrehen würde.



Schwer erziehbar: Die Killerbiene scheint sich systematisch an Orten anzusiedeln, die für Menschen kaum erreichbar sind - Foto (C) Senator Film Verleih



Wer meinte, es könne nicht schlimmer kommen, sieht sich angesichts der Bilder aus dem sozialistischen China eines Schlechteren belehrt: In manchen Regionen wächst aufgrund des großflächigen Einsatzes von Pestiziden auf ausgedörrten Feldern kaum eine Blüte mehr. Imhoof gibt einen Vorgeschmack auf die Zustände, falls es keine Bienen mehr gibt: Chinesische Helfer hängen mit Puderquasten in den Bäumen und müssen die Bestäubung selbst erledigen. „Ein enorm aufwendiges Unterfangen, das allein mit menschlicher Kraft nicht zu leisten ist“, sagt Regisseur Imhoof, „weil die Pollen nur einige Tage fruchtbar sind. In der Konsequenz könnte sich irgendwann niemand mehr einen Apfel leisten.“

Imhoof mahnt: „Mit der Ausrede, die Welt ernähren zu müssen, haben wir eine immer totalitäre Landwirtschaft, die Feinde mit harter Hand bekämpfen muss. Die Artenvielfalt wird wegrationalisiert.“ Bei den Bienen ist dies doppelt prekär: Sie sorgen nicht nur für Honig, sondern durch die Bestäubung auch für ein Drittel all der Früchte, die wir verspeisen. So sagen manche Forscher ein dramatisches Versorgungsproblem voraus, sollten Bienen in manchen Regionen gänzlich verschwinden. Über die genaue Ursache streiten die Gelehrten. „Das Bienensterben ist aber kein Mysterium“, zieht Markus Imhoof nach seinen Erkenntnissen Bilanz: „Die Bienen sterben nicht einfach an Pestiziden oder Milben, Antibiotika, Inzucht oder Stress. Es ist die Summe von allem.“

Der Überlebenserfolg der mittel- und südamerikanischen Killerbienen, die aufgrund einer Vermischung von europäischen und afrikanischen Bienen entstanden sind, scheint Imhoof Recht zu geben. Deutschland ist hingegen größtenteils eine Bienen-Idylle, wo sich die Völker zwischen ausgedehnten Wiesen tummeln – also in freier Natur statt auf Anbauflächen konventioneller Pflanzenproduktion. Wer sicher gehen will, dass er süßen, aber möglichst gesunden Honig kauft, sollte auf das Etikett achten: Dort steht zumindest, ob der Honig aus Ländern der EU stammt. Am sichersten ist freilich der Bezug vom Imker um die Ecke.


Max-Peter Heyne - 7. November 2012
ID 00000006330

Weitere Infos siehe auch: http://www.morethanhoney.senator.de


http://www.bioimkerhonig.de

Das Game zum Film für Kinder: Bee with me

Post an Max-Peter Heyne



 

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