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Dokumentarfilm

Filmstart: 6. März 2014

Mitgift – Ostdeutschland im Wandel (D 2014)

Buch, Regie, Produktion: Roland Blum




Gefährdetes „Tafelsilber“

„Den Schatz vom Silbersee“ nannte der Volksmund die Filmfabrik ORWO in Bitterfeld-Wolfen: Sie war ein Schatz, weil sie der damaligen DDR kräftig Devisen einbrachte, und lag am so genannten „Silbersee“, weil das angrenzende Gewässer, in das Schwermetalle und andere Gifte abgeleitet wurden, in trügerischem Silberschein glänzte. Die Umweltzerstörung in der DDR hatte in den 1980er Jahren apokalyptische Ausmaße angenommen, und Bitterfeld war ein Synonym für die rücksichtslose Vergiftung der Natur und die Auswirkungen, die das auf Mensch und Tier hatte. Den Verantwortlichen war der Sieg des Sozialismus vorrangig. Sobald dieses hehre Ziel erreicht sei, könne man sich auch um die Umwelt kümmern, beschwichtigten sie. - Es ist anders gekommen.

Kurz nach dem Fall der Mauer begann der Filmemacher Roland Blum seine Langzeit-Dokumentation Mitgift und begab sich mit seiner Filmkamera in die Industriegebiete der ehemaligen DDR. Ihm war klar, dass der Zusammenbruch des Arbeiter- und Bauernstaates auch ökologische Ursachen gehabt hatte; in welchem Ausmaß das tatsächlich der Fall war, hat er in eindrücklichen Bildern und Interviews dokumentiert. Die Menschen in der DDR waren 1989 am Rande des ökologischen Super-GAUs, und die Angst vor der vergifteten Umwelt war wahrscheinlich ein viel größerer Motor für die Demonstrationen, die zum Mauerfall führten, als das bislang in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Noch zweimal kehrte Blum an die alten Drehorte und zu seinen ehemaligen Interviewpartnern zurück. Das war in den Jahren 2000 und 2013, und er hielt fest, welche ökologischen Erfolge seit der Wiedervereinigung erzielt werden konnten, aber auch, was es noch zu tun gibt.




Qualmende Schlote der Fabrikanlage in Espenhain 1990 - Foto © Roland Blum/ Film Kino Text



Insbesondere den Leipzigern hatte die zerstörte Umwelt gewaltig gestunken. Das nur 20 km südlich von Leipzig gelegene Braunkohlewerk Espenhain galt als der schmutzigste Ort der DDR. Neben der Verschmutzung durch Ruß und Asche wurden vor allem die giftigen Stoffe Schwefel und Phenolen ungefiltert freigesetzt. Umweltschützer formierten sich zunehmend in den 1980er Jahren, was nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 besondere Bedeutung gewann. Sie galten und waren zum größten Teil auch Oppositionelle, die neben dem Umweltschutz auch Bürger- und Menschenrechte einforderten. Die Kirchen nahmen ihre Rolle als Unterstützer und Treffpunkte ein, die berühmteste davon ist die Leipziger Nikolaikirche, von der aus die Montagsdemonstrationen ausgingen, die schließlich zu Massenprotesten anwuchsen und für den Fall der Mauer sorgten. So hatten die Umweltschützer nach der Wende auch sofort ihre Kompetenzteams parat. Schon am 23. November 1989 schlossen sich die Leipziger Umweltgruppen der Kirchen und des Kulturbundes zusammen und gründeten den Verein ÖKOLÖWE-Umweltbund Leipzig. Filmemacher Blum besuchte 1990 Ralf Elsässer, der zu den anfänglichen Mitglieder des Ökolöwen gehörte und heute als Bauingenieur Berater für Stadtentwicklung ist. Filmaufnahmen von Leipzig damals und 2013 zeugen von den erzielten Errungenschaften.




Ralf Elsässer setzt sich beständig für den Umweltschutz ein - Foto © Roland Blum/ Film Kino Text



Roland Blum sprach auch mit dem Biologen und Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Michael Succow, der sich schon früh für Naturschutz einsetzte und einer der führenden Moor-Ökologen ist. 1990 war er im Umweltministerium der DDR für die Wasserwirtschaft und den Schutz von Ressourcen und Landnutzungsplanung zuständig. Auf sein Betreiben hin verabschiedete der Ministerrat der DDR in seiner letzten Sitzung vor der Wiedervereinigung ein Naturschutzprogramm, in dem rund 5 % der Fläche der DDR unter Naturschutz gestellt wurde, darunter sechs Biosphärenreservate. Der Umweltminister der BRD, Klaus Töpfer, nannte diese geschützten Gebiete das „Tafelsilber der deutschen Vereinigung“. Viele davon liegen an der ehemaligen Grenze im Niemandsland oder waren Staatsjagdgebiete, in denen sich die Natur in Teilen ungestört entfalten konnte. Michael Succow, dem 1997 der Alternative Nobelpreis verliehen wurde, hat Moore zum Thema seines Lebens gewählt. Moore haben die Fähigkeit mehr Kohlendioxyd zu binden als Wälder. Moore sind also in Wahrheit Wunder der Schöpfung und potentielle Klimaretter. Die Trockenlegung riesiger Moorflächen für den Torfabbau oder für landwirtschaftliche Nutzzwecke führt aber dazu, dass die großen Mengen Kohlendioxyd, die Moore binden können, auch in ebenso großen Mengen freigesetzt werden. Dank der unermüdlichen Bestrebungen Michael Succows und anderer Ökologen sprechen sich diese Erkenntnisse aber herum und werden vielleicht einmal zu größeren Wiedervernässungen von ehemaligen Mooren führen.




Moore sind seine Leidenschaft: Prof. Dr. Michael Succow - Foto © Roland Blum/ Film Kino Text



Roland Blum zeigt Landstriche, bei denen die Narben durch die Umweltzerstörung fast verheilt sind, wie im Harz. Da ist es erstaunlich, was durch den Umweltschutz geleistet wurde. Es wird auch Bewunderung ausgedrückt für die enormen Selbstheilungskräfte der Natur, wenn man sie denn walten lässt.

Blum filmte aber auch in Gegenden, wo das nicht gelingt, wie beim Biosphärenreservat Spreewald, das durch Altlasten aus dem längst stillgelegten Braunkohletagebau des Lausitzer Reviers heute noch gefährdet wird. Durch den Braunkohleabbau wurde Eisenhydroxid frei und vergiftet durch den wieder steigenden Grundwasserspiegel die Spree. Das nennt sich Verockerung und ist an der Braunfärbung des Wassers erkennbar. Es gibt keine einzelne, allein seligmachende Maßnahme, mit der das behoben oder wenigstens eingedämmt werden kann. Das einstmals als „Tafelsilber der deutschen Vereinigung“ bejubelte Biosphärenreservat ist gefährdet und umfassende Lösungen sind teuer, benötigen Durchhaltevermögen und einen entsprechenden politischen Willen.

Aber wie sieht die Realität aus? In Deutschland wird immer noch Braunkohle im Tagebau abgebaut, als hätte man noch nie etwas davon gehört, wie umweltzerstörend, klimafeindlich und überholt diese Art der Energiegewinnung ist. Im Spreewald zeigt sich, wie schwierig, wenn nicht unmöglich, spätere Korrekturen sind.

Roland Blum hat die Entwicklungen im Umweltschutz in den Neuen Bundesländern in Bildern festgehalten, die angesichts des stetigen Wandels unwiederbringlich wären, wenn er sie nie gedreht hätte. Mitgift zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und dass es sich trotz vieler Entmutigungen und Rückschritte letztendlich lohnt. Das auf jeden Fall belegt Blums dankenswerte Langzeit-Dokumentation.


Bewertung:    


Helga Fitzner - 6. März 2014
ID 7651
Weitere Infos siehe auch: http://mitgiftderfilm.de


Post an Helga Fitzner



 

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