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Rezension

Filmstart: 19. Mai 2011

„Joschka und Herr Fischer“ - Eine Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland

Buch und Regie: Pepe Danquart

Dokumentation über den Politiker Joschka Fischer

Joschka Fischer: Zwei Herzen schlagen, ach, in seiner Brust. Da ist einmal der Aktivist aus den 68-er Jahren, der bei Demos gelegentlich gewalttätig wird, aber auch der spätere Amtsträger, der irgendwann die Politik verstanden hat, aber dafür seine Revoluzzer-Attitüde aufgeben musste. Oder doch nicht so ganz? Der Titel Joschka und Herr Fischer ist sehr sinnträchtig gewählt, weil er diese Zwiespältigkeit suggeriert. Der Untertitel Eine Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland klingt eher nach „Folter-Medium“, mit dem Schulklassen im Geschichts- oder Staatskundeunterricht gequält werden, ist aber genau das: Anhand des Lebens dieser herausragenden Persönlichkeit werden gleichzeitig die letzten 60 Jahre unserer Republik beleuchtet, aber...



Pepe Danquart und Joschka Fischer vor der Glaswand - Foto (C) Nadja Klier


... damit das nicht zu vorhersehbar und langweilig wird, hat sich der Autor und Regisseur Pepe Danquart eine ungewöhnliche Herangehensweise ausgedacht. Aus der riesigen Menge von Archivmaterial hat er nur eine winzige Auswahl getroffen: „Ich habe daraus 24 kurze Filme in der Länge von jeweils drei Minuten geschnitten“, erklärt er. „Sie wurden als Loops, Endlosschleifen, auf Glaswände projiziert. Ich habe Fischer völlig unvorbereitet dort hingestellt. Plötzlich fängt er an, sich in die Zeit zu versenken, plötzlich platzen die Erinnerungen los.“ Danquart wollte dadurch kein politisch kalkuliertes, sondern ein „emotionales Erzählen“ erreichen und „gleichzeitig auf der visuellen Ebene ein bisher unbekanntes Zeigen von Geschichte: Der Zeitzeuge steht in den Bildern dieser Zeit und spricht davon“. Daraus ist eine ansehnliche Dokumentation geworden, der man die 133 Minuten Länge nicht anmerkt. Sie kommt in die Kinos zu einer Zeit, in der in Baden-Württemberg der erste Grüne als Ministerpräsident sein Amt antritt.

Joschka Fischer wird 1948 in Gerabronn, Landkreis Schwäbisch Hall, geboren, seine Eltern stammen ursprünglich aus Ungarn. Als Ungarndeutsche wurden sie 1946 vertrieben: „Meine Kindheit ist voll mit Vertreibungsgeschichten. Ich habe (zu dieser Zeit aber) nie etwas über den Holocaust gehört“, erinnert er sich. In einem von Danquarts Filmen ist eine katholische Prozession mit dem Pfarrer zu sehen, bei dem er zur Kommunion gegangen ist. Das war eine kleine Gemeinde im Verhältnis zur überwiegend protestantischen Bevölkerung in Baden-Württemberg. Er kannte es als Kind schon, zu einer Minderheit zu gehören. Als Jugendlicher bricht er die Schule und eine Fotografenlehre ab und schließt sich 1967 der Studentenbewegung an. Er ist zwar nicht immatrikuliert, besucht aber in Frankfurt am Main die Vorlesungen von Adorno, Habermas und Oskar Negt. Zwischen 1968 und 1975 gehört er der militanten Gruppe RK „Revolutionärer Kampf“ an, nimmt an Demonstrationen und Straßenkämpfen teil, bei denen er auch zu Mitteln der Gewalt greift. Erst 1977, nach der Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer zählt er sich zu den Gemäßigten. Von 1976 an fährt er fünf Jahre lang Taxi in Frankfurt am Main: „Im Taxi bin ich zum Realo geworden. Ich habe gelernt, dass das Großartige und das Hundsgemeine in jedem Menschen ganz eng beieinander liegen“, kommentiert Fischer diese Zeit.

1982 tritt Fischer in die Partie Die Grünen ein und bekommt 1983 ein Mandat für den Hessischen Landtag. 1985 erregt er bundesweites Aufsehen, als er bei seiner Vereidigung zum Hessischen Umweltminister Turnschuhe trägt. Joschka Fischer war das erste Mitglied der Grünen, das je Mitglied eines Kabinetts wurde. Er kam sich vor wie ein gefangenes wildes Tier und doch: „Die sechszehn Monate als Umweltminister waren nicht nur die schlimmsten, sondern auch die lehrreichsten, weil ich hinterher wusste, wie Regieren geht, wie man Koalitionen macht, was Zuständigkeiten sind, was man braucht, um Reformen erfolgreich durchsetzen zu können.“

Zwei Jahre nach dem Fall der Mauer bilden Die Grünen eine neue Partei mit dem „Bündnis 90“, die aus Kritikern als ehemaligen DDR-Regime hervorgegangen war. „Für mich war klar: Wenn Einheit, dann Europa“, erklärt Fischer. „Weil wir Deutschen die sein werden, die den höchsten Preis bezahlen, wenn es mit Europa schief geht.“

Nach langjährigen Erfahrungen als Politiker wird Fischer 1998 zum Vizekanzler und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland vereidigt: „Mir war in der Wahlnacht überhaupt nicht lustig zumute“, erzählt er. „Ich sah die Kriegsentscheidung auf uns zukommen.“ In der Tat muss er 1999 die ihm sichtlich schwerfallende Entscheidung treffen, 8500 Bundeswehrsoldaten in den Kosovo zu schicken, wo sie ihm Rahmen einer Friedenstruppe den Genozid an der albanischen Bevölkerung verhindern sollen. Das ist mit seiner ideologischen Einstellung nicht zu vereinbaren und bringt ihm gerade aus den Reihen seiner Grünen viel Kritik ein.

Nach dem Terroranschlag des 11. September 2001 auf das World Trade Center bekundet Fischer zwar seine Empathie für die Amerikaner, die Bundesregierung unter Kanzler Schröder beschließt aber, nicht an dem Krieg gegen den Irak teilzunehmen. 2003 spricht sich Fischer entschieden gegen eine Invasion des Irak aus. 2006 legt er sein Bundestagsmandat nieder: „Ich verdanke meiner Partei unglaublich viel, aber ich habe mich auch ihr erschöpft.“




Joschka Fischer vor seinem eigenen Jugendbildnis - Foto (C) Nadja Klier


Pepe Danquart und Joschka Fischer haben vor und während der Dreharbeiten ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Die Dokumentation ist daher nicht investigativ oder eine versuchte Demontage der bundesdeutschen Politik und des Politikers. Sie bietet auch keine Lösung an, vielmehr zeigt sie den inneren Konflikt Fischers zwischen seiner Ideologie und den Realitäten der Politik, lässt diesen aber bestehen. Diese Zwiespältigkeit mag eine mögliche Triebfeder für Fischers politisches Handeln gewesen sein. Nach mehreren Jahrzehnten in der Politik kann dieses Handeln gar nicht unumstritten sein.

Als 68-er ging Fischer als gewaltbereiter Revoluzzer auf die Straße. Der Widerstand der damaligen Jugend richtete sich gegen das Schweigen der Elterngeneration, die die Gräueltaten des Dritten Reiches unter den Tisch kehrten und nicht danach fragten, wer von den Alt-Nazis in der Bundesrepublik wieder in Amt und Würden ist. Einer der Professoren, die Fischer in Frankfurt gehört hat, war Adorno, der den Kantschen Imperativ umwandelte, indem er sagte, dass das Denken und Handeln so einzurichten sei, dass Auschwitz sich nicht wiederhole.

Fischers Politik entsprang dem Bewusstsein über die deutsche Vergangenheit. Für seine umsichtige Nahostpolitik wurde er 2003 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille und 2005 mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet, die von jüdischen Organisationen verliehen werden.


Helga Fitzner - red. 29. Mai 2011
ID 00000005218
„Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter mich jemals gewählt hat.“ (Joschka Fischer)

Die Dokumentation enthält Interviews mit den Zeitzeugen:
Hans Koschnik
Katharina Thalbach
Peter Grohmann
Knofo Kröcher
Johnny Klinke,
Daniel Cohn-Bendit
Marie-Reine Haug
Jürgen Hempel
Fehlfarben
Reger de Weck

Weitere Infos siehe auch: http://www.joschkaundherrfischer.x-verleih.de


Post an Helga Fitzner



 

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