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23. dokumentART

Abseits des Herkömmlichen

Bilanz des Filmfestivals


Mit einer feierlichen Abschlusszeremonie und der Preisvergabe an zwei deutsche, einen russischen, einen weißrussischen und einen israelischen Kurzfilm ist das 23. Europäische Dokumentarfilmfestival dokumentART in Neubrandenburg (Mecklenburg) Mitte letzter Woche zu Ende gegangen. Auf dem Festival, das überwiegend kurze oder mittellange Dokumentar-und Experimentalfilme präsentiert und traditionell einen osteuropäischen Programmschwerpunkt aufweist, wurden in diesem Jahr vom 10. bis 14. Oktober 66 Filme aus 20 Ländern präsentiert. Das sind annähernd genauso viele Beiträge wie in den vergangenen Jahren, obgleich das Team um die neue Festivalleiterin Heleen Gerritsen, die zuvor beim Rotterdamer Festival tätig war, 2014 keine EU-Fördermittel mehr in Anspruch nehmen konnte. Allerdings musste die sehr originelle, wenngleich organisatorisch anspruchsvolle Kooperation mit den polnischen Partnern in der rund eineinhalb Autostunden entfernt gelegenen Großstadt Stettin nach sieben Jahren aufgegeben werden, und so hielten die beiden unterschiedlichen Städte jeweils ihr eigenes Filmfestival ab. Heleen Gerritsen setzte die von ihren Vorgängern etablierte Fokussierung auf Formate, die im Kino nicht und selbst im Fernsehen immer seltener vorkommen, erfolgreich fort. So überzeugte auch der 23. Jahrgang der dokumentART durch individuell bzw. künstlerisch gestaltete Dokumentationen, in denen nicht alles fernsehgemäß über Bilder und Texte erklärt wird, sondern die Zuschauer gefordert sind eine eigene Meinung zu dem Gezeigten zu entwickeln. Im Wettbewerb konkurrierten 39 Filme aus 19 Ländern.

Für ihre 48-minütige Reflektion der Karriere des Schauspielers Bayume Mohamed Husen, der während der NS-Zeit mit großen UFA-Stars Filme drehte und dabei deutschkoloniale Klischees des dunkelhäutigen Fremden verkörperte, Majubs Reise, erhielt die deutsche Filmemacherin Eva Knopf den „Findling“-Preis des Landesverbandes Filmkommunikation, der damit die Gelegenheit erhält, in Kulturellen Kinos und Filmclubs in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt zu werden. Die in Schwarzweiß gehaltene Kurzdokumentation Almaz über einen alten Mann und sein Pferd auf einer verlassenen Insel inmitten eines karelischen Sees des weißrussischen Regisseurs Victor Asliuk gewann den mit 1.000 Euro dotierten Preis des Studentenwerks Greifswald. Ein Roadmovie besonderer Art ist Alina Rudnitskayas einstündiger Dokumentarfilm Blood, der Einsichten des oft kräftezehrenden Lebens in der russischen Provinz anhand von Beobachtungen eines umherreisenden Blutspenderteams bietet („Latücht“-Preis des Kulturministeriums des Landes Mecklenburg-Vorpommern, 5.000 Euro). Mili Percherers assoziativ gestalteter Beitrag Yehuram Off Season wurde mit dem Preis der Stadt Neubrandenburg ausgezeichnet (2.000 Euro). Damit honorierte die fünfköpfige internationale Jury, der u.a. die Spiegel Online-Filmjournalistin Hannah Pilarczyk und die polnische Produzentin Anna Wydra angehörten, auch den Mut der Veranstalter, Filme einzuladen, die keine der herkömmlichen Kategorien bedienen. Dazu zählte auch die politisch brisante, an der Ästhetik von Kriegsvideogames angelehnte Arbeit des Aktionskünstlers Christoph Faulhaber, Play > Movie, der den NDR-Publikumspreis erhielt (1.000 Euro).

Einige der interessantesten Beiträge in Kürze (manche sind schon im Netz zu finden):


Balcony Tales (DK 2013)
Helle Windeløv-Lidzélius zeichnet die intensive Atmosphäre des Alltags in der Altstadt Havannas auf. In Kubas Hauptstadt faszinieren die Balkone als öffentliche und private Räume; sie sind Mikrokosmen. Die Regisseurin zurückhaltend und doch mit lässiger Neugier die Bewohner. Ein sehenswerter Film, der seine Beobachtungen über die Person des blinden 94jährigen Ceci präsentiert.

Blessed be this Place (DK 2013)
Blessed be this place ist Aufnahme und Darstellung von Menschen in Räumen. Carl Olsson hat sich in einer Abfolge wiederkehrender Szenarios elegisch dem alltäglichen Leben in Kopenhagen gewidmet, wobei die Auswahl Kontraste schafft, aber auch etwas willkürlich wirkt. 

Cafe Voyage (UA 2013)
Roman Bondarchuk hat Glück mit seinem Protagonisten Wowa und Wowa hat Glück mit Roman Bondarchuk. Der Regisseur zeigt ein ironisches, liebevolles und amüsantes Portrait des Wachmanns, der allein in der verlassenen Raststätte Cafe Voyage lebt und arbeitet. In den achtziger Jahren war Wowa Direktor eines kollektiven Staatsbetriebs der Ukraine, trägt aber den Verfall der Wende mit Fassung und Galgenhumor.

Crossings (F 2013)
Eine Eislaufarena wird zur Bühne. Antoine Danis hat Momentaufnahmen asynchron montiert und sie sowohl in der Zeit, als auch im Ton konterkariert. Dieser Blick verführt!

Feast (F/PL 2013)
Der Videokünstler Wojtek Doroszuk ein Vanitas-Gemälde in Filmform und lässt das Stillleben mit Symbolwirkung genüsslich zertrümmern. Eine intelligente Persiflage auf die Dekadenz des 17. Jahrhunderts.

Growing Home (N 2013)
Der Regisseur Trond Kvig Andreassen bespiegelt einen Tag auf der abgeschiedenen, norwegischen Insel Hestmannøy, die fast unbewohnt ist. In der gigantischen Landschaft führen die wenigen Menschen ein einfaches Leben. Sie pflügen noch den Acker und die Schule ist inzwischen mangels Schülern verwaist. anrührende Beobachtung.

Play > Movie (D)
Christoph Faulhaber nutzt die unzureichenden Mittel eines Künstlers, um gesellschaftliche Veränderungen. Er zeigt in seinem Film die Kreativität des Scheiterns. Mit seinem Avatar Niko Bellic aus dem Videospiel Grand Theft Auto zieht er zwischen dem chronologischen Abriss seiner Projekte eine doppelbödige Perspektive ein. Er dokumentiert seine Identität als „Mister Security", die daraus folgenden Dilemmata auf der Documenta in Kassel, mit den US-Behörden, seinem Künstlerstipendium in New York und dem Aufbau eines temporären Aufnahmelagers für Guantanamohäftlinge in Hamburg. Politik, Identität und Realität werden verschränkt und aus den jeweiligen Bildern konstruiert. In nüchterner Hoffnung stilisiert Faulhaber einen Widerstand.

Prince (F/CGO 2013)
Prince Ntsiete verwandelt sich in sein Idol Michael Jackson und inszeniert seine Performance bei seinem täglichen Spaziergang durch Brazzaville. Der polnische Regisseur Wojtek Doroszuk folgt ihm von seinem Haus in den Slums durch Wohnviertel, Märkte und Straßen bis zur Flusspromenade. Es ist das endlos erscheinende Gehen der Afrikaner, aber das Ziel in diesem Film ist eine Tanzshow zur Musik des Freiheitskämpfers Franklin Bukaka.

Prisoners of Kanun (E 2013)
Die unabhängige Dokumentarfilmerin und Videojournalistin Roser Corella begibt sich mutig in den vereinsamtem ländlichen Norden Albaniens, um den Gesetzen der Blutrache, die seit Jahrhunderten Familienfehden regeln, auf die Spur zu kommen. Unter einer korrupten Regierung wird derzeit Versöhnung nur angedeutet und die Gesetze ver(killer)spielt. Stigmatisierung, soziale Isolation und häusliches Gefängnis sind weiterhin die Folge, wenn Ausbrüche aus der Archaik versucht werden. Roser Corella findet aber einige darstellungswillige Protagonisten und ihre Portraits beeindrucken durch die Direktheit und Ohnmacht, die den Blick zurückwerfen in ein anscheinend längst vergangenes Europa.

Raumfahrer (D 2014)
Von Regisseur Georg Nonnenmacher essayistisch zusammengestellte Nahaufnahmen von Inhaftierten, die in Sicherheitstransportern von Gefängnissen zu Gerichten gefahren werden. In den Off-Aussagen beschreiben die Männer ihrer Gefühle, die sie bei Fahrtransporten empfinden: darüber, dass sie zwar einen Ausschnitt der Welt der Freiheit sehen können, aber nicht in den Genuss derselben kommen können. Eine konsequent und adäquat fotografierte, indes redundante Fingerübung.

The Shadow of your Smile (RUS 2013)
Alexei Dmitriev spielt mit dem Voyeurismus der Betrachter. Er verhexelt auf amüsante Art altes Pornofilmmaterial.

Substanz (D 2014)
Das Vexierspiel von Sebastian Mez die Katastrophe von Fukushima im Jahre 2011. Er arbeitet mit Material, das er unmittelbar nach dem Reaktorunglück in Japan drehte und verdichtet sein Mosaik mit sich überlagernden Bild- und Tonaufnahmen denMedien. Leider ist die Mischung nicht so kohärent wie sie sein könnte.

Swallow (GB 2013)
Genevieve Bicknell verarbeitet ihre Kindheitserinnerungen in einer 8mm-Material Collage. Sie zeigt ihr Trauma und solidarisiert sich im Trost mit an Bulimie Erkrankten. Zwar stilistisch tradiert, aber emotional direkt.

Vegas (GB 2013)
Der amerikanische Traum als Autosuggestion der Vereinsamten. Der Regisseur Lukasz Konopa lässt durch seine Impressionen der Isolation das Glück in der Entertainmentmetropole Las Vegas fern erscheinen, bei der so manche Hoffnung in den Schatten verlegt wird.

Yeruham Off Season (IL 2013)
Milli Pecherer süßholzraspelt mit ihrer Piepsstimme wildfremden Freiern entgegen, die sie in ihren Western entführen will, der zwischen den Wüstenruinen in Israel und im kargen finnischen Schnee spielt. Yeruham ist die Zielscheibe, ein entlegener Ort, in dem sie in frecher Hilflosigkeit den Protagonisten ihre Fantasien entlockt. Genresprengendes, zwischen Doku und surrealer Tagträumerei spielendes israelisches Kino.



Ein Branchentalk der dokumentART beschäftigte sich mit der „Zukunft des Dokumentarfilms im deutschen Fernsehen“, bei dem die Vertreterinnen des NDR und Produzent Olaf Jacobs (Hofenrichter & Jacobs) die derzeitige Kooperation zwischen Redaktionen und freien Produzenten, bei der Qualität und Quote gleichermaßen im Blick gehalten werden, als bewährtes Konzept verteidigten. Selbst Jacobs warnte vor fixierten Wiederholungsvergütungen, die sonst zu viel vom Jahresetat einer Redaktion verschlingen würden. Die Direktorin des Landesfunkhauses des NDR, Elke Haferburg, gab zu, dass die Mitarbeiterpensionen „viel Geld“ verschlängen, doch eine Erhöhung der Etats sei wegen der Bedenken der KEF derzeit unrealistisch. Beim Thema Konkurrenz durch Online-Plattformen blieb hinter den wohlmeinenden Worten eine zielgerichtete, "junge" oder gar innovative Strategie zur Auswertung des Fundus an Dokumentarischem bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten leider nicht erkennbar. Beim zweiten Branchentalk mit russischen und ukrainischen Filmemachern wurden die steigenden Einflussnahmen von Behörden, aber auch Produzenten auf die Filminhalte diskutiert, die dazu führen, dass viele russische Regisseure ihre Filme gleich komplett mit ausländischem Geld finanzieren. Wegen des zunehmenden Nationalismus und der Tabuisierung bestimmter Themen wie Homosexualität oder soziale Probleme innerhalb der russischen Gesellschaft werden die Spielräume für unabhängiges Filmschaffen und für Koproduktionen nach Überzeugung der meisten russischen Gäste immer kleiner, da die Ministerien bzw. die Zentralmacht in Moskau über die Vergabe der Fördergelder bestimmt. Eine Unterstützung westlicher Kollegen im Falle des in Russland seit acht Monaten inhaftierten Regisseurs Oleg Sentsows sei leider so gut wie aussichtslos, hieß es von russischer Seite in Neubrandenburg.



Preisverleihung bei der 23. dokumentART in Neubrandenburg - Foto (C) dokumentART


Max-Peter Heyne / Gabriele Leidloff - 21. Oktober 2014
ID 8181
Weitere Infos siehe auch: http://www.dokumentart.org





 

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