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Dokumentarfilme

Das Lied der Straße

2 Roadmovies der ungewöhnlichen Art


Bewertung beider Filme:    



Wer einen Film über den Autobahnring rings um Berlin drehen wollen würde, hätte es nicht ganz leicht: Die Häuser und Straßen der Metropole liegen fast immer in stattlicher Entfernung, und selbst auf direkte Sicht ergeht sich die deutsche Hauptstadt in Brachen und Steppen. Etwas anders sieht die Sache mit der „GRA“ in Rom aus, der „Grande Raccordo Anulare“. Sie misst mit 70 km zwar weniger als die Hälfte der Berliner Ringbahn (196 Kilometer – die längste Europas!), dafür aber liegen viele Stadtviertel in unmittelbarer Nähe: Das andere Rom.



Das andere Rom (Sacro GRA) | (C) Kairos Filmverleih


Der Kameramann und Regisseur Gianfranco Rosi hat dies zum Anlass genommen, einige Orte entlang der GRA zu besuchen und das Leben der Anwohner dort zu dokumentieren. Wie er sagt, dauerte es „Monate, die richtige Distanz zwischen Subjekt und Kamera auszuloten, herauszufinden, aus welchem Winkel man filmt, wie die Einstellung sein muss.“ Tatsächlich hat Rosi selbst hässliche Ecken entlang der GRA so fotografiert, dass die Ödnis allenfalls irritierend, aber nicht abstoßend wirkt. Die billigen Betonbauten der Trabantenstädte sind oft leicht angekippt gefilmt. Selbst wenn die Kamera die Bewohner zeigt, hängt die Kamera draußen an den Fassaden und wirft einen schrägen, angewinkelten Blick in die Wohnungen, was den Voyeurismus betont. Doch Spektakuläres oder inhaltlich Schräges ist nur ansatzweise zu sehen, z.B. wenn der verarmte Adelige Paolo hinter seinem Rauschebart über die italienischen Verhältnisse schimpft.

Landschaftspanoramen hat Rosi bevorzugt in schnurgerader Horizontale, dafür aber stets in einem vielschichtigen, oft anheimelnden Abendlicht gefilmt. Wenn der Biologe Francesco bei seiner Tätigkeit erscheint, bilden wild wuchernde, niedrige Palmen bizarre Blättermuster. In Großaufnahme zeigt Rosi die – äußerlich schön anzusehenden – Schädlinge, die Francesco ins Visier nimmt, damit sie nicht die letzten Reste der abgeratzten Flora abseits der GRA zerstören. Natürlich gibt es auch an einem Un-Ort wie der GRA irgendwo gekauften Sex: Zwei ältere Prostituierte sind in ihren Arbeitspausen zu sehen. Zwischendurch erinnert uns Rosi mit einem endlosen Band sich fortbewegender Lichtkegel daran, dass wir uns in der Nähe der Stadtautobahn befinden.

Leider muss ich zugeben: Nicht nur interessant, sondern anregend anzusehen sind lediglich jene Aufnahmen, die durch die Frontscheibe der Ambulanz zeigen, wie ein Rettungssanitäter als erster am Unfallort ankommt. Das sieht man schließlich nicht alle Tage, auch wenn Regisseur Rosi die Bergung der Verletzten (oder gar Toten?) dezent weglässt und höchstens deren Abtransport im Inneren des Unfallwagens filmt. Das Problem des Films ist, dass es auf inhaltlicher Ebene kein Pendant zu der ausgefeilten Optik gibt. Die Schicksale der gezeigten Menschen bleiben schemenhaft und oberflächlich, die Auswahl der Orte beliebig bzw. austauschbar. Ähnliche Bilder und Menschen lassen sich überall auf der Welt finden, was insofern enttäuscht, als hier die GRA das Band sein soll, dass all diese Orte und Menschen dramaturgisch miteinander verbindet. Das tut sie nicht.

So bleibt auch mit gehörigem Abstand unerklärlich, weshalb ausgerechnet Sacro GRA [Originaltitel] im Herbst 2013 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele in Venedig erhielt – es sei denn, der damalige Jurypräsident Bernardo Bertolucci wollte das Werk seines Landsmanns Rosi durchdrücken.


* *


So nah und doch so fern:

Die territoriale Grenze zwischen Schweden und Finnen scheint durchlässiger zu sein als die der verschiedenen Sprachen. Die Finnen jedenfalls geben sich alle Mühe, den westlichen Nachbarn das Leben innerhalb Finnlands ein bisschen leichter zu machen, und wer Helsinki schon einmal besucht hat, weiß, dass die meisten Straßenschilder außer auf Finnisch auch auf Schwedisch zu lesen sind. Andersherum ist das nicht so. Warum auch sollten die wirtschaftlich und politisch einflussreicheren Schweden ihren Nachbarn mit der so merkwürdigen Sprache den roten Teppich ausrollen?

Ein rein skandinavisch-finnisches Problem, gewiss, aber für Kai Latvalehto und viele andere Finnen, die in Schweden aufgewachsen sind, ein durchaus handfestes. Als Kind in Schweden der 1970er Jahre fühlte sich Kai stets wie ein Außenseiter, ohne zu verstehen warum. Als sein Vater 1980 abrupt beschloss, mit der Familie zurück nach Finnland überzusiedeln, entwurzelte das den jungen Kai endgültig, denn auch Finnland erschien ihm nicht wie eine Heimat. Die identitätserschütternde Frage nach dem „Warum das alles?“ ist das Thema des amüsanten und liebevoll erzählten Dokumentarfilms Finnisches Blut, Schwedisches Herz.

Zugleich ist der Film ein schräges Roadmovieund (und Musical), denn Regisseur Mika Ronkainen hat den inzwischen über 40jährigen Kai und seinen kränklichen Vater auf ihre Reise nach Schweden und damit in die Vergangenheit mit der Kamera begleitet, ohne zu wissen, was die drei in Göteborg an Familiengeheimnissen so alles aufdecken würden. Dass Kai Recht hatte mit seiner Vermutung, dass der Umzug der Familie 1980 nicht aus Heimweh oder Spaß erfolgte, ahnt der Zuschauer schon bald. Zu sehr blockt Kais Vater jede Rückfrage nach den Motiven ab, als das alles nur harmlos gewesen sein könnte. Wie so oft in Finnland hat dies leider mit familiärer Gewalt und Alkoholismus zu tun.



Finnisches Blut | (C) Kulturprojektor


Aber bis der bärig-gutmütige Kai mit seinem Vater die Geduld verliert und die Wahrheit abtrotzt, dauert es eine Weile, die durch skurrile Einfälle verkürzt wird: So machen Vater und Sohn im Auto z.B. einen Deal, dass für jedes gemeinsam gesungene Lied der eine dem anderen ein Stückchen Familiengeschichte enthüllt. Regisseur Ronkainen nutzt diese Vorlage, um die Songs wie Videoclips zwischen die Szenen zu schneiden. Diese Geschichte mag eine sehr individuelle sein. Aber die Probleme im Hintergrund sind universell. Vor allem helfen die dramaturgischen Wendungen und der schmissig-mitreißende Soundtrack, dass man sich als Zuschauer bei dieser filmischen Reise auf dem Hintersitz nicht langweilt.

Max-Peter Heyne - 1. April 2015
ID 8547

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