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Dokumentarfilm


Der Dokumentarfilm Wochenendkrieger widmet sich den so genannten Live-Rollenspielern, die ganze Fantasy-Romane nachspielen




Die Krieger und Elfen sind unter uns

Einmal im Jahr werden große Felder mitten in der niedersächsischen Provinz Schauplatz einer surreal anmutenden Szenerie: In einem mittelalterlichen Dorf voller Zelte und Marktstände leben Hunderte Bewohner, darunter Bauern, Mägde, Knechte, Händler, Schmiede, Sattler und andere Handwerker, friedfertig mit Fabelwesen wie spitzohrigen Feen zusammen. Doch dann droht eine böse Königin, die den Menschen die Lebenskraft aussagen kann, sich mit einem untoten Fürsten der Unterwelt zusammenzuschließen, um den Dörflern und Feen den Garaus zu machen. Eine Entscheidungsschlacht wird unvermeidlich, in dem alle Register der schwarzen Magie gezogen werden.

Diese Handlung wirkt wie für einen Fantasy-Film inszeniert, tatsächlich aber ist das Ganze nicht kommerziell aufgezogen, sondern nur ein Spiel – wenn auch ein ganz besonders aufwändiges. Solche Spielhandlungen finden in Deutschland hunderte Male pro Jahr in Wäldern und auf Wiesen, rund um Burgen und Landhäuser statt. Die Teilnehmer, so genannte Liverollenspieler oder kurz LARPs (vom englischen Begriff „Live Action Role Playing“) agieren vor eigenhändig ausstaffierten Kulissen und selbstgenähten Kostümen und führen abenteuerliche Geschichten auf.

Obwohl insbesondere die Herr der Ringe-Filme viel zum besseren Verständnis für die Fantasy-Nachahmer beigetragen haben, musste der Dokumentarfilmer Andreas Geiger erst einmal „Überzeugungsarbeit in der Szene leisten“, um seinen neuen Film über die LARP-Subkultur drehen zu können. Sein neuer Film spart zwar die Schauwerte, die sich aus einem riesigen Event mit Hunderten kriegerisch kostümierter Spieler ergeben, nicht aus – schließlich heißt sein Film Wochenendkrieger. Aber er zeigt auch die faszinierenden, kreativen Seiten des Liverollenspiels, die von Kostümierung und Make-Up bis zur exakten Choreografie eines Elfen- oder Kriegerheers reichen. Anhand von fünf ausgewählten LARP-Aktivisten zeigt Andreas Geiger die individuellen Motive, die zu diesem ungewöhnlichen Hobby führen und bildet die Szene ab, die „sich aus dem gesamten Spektrum der Gesellschaft“ zusammensetzt.

Einer der fünf in Geigers Film porträtierten LARP-Aktivisten arbeitet hauptberuflich als Mitarbeiter in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen, wo er sich als eher unauffälliges Rädchen im Getriebe der Partei wohl fühlt, wie er vor der Kamera betont. Bei ihm ist die Verwandlung vom braven Sekretär in einen martialisch ausstaffierten LARP-Fürsten‚ des Untoten Fleisches‘, der eine mittelalterliche Armada von Kriegern befehligt, ein besonderer Kontrast. Doch auch die Lehrerin Chris und der Montagearbeiter Sven, der abseits des Fließbandes als gutmütiger "Gärtner der öligen Pestilenz" mit einer feinen Singstimme überrascht, sind als LARPs äußerlich, aber auch im Auftreten, kaum wiederzuerkennen.


*


Eine, die sich gerne verwandelt, um über das Rollenspiel etwas über sich zu lernen, ist die Modedesignerin Nicole Kreusel aus Magdeburg. Sie spielt nicht nur mehrmals im Jahr als LARP mit, sondern veranstaltet und betreut auch Events als Spielleiterin. Schon als Jugendliche hat sich Nicole für Historie, Märchen und mystische Sagen begeistert und selber phantasievolle Geschichten ausgedacht und niedergeschrieben. Einen Teil davon nutzt sie heute als Vorlage für die Planung und Inszenierung von "Plots" wie die Rahmenhandlungen für Liverollenspiel-Veranstaltungen genannt werden. Auch der Regisseur folgt solch einem Plot, indem er die fünf Protagonisten quasi als Spieler ihres eigenen Lebens einführt und die Ausübung ihres Hobbys wie eine Fantasy-Geschichte aufbereitet. Dadurch werden die Eigenheiten des Liverollenspiels sinnfällig in eine erzählerische Dokumentarform übertragen und die Kontraste zwischen Leben und Liverollenspiel ausgereizt. Der Nachteil dieses zugegebenermaßen unterhaltsamen Ansatzes ist, dass Geiger viele Vor- und Nachbereitungen und Abläufe, die das Hobby und die Events maßgeblich prägen, nicht zeigen kann bzw. auslassen muss.

So verkörpert die zierliche Nicole – anders als in Geigers Film zu sehen – nicht nur die Elfenkönigin Lenora, die mit sanfter, aber zielführender Hand die Geschicke einer großen Frauengruppe dirigiert. Kreusel verkörpert abwechselnd acht Figuren, darunter Charaktere wie eine Waldläuferin, Kriegerin, Priesterin (in Plattenrüstung), asiatisch gekleidete Hofdame oder – ihr Lieblingscharakter – eine Bäckersmagd. „Alle ohne bestimmte Vorlagen, und alle mit Eigenschaften, die nicht meine sind, um mich zu fordern“, sagt Nicole. Die ehemals schüchterne Frau nutzt etwa herrisch agierende LARP-Charaktere, „um sich selber etwas zu schubsen“ und selbstbewusster und entschiedener aufzutreten. Nicole Kreusel und Regisseur Andreas Geiger empfinden neben den kreativen Prozessen die ständige Interaktion als größten Reiz beim LARP, „sich z.B. als Ritter gegenüberzutreten, zu beschnuppern, aufeinander einzustellen und sich über das weitere Vorgehen zu verständigen“, so Geiger. Fast wie im richtigen Leben, auch wenn dort die Ritter und Feen fehlen.




Wochenendkrieger - Foto (C) Neue Visionen




Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 10. August 2013
ID 7042
Hintergrundwissen LARP

Liverollenspiele können Nachbildungen geschichtlicher Ereignisse wie z.B. bedeutende Kriegsschlachten sein, wie sie vor allem in Frankreich und England zu historischen Jubiläen mit vielen Komparsen immer wieder nachgestellt werden. Aber der weitaus größte Anteil solcher Events bezieht sich aufs mittelalterliche Leben, auf märchenhafte Epen und Sagen, Mythen und Mythologien, auf populäre Fantasy-Romane oder –Filme, deren phantasievolle Paralleluniversen von den Fans leibhaftig weiterentwickelt werden.

Die Teilnehmer, die diese Veranstaltungen durchführen, werden Liverollenspieler oder kurz LARPs (vom englischen Begriff „Live Action Role Playing“) genannt, und obwohl ihre Zahl auch in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich angewachsen ist, finden ihre Aktivitäten meist im Verborgenen statt. Teils, weil Zuschauer die von den Teilnehmern angestrebte Illusion der Spielhandlungen zerstören würden. Teils aber auch, weil die Organisatoren mit den Medien schlechte Erfahrungen gemacht haben, die sich bisher ausschließlich auf die äußerlichen, sensationsbetonten Aspekte konzentriert haben. Die durchaus tolerante Szene sorgt sich, dass Medienberichte Vorurteile gegenüber den LARPs schüren, die ohne Hintergrundwissen ein nur bizarres Bild von vermeintlich merkwürdigen Leuten vermitteln, die sich wie weiland das fahrende Volk in ein Laienschauspiel stürzen. Unter den besonders regen LARPs finden sich vor allem Studenten und Akademiker, darunter viele Lehrer, Ärzte und Anwälte.

Diese Plots ähneln professionellen Drehbüchern bzw. Drehplänen, sind nach Tagesabläufen und Haupt- und Nebenhandlungen aufgeteilt, in der jeder Teilnehmer auf verschiedene Weise eingebunden ist. Das Wie ist dabei zum Teil jedem selbst überlassen; Improvisation ist ein wichtiger Spaßfaktor beim LARP, wenn man sich denn traut. Doch ob es sich um ein führende, handlungstragende oder eher eine untergeordnete, aber zur Vervollständigung der Szenerie wichtige Figur handelt: eine gewisse Kohärenz muss sein, d.h. ganz und gar aus der Rolle darf niemand fallen, denn jeder trägt gemeinschaftlich zur Handlung bei.

Eine dänische Schule nutzt gar LARP, um Schülern im wahrsten Sinne des Wortes auf spielerische Weise zu fördern und wissenschaftliche Fakten zu vermitteln. Liverollenspielen ist eben kein öffentliches Theater vor Publikum, sondern eine Gruppenaktivität, bei der soziale Effekte auf die Teilnehmer selbst abzielen, deren Zahl von einigen Dutzend bis hin zu Tausenden reichen kann. Für ein gelungenes Event müssen die LARPs nicht nur die Logistik, Technik, Ausstattung und Verpflegung vorbereiten, sondern auch lernen, ihre Charaktere überzeugend miteinander zu spielen.

(MPH)


Weitere Infos siehe auch: http://www.dlrv.eu


Post an Max-Peter Heyne



 

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