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Dokumentarfilm

Der essayistische Dokumentarfilm N – Der Wahnsinn der Vernunft bietet einen einsichtsvollen spirituellen Trip nach Afrika



Bewertung:    



Menschen, die vor über 70 Jahren versuchten, zwischen dem afrikanischen und europäischen Kontinent eine kulturelle Brücke zu bauen, die nicht auf kolonialer Ausbeutung von Menschen und Waren beruhte, sondern auf Respekt und Neugier gegenüber den anderen Gesellschaften, gab es leider nicht viele. Der französische Abenteurer Raymond Borremans (1906–1988) gehörte dazu. Zwar schaute auch Borremans, der nach dem Ersten Weltkrieg aus einem daniederliegenden Europa nach Afrika ausgewandert war, um jenseits des Mittelmeeres ein neues Leben zu beginnen, mit eurozentrischer Besserwisserei auf seine Wahlheimat.

Aber das war offenkundig dem Zeitgeist geschuldet, denn Borremans war weder überzeugter Kolonialist noch Missionar, sondern ein von Europa enttäuschter Intellektueller, der an Afrika als den kommenden aufstrebenden Kontinent geglaubt hat. Dies lag angesichts der politischen Emanzipierung und den postkolonialen wirtschaftlichen Erfolgen der Elfenbeinküste nahe, in der sich Borremans nach einer ausgedehnten Reise durch Zentralafrika schließlich niederließ. Noch zu Lebzeiten musste Borremans erleben, dass es sowohl in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht in dem Küstenstaat wieder bergab geht. Was der Afrikakenner heute dazu sagen würde, lässt sich aufgrund von Borremans Schriften einigermaßen authentisch konstruieren – was einer der renommiertesten Schriftsteller Afrikas, Ben Okri, für einen Dokumentarfilm niedergeschrieben hat. N – The Madness of Reason feierte im Forum der diesjährigen Berlinale Premiere und hat dank des Verleihs Realfiction den Weg in unsere Kinos gefunden.



N – Der Wahnsinn der Vernunft | (C) Real Fiction Filmverleih


Mit N – The Madness of Reason (N – der Wahnsinn der Vernunft) entreißt der Belgier Peter Krüger das Schicksal Raymond Borremans dem endgültigen Vergessen, indem er den Verstorbenen eine Stimme verleiht, die quasi aus dem Zwischenreich zwischen irdischer und jenseitiger Existenz zu uns spricht. So lernen wir, dass Borremans ein typischer Vertreter des westlichen Wissenschafts- und Fortschrittsglaubens war, der den Afrikanern die erste umfassende Enzyklopädie ihres Kontinents inklusive Erfassung aller Gewächse und Insekten schenken wollte, aber zu Lebzeiten nur bis zum Buchstaben N gelangte. Die Manuskriptberge wurden dank der Initiative einer afrikanischen Verlegerin erst kurz vor Borremans Tod herausgegeben, berichtet Regisseur Peter Krüger, der das A-Z erst im letzten Jahr vollendete.

Um das Leben „des afrikanischen Diderot“ nicht mit „den üblichen Reportagebildern“ veranschaulichen zu müssen, nutzte Peter Krüger einen gewagten, aber kongenialen Kniff: Als besuchte der Geist des Verstorbenen noch einmal die Orte seines Wirkens und seiner Reisen, gleitet die Kamera dank einer Spezialtechnik wie schwerelos durch Räume und Landschaften und reiht teils poetische, teils nüchterne Bilder aneinander, die von einem melancholischen Kommentar zusammengehalten werden. Ihn spricht der inzwischen 83-jährige, französische Schauspieler Michael Lonsdale (James Bond 007 - Moonraker; Von Menschen und Göttern) mit sonorer Stimme wie aus dem Jenseits.

Der nigerianische Schriftsteller Ben Okri hat die Texte eigens für Krügers Bildercollage geschrieben. Darin äußert sich der vorübergehend aus dem Jenseits zurückkehrende Franzose enttäuscht über den ökonomisch bedingten Zerfall der nationalen Identitäten im nachkolonialistischen Afrika, den der wahrhaftige Borremans in voller Schärfe nicht mehr erlebt hat. Das lyrische, suggestive Kaleidoskop wird in einem ruhigen Schnittrhythmus präsentiert, der Zeit für eigene Reflexionen lässt. Der eleganten Kameraarbeit ist zu verdanken, dass der Film eine starke spirituelle und allgemeingültige Kraft ausstrahlt. Dazu Peter Krüger: „Ich habe bewusst nur wenige Bilder vom zurückliegenden Bürgerkrieg und den aktuellen Problemen der Elfenbeinküste eingebaut, die dem Film sonst einen sehr lokalen und speziellen Bezug verliehen hätten.“

Bliebe zu hoffen, dass die großartig fotografierte, musikalisch einprägsame und auch in anderer Hinsicht stilistisch bemerkenswerte Doku in der Fülle sehenswerter Filme dieses speziellen Genres nicht unbeachtet bleibt.



N – Der Wahnsinn der Vernunft | (C) Real Fiction Filmverleih


Max-Peter Heyne - 29. März 2015
ID 8534
Weitere Infos siehe auch: http://www.nthefilm.com


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