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Dokumentarfilm

Eine faszinierende Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik entlang einer Autobiografie - Video Vertov von Gerd Conradt





Der Überlebende

Umzüge bieten die Gelegenheit, sich von altem Krams und damit auch von Relikten voriger Lebensabschnitte zu trennen. Der Dokumentarfilmregisseur Gerd Conradt (Jahrgang 1941) nutzte einen Umzug innerhalb Berlins, um tief in die Kisten zu greifen, in denen das Material aus seinem Leben als freischaffender Filmemacher lagert, und aus teils unveröffentlichtem Material eine filmische Autobiografie zusammenzustellen. Da Conradts Leben mit all seinen Höhen, Tiefen, Haupt- und Seitenwegen als geradezu exemplarisch für seine Generation gelten darf, ist Video Vertov nicht nur die Rückbesinnung oder Selbstvergewisserung eines umtriebigen Filmschaffenden und Medienkünstlers, sondern auch eine faszinierende Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik. (Vertov ist eine Anspielung auf den russischen Filmpionier Dziga Vertov, der 1923 mit seinem Film Der Mann mit der Kamera „einen der aufregendsten Filme der Filmgeschichte geschaffen hat“, wie Conradt sagt.)




Gerd Conradt mit Mitstreitern bei Dreharbeiten während der Sechziger Jahre - (C) Basis Filmverleih



Nach ersten Versuchen als Amateurfilmer gehörte Gerd Conradt wie Helke Sander, Daniel Schmidt, Wolf Gremm, Harun Farocki, Hartmut Bitomski oder Wolfgang Petersen zu jenen angehenden Filmemachern, die 1966 als erster Studienjahrgang Regie an der damals neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) angenommen wurde. Insbesondere die DFFB wurde rasch zu einer Art Sammelbecken ebenso politisch wie künstlerisch ambitionierter Studenten, die im Filmhandwerk ein besonders wirkungsvolles Instrument eines gesellschaftspolitischen Klassenkampfes sahen. Auch Gerd Conradt war vom linken, revolutionären Zeitgeist durchdrungen. Aber schon sein berühmter Kurzfilm Farbtest. Rote Fahne (1968) markiert durch seine ironisch gebrochene Formalität einen Unterschied zu den vielen Agitprop-Statements dieser Zeit, die er überdauerte: Die an sich simple, aber enigmatische Idee, Kommilitonen und Mitstreiter aus der linken Berliner Szene eine rote Fahne wie bei einem Staffellauf durch die Straßen West-Berlins tragen zu lassen, während sich die sie filmende Kamera dabei minutenlang rückwärts bewegt, haben Conradt und andere Filmkünstler seit einigen Jahren mehrfach variiert.

Zu den Kommilitonen gehörte auch Holger Meins, der ein enger Freund und kreativer Mitstreiter Conradts war, bevor er noch während der Studienzeit ins Umfeld der Rote-Armee-Fraktion in den terroristischen Untergrund abtauchte und bei einem Hungerstreik in Haft starb. Diese Tragödie hat Conradt bereits zweimal, darunter in seinem wohl berühmtesten Porträtfilm Starbuck Holger Meins (2002) verarbeitet, insofern streift er in Video Vertov diese Lebensepisode nur. Dafür kommt Conradt erstmals ausführlicher auf die politische Radikalisierung seiner ersten Frau zu sprechen, die ebenfalls in einer Tragödie endete. Zu sehen ist dann, wie der 68er-Bewegte kaum einen Trend ausgelassen hat: Er pilgert zum Ashram ins indische Poona, probiert progressive psychologische Selbsterfahrungsmethoden aus, setzt schließlich auf avantgardistische Videokunst. Die Abfolge dieser rastlosen Erkenntnissuche bereichert den Film auf unterhaltsame, bisweilen auch irritierende Weise, und zeitweise kann man als Zuschauer nur staunen, dass die vielen Ereignisse und Experimente Conradt nicht aus der (Lebens-)Bahn haben fliegen lassen.




Gerd Conradt mit Mitstreitern bei Dreharbeiten während der Sechziger Jahre - (C) Basis Filmverleih



Doch offenkundig verfügt der Filmemacher über ein gerütteltes Maß an ironischer Selbstreflexion, die denn auch verhindert, dass trotz der sehr subjektiven Perspektive der Rückblick nicht ins allzu Nostalgische und Verklärende abgleitet. Die Fülle an zeittypischen Themen und Phänomenen, die sich in den Dokumentaraufnahmen des eigenen Lebens wiederspiegeln, machen Gerd Conradt zu einem exponierten Zeugen über die gesellschaftspolitischen Zeitläufe der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Am Ende mischt sich daher völlig zu Recht großväterlicher Stolz in die filmische Selbstvergewisserung eigenen Tuns. Anders als einige seiner Zeit-Genossen hat Gerd Conradt in der künstlerisch-dokumentarischen Auseinandersetzung eine Aufgabe und eine Form gefunden, sich gegenüber den Phänomenen und Entwicklungen seiner Zeit zu positionieren, anstatt von ihnen verschlungen zu werden. Zum Glück für ihn. Zum Glück für uns.



Bewertung:    



Max-Peter Heyne - 18. Oktober 2013
ID 7274
VIDEO VERTOV (D 2013)
Essayistischer Dokumentarfilm
Drehbuch: Gerd Conradt und Daniela Schulz
Regie: Gerd Conradt

Termine in Berlin:
Hackesche Höfe Kino, 17. – 23. 10., 17:45
Kino in der Brotfabrik, 17. – 23. 10., 19:30h | 24. – 30. 10., 17:00


Weitere Infos siehe auch: http://www.basisfilm.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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