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Dokumentarfilm


Mit dem "Was-soll-das-bedeuten?"-Film Room 237 zu Stanley Kubricks The Shining startete das Kunst-Filmfestival Doku.Arts in Berlin





Geheimnisse hinter Türen und Bildern

Achtung, liebe Leser! Dieser Text enthält verborgene Botschaften. Entdecken können sie freilich nur diejenigen, die sich Mühe geben, die Codes zu entschlüsseln, die den Text genau lesen – ganz genau lesen! Immer und immer wieder! Zählen sie die Sätze, die Worte und Buchstaben. Stellen Sie jedes dritte Wort eines Satzes in eine Reihe. Lesen Sie den Text rückwärts und stellen Sie die Substantive um. Ersetzen Sie jedes R durch ein S. Wer geduldig alles zerpflückt, wird die Mitteilungen hinter den Buchstaben entdecken – es ist alles nur eine Frage der Zeit und des guten Willens.

Wie sehr man sich über einen Film und seine vermeintlich verborgenen Bedeutungen die Köpfe zerbrechen kann, wenn es genügend Anknüpfungspunkte gibt, demonstriert der Amerikaner Rodney Asher in seinem essayistischen Dokumentarfilm Room 237. In ihm versammelt Asher die faszinierendsten und krudesten Theorien, die über den umstrittenen Horrorfilm The Shining existieren, den Kinogenie Stanley Kubrick nach einer Vorlage von Bestsellerautor Stephen King im Jahr 1980 inszenierte. Ausführlich, wenn auch lediglich aus dem Off, sprechen fünf Menschen in Room 237 über ihre zunehmende Besessenheit mit The Shining und präsentieren ihre spezielle Lesart des Films. Die Fünf sind übrigens ausnahmslos keine Filmkritiker: Jay Weidner ist Spezialist für Spirituelles, Bill Blackmore ABC-Reporter, Juli Kearns Kulturwissenschaftlerin, Geoffrey Cocks Historiker und John Fell Ryan Musiker und Archivar. Gemeinsam ist jedoch allen Analysten, dass sie ähnlich wie die Mehrzahl der Filmkritiker Kubricks Genre-Schauerstück seinerzeit nicht besonders schätzten. Gemessen an seinen früheren, hintergründigen Meisterwerken wie Dr. Seltsam, Uhrwerk Orange und vor allem 2001 – Odyssee im Weltraum wirkte die King-Verfilmung zu glatt, oberflächlich und aufdringlich, wobei Jack Nichsolson als dem Wahnsinn verfallender Familienvater mit seinem übertriebenen Spiel allem noch die Krone aufzusetzen schien.

Und doch entfaltete The Shining nicht nur beim Sehen, sondern auch danach eine starke Sogwirkung und eine irritierende Unruhe bei vielen Zuschauern, so auch beim Autor dieser Zeilen und den fünf Exegeten, die Rodney Asher für seinen Dokumentarfilm interviewt hat. Für sie verhandelt Stanley Kubricks nicht einfach nur ein Familiendrama, sondern in einer weiteren Bedeutungsebene a) den Völkermord der Einwanderer an den nordamerikanischen Indianern, b) den Völkermord an den europäischen Juden durch die Nazis, c) sexuellen Missbrauch in Familien und die Gefahren einer künstlerischen Existenz, d) die Nachwirkungen des nordamerikanischen Goldrauschs oder gar e) Kubricks Leiden über seine geheime Mitwirkung an der Fälschung der Mondlandung der US-Weltraumkapsel Apollo 11. Das klingt absurder als es sich ansieht, denn tatsächlich finden sich in The Shining durchaus Anspielungen für alle diese Thesen in Form von symbolischen Details (Requisiten, Fotos, Teppichmuster, topografische Unmöglichkeiten etc.) oder Stilmerkmalen (Kamerafahrten, Überblendungen, Lichteinsatz etc.). Solche von Asher anhand von Loops und Zooms herausgehobene Details wären in anderen Fällen vielleicht zu vernachlässigen, nicht aber, wenn man weiß, dass Kubrick sich selbst wie besessen um jedes Detail der Ausstattung, der Kameraarbeit und des Schnitts gekümmert hat. Und da der Meister eindeutige Lesarten der Geschichten in seinen Filmen vermieden hat, muss doch auch der ganze aufdringliche Budenzauber aus The Shining eine tiefere Bedeutung, ja, einen Bedeutungsüberschuss haben.

Es spricht für Kubricks Meisterschaft (und auch Hinterlist), dass er einen inhaltlichen Mehrwert eventuell nur vortäuschen wollte, um die Horrorgeschichte nicht zu banal wirken zu lassen. Doch selbst wenn nicht alles so ernst und vielschichtig gemeint war, wie die Filmanalysten in Ashers Room 237 glauben, so ist zumindest die Faszination über das Vielleicht doch sehr real und etwas Bleibendes. Damit hat Kubrick einen größeren Virus in die Welt gesetzt als jene Werbefilmer, mit deren "versteckten Botschaften" (im Englischen "subliminal seductions", d.h. nur Sekundenbruchteile in einen Clips hinein geschnittene Bilder) er sich vor den Dreharbeiten so intensiv auseinandergesetzt hat. Schade nur, dass Rodney Asher aus eigener (verständlicher) stilistischer Konsequenz völlig darauf verzichtet, die interviewten Filmanalysten zu zeigen. Wer sie aber nicht sieht, kann auch ihre Stimmen nicht auf Anhieb unterscheiden, sodass der beständige Fluss des Theoretisierens insgesamt wie ein Mischmasch wirkt, der den Einzelinterpretationen ein Stück ihrer Individualität raubt.




Room 237 (C) Rapid Eye Movies



Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 18. September 2013
ID 7161
Room 237 war der passende Auftaktfilm des Festival DOKU.ARTS mit Dokumentarfilmen über Kunst und Künstler aus aller Welt und aller Genres wie Architektur, bildende Kunst, Musik, Literatur, Darstellende Kunst, Kino und Fotografie. DOKU.ARTS findet nach seinem mehrjährigen Exil in Amsterdam nun zum zweiten Mal wieder in der deutschen Hauptstadt statt. Das aktuelle Programm, zu dem auffallenden viele Kompilationsfilme gehören, die aus Found Footage, also bereits existierendes Filmmaterial neu kombinieren, wird noch bis zum 29.9.2013 im Zeughauskino des Deutsches Historisches Museums Unter den Linden 2 in Berlin-Mitte gezeigt. Einen Schwerpunkt gibt es zu den Künsten und der Kultur der nordafrikanischen Länder und der lebendigen Kunst- und Filmszene des arabischen Raumes. Außerdem ist das Festival DOKU.ARTS eines von mehreren ausgewählten medien- und institutionsübergreifenden Projekten im Rahmen der BERLIN ART WEEK (17. - 22. 9.).

Weitere Infos siehe auch: http://www.room237movie.com/


Post an Max-Peter Heyne



 

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