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Dokumentarfilm

Wer bin ich denn,

wenn ich nicht

male?



Bewertung:    



Eigentümlich, dass es Sammler gibt, die sich seine äußerst subjektiven und verstörenden Bilder ausgerechnet ins Schlafzimmer hängen. Bei einem fungieren sie sogar als Wächter. Vielleicht kommt da zum Tragen, was Neo Rauch meint mit dem, "es ist eine sowohl als auch Welt".

Diese Bilder haben eine mystische Brutalität und beruhigen zugleich, ja sie lösen in der Kunstwelt wahre Begeisterung aus. Es ist die Suche nach der Essenz, der Neo Rauch sich verschrieben hat, und die ihn selbst schlaflose Nächte kostet. Dann spinnt er an den dämonischen Figuren seiner archetypischen Ideenlandschaft; nicht konzeptuell, sondern intuitiv überträgt er diese in hochmeisterlicher Manier auf die Leinwand. Man sieht in langen Szenen, wie eine Figur entsteht. Mit Vorliebe 3 x 4 Meter, oder größer. Er verwischt, überpinselt, malt atmosphärische Träume mit offenen Augen. Im Hintergrund ist immer Musik zu hören, außer Electro hört er fast alles. Und ständig ist da diese Grundnervosität, die sich auch in seiner Sprache ausdrückt.

Neo Rauch, Wegbereiter der Neuen Leipziger Schule, ist ein deutscher Maler mit eigener Ikonografie, mischt die Zeiten wie die Farben. Vielleicht gibt ihm das Malen ein Gefühl, weniger sterblich zu sein, an die Identität seines Vaters anknüpfen zu können, der schon in jungen Jahren ein auffälliges Zeichentalent hatte. So wollte er wohl möglich nie gewöhnlich sein, auch nie erwachsen werden, wollte spielend die Welt erfinden, Geheimnisse lüften und momentane Zustände fühlbar machen. Seine Farbzusammenstellungen tun fast weh, Babyrosa trifft auf Himmelblau, Gelb wird zu Türkis, dann (1960er Jahre) Braun. Bildinterpretationen sind da vergeblich. Überall lauert die Gefahr und die Anstrengung.

Nie lacht der Meister; er ist ein sehr ernster Mensch mit nur leicht ironischen Mundwinkeln, eigenem Stolz und Künstlerego.

Allein von seiner Frau Rosa Loy läßt er sich leiten, doch hier und dort mehr am Detail zu arbeiten, eine andere Farbe noch und jetzt ist es fertig, "du kannst es signieren". Das kommt einem als Betrachter absurd vor. Wir wissen, sie ist auch Malerin, sehr selbstbewusst und seit 30 Jahren an seiner Seite. Doch während sie mit wohl gemeinten Tips eingreift, malt er stetig an einer Stelle weiter. Sie fragt: "Hast du überhaupt noch Farben?"

Auch sein Galerist Judy Lybke hat eine große Nähe zu ihm, ein gar väterlicher Freund. Doch ist Rauch in seinem Wesen Einzelgänger, wirkt sehr introspektiv; in Trance versucht er die schwere Leere zu füllen. Wie im Vakuum malt er an seiner fremden Welt. Das Interessante daran ist, die Verbindung verschiedener Elemente und die fremdartigen Charaktere, die nebeneinander und doch wohl im Kontext stehen.

Auf die Frage hin, ob er nicht mal eine Pause machen wolle, meint er nur, dass die alles verschlimmern würde.

Besonders die Amerikaner lieben ihn, den Historienmaler, den Exoten aus Ostdeutschland.

Die düstere Stimmung der Besatzungszone, das Geheimnisvolle ist surreal umgesetzt. Er will seine Vergangenheit nicht ausblenden, sondern sie ins Bewusstsein holen und sie nutzen. So sieht er sich denn als Geburtshelfer, allmächtig veranstaltet er ein Aktionstheater auf der Leinwand, alles passiert gleichzeitig. Ist er jetzt konservativ oder revolutionär? Er wollte sich nie dem Realismus-Diktat der DDR unterwerfen, und er hat in Öl gemalt, während im Westen die digitale Kunst erfunden wurde.

Geboren 1960 in Leipzig, nach wenigen Wochen seine Eltern durch ein Zugunglück verloren, wuchs er bei seinen Großeltern auf. Diese konnten ihm nie die leiblichen Eltern ersetzen, sie waren eher wie Freunde. Es kommt einem so vor, als wäre er dem Schicksal ausgeliefert, als würde sein Leben von außen gestaltet, und ihm mangele es an Selbstbewusstsein. Ein weiterer tiefer Einschnitt im Leben war ein Koma, welches er erlitt nach einem Wespenüberfall beim Rasenmähen. Danach konnte er erst einmal nicht mehr malen.

Neo wollte immer ungegangene Wege gehen, ist bereit sich dem Kunstwerk auszuliefern. Er sagt: "Das nächste Mal wird es richtig gut." Doch da ist immer wieder dieser Wiederholungsekel, wie er es nennt, wenn die Bilder zu viel Ähnliches haben, dieses nicht enden wollendes Phänomen.

"Jetzt muss ich weichen“ sagt er in seiner ganz altertümlichen Sprache, als ihm das Beobachtetwerden zu viel wird.

Die Welt ist nach diesem Film [Neo Rauch - Gefährten und Begleiter], dieser Begegnung eine merkwürdig andere. Rauch hat drei Vorbilder, die mit "B" anfangen: Bruegel, Bosch und Beuys. Wie Bosch fügt er alles Albtraumhafte in eine einzige Inszenierung, von Bruegel kennen wir den Turmbau zu Babel oder die Wuselbilder vom Schlittschuhlaufen. Beuys hat er vielleicht gewählt wegen seiner unerschütterlichen Konsequenz eines Überlebenden. Man erfährt wenig, seine Sprache ist sehr anachronistisch - und doch, durch die Stimmung des Films erfährt man diese Seele des Menschen Neo Rauch. Wenngleich das letzte Bild noch nicht gemalt ist.

Geht es um das Rätsel der Identität? Die Filmemacherin Nicola Graef gibt ihm ein Buch (Der Distelfink von Donna Tartt) zu lesen, sozusagen als Anknüpfungspunkt. Es handelt davon, Verlust zu verwinden, von großer Kunst, aber auch vom grenzenlosen Bösen der Welt. Es besagt, wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind.

Auf diese Weise schafft es Graef, zu diesem Künstler und Menschen Vertrauen aufzubauen, oft sitzt sie stundenlang auf dem Stuhl, unsichtbar. Die lange vierminütige erste Szene, entstand durch Zurückhaltung. Rauch schleppt sich mit einer gigantisch großen Leinwand ab, es ist ihm peinlich, da er ja nicht um Hilfe bitten kann, und ganz unbeholfen wird es zu einer kleinen koketten Inszenierung, ganz ohne 30 Gehilfen, die er ironischer Weise sprachlich ins Spiel bringt.

Selbst wenn ihm Freunde rieten, doch die Filmsequenzen vorab zu begutachten, folgte er dem Vertrauen des Filmteams, die da nur aus Graef, dem Kameramann und dem Tonmann bestanden. Auch er sah den Film erst, als er fertig präsentiert wurde. Den Tag danach war er krank. Sich selbst so nah zu erleben, sich gespiegelt zu bekommen, war wohl ein Schock.



Der Maler Neo Rauch und die Filmemacherin Nicola Graef in Neo Rauch - Gefährten und Begleiter | (C) Alexander Rott

Liane Kampeter - 27. Februar 2017
ID 9874
Weitere Infos siehe auch: http://www.neorauch-derfilm.de/


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de

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