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Dokumentarfilm

In Master Of The Universe plaudert ein ehemaliger Broker vor der Kamera aus dem Nähkästchen





Knopfdruck für einen Chinesen

Es wäre nicht leicht, sich innerhalb der um sich selbst drehenden Bankenwelt einen unverstellten Blick zu bewahren, sagt der ehemalige Broker und Finanzmanager Rainer V. selbstkritisch. Auch er brauchte nach eigenen Angaben eine ganze Weile, um nach seinem erzwungenen Karriereende diese Distanz zum eigenen Tun wieder aufzubauen. Aber es scheint ihm gut gelungen zu sein, denn sonst könnte er in Marc Bauders Dokumentarfilm Master Of The Universe nicht so unbefangen und vorbehaltlos über die Exzesse berichten, die im Finanzsektor bis heute üblich sind – und wir wären um einen aufschlussreichen Film ärmer.




Foto (C) Arsenal-Filmverleih



Zwar bestätigt das, was Rainer V. zu berichten hat, die meisten (Vor-)Urteile über Bänker und Finanzberater, die sich bei Laien seit dem Börsencrash von 2009 herausgebildet haben: Sie halten sich tatsächlich für viel bedeutsamere und mächtigere Menschen, weil sie per Knopfdruck Geldmengen bewegen können, die über das Schicksal vieler Anleger und ganzer Nationalökonomien entscheiden, aber auch schon deshalb, weil in einem abgehobenen, isolierten Umfeld arbeiten „als sei es Raumschiff Enterprise“, so Rainer V. Auch das niemand – selbst wenn er oder sie es wollte – einen Durchblick über die Geschäftsdetails bei Fusionen oder Verflechtungen bei den Finanzinstituten mehr hat, konnte man sich als Privatkunde schon denken (die laut Rainer V. immer die Leidtragenden von ökonomischen Fehlschlägen sind). Daneben aber erfährt man auch einiges über die Entwicklungen im Finanzsektor und die Mentalitäten der Mitarbeiter, die zumindest so deutlich noch niemand beim Namen genannt hat. Nachfolgend einige Beispiele:

Nur, wer bereit ist, sein voriges Leben zugunsten der Karriere im Finanzinstitut aufzugeben, erwirbt sich die „nötigen Schulterabzeichen“, u.a. dadurch, dass er wegen einer kurzfristigen Projektbearbeitung, um die ihn sein Vorgesetzter bittet, „One- oder Two-nighter“ (eine oder zwei Nächte im Büro) verbringt. „Bloß nicht hinterfragen, ob das Sinn macht – ganz blöde Idee!“ Auch bei der Entwicklung von abenteuerlichen „Finanzinnovationen“, die mittelständische oder Privatkunden im Gegensatz zu Konzernen mit ihren besonderen Abteilungen nicht durchschauen: „Bloß keine Zweifel.“ Fängt ein findiger-windiger Berater damit an, laufen die Mitarbeiter und Manager der Konkurrenz „wie die Lemminge“ hinterher: „Ich würde nicht unbedingt von Täuschung sprechen, aber in den falschen Händen oder falsch angewandt können diese Dinge eben viel Schaden anrichten. Und wenn die deutschen Gemeinden mit diesen Deals Erfolg gehabt und zig Millionen eingesackt hätten – ob dann noch so viele Klagen dagegen laufen würden?“




Foto (C) Arsenal-Filmverleih



Gerade wenn man den Vergleich zum textreicheren Buch und Theaterstück Himbeerwelten [Das Himbeerreich, Stuttgart/Berlin 2013, Anm. d. Red.] des Doku-Kollegen Andres Veiel zieht, schneidet Bauders Film in Sachen Neuigkeitsgehalt recht gut ab, was an der unkomplizierten Art des aussagewilligen Interviewpartners Rainer V. liegt, der hier zwischen Beichte und Abrechnung pendelt. Insofern ist es gerechtfertigt, dass Bauder sich nur an ihn hält. Je größer jedoch Bauder und sein Gesprächspartner den Themenkreis ziehen, desto bedauerlicher erscheint es, dass abgesehen von einigen alten Found-Footage-Einsprengseln keine aktuellen Bilder von den globalen Auswirkungen der Krise zu sehen sind. Gespenstisch gut gelungen sind hingegen die fast meditativ inszenierten Kamerafahrten durch ein gigantisches leerstehendes Bankengebäude, das wie ein überlebensgroßes Symbol der Hybris der Branche im Frankfurter Finanzdistrikt steht.

Im Übrigen ist Rainer V. pessimistisch, was die nahe Zukunft betrifft: Die Krise war nicht schlimm genug, um ein Umdenken zu bewirken. Außerdem bluten nicht die Institute, sondern fast nur der Steuerzahler. Und fast alle Probleme, die mit der Verschuldung privater Haushalte in vielen europäischen Ländern zu tun haben, sind nicht oder nur kurzfristig bewältigt worden. Wenn, wie er erwartet, Frankreich ein Krisenkandidat wird, wäre es aus mit dem Euro (wovon sich wiederum viele Spekulanten enorme Gewinne versprechen, alle anderen aber leiden würden).




Foto (C) Arsenal-Filmverleih



Bewertung:    




Max-Peter Heyne - 13. November 2013
ID 7364
Weitere Infos siehe auch: http://www.master-of-the-universe-film.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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