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Dokumentarfilm

Der ergreifende Dokumentarfilm Land in Sicht schildert die Erlebnisse dreier Asylbewerber im brandenburgischen Bad Belzig und kommt unverhofft genau zur richtigen Zeit in deutsche Kinos





Fremde Heimat Brandenburg

Das neue Werk des Dokumentarfilmerinnen-Duos Judith Keil und Antje Kruska (Der Glanz von Berlin, 2001) ist zwar schon seit über einem Jahr abgedreht. Doch der Kinostart von Land in Sicht fällt nun zeitlich passenderweise mitten in die aktuelle Diskussion um die oft prekäre Situation von Flüchtlingen in Deutschland, die er an drei Beispielen eindringlich vor Augen führt. "Im besten Fall trägt der Film dazu bei, dass man sich anhand der geschilderten Einzelschicksale differenzierter mit der Problematik auseinandersetzt und sie mit anderen Augen sieht", sagt eine der Regisseurinnen, Judith Keil. Wieder einmal ist es ihr und ihrer Kollegin Antje Kruska gelungen, über ein heikles und komplexes Thema – in diesem Fall das Leben als Asylsuchender in Brandenburg – einen kurzweiligen und unterhaltsamen Film zu inszenieren. Im letzten Herbst wurde Land in Sicht, der eine Koproduktion mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und ARTE in der Spezialreihe „Leuchtstoffe“ mit besonderen Spiel- und Dokumentarfilmen über die beiden Bundesländer ist, auf dem Festival Dok Leipzig mit dem Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts prämiert.

Für ihre Porträtcollage haben sich die Regisseurinnen drei interessante und charismatische Protagonisten ausgewählt: Der aus dem zentralafrikanischen Kamerun stammende Brian, der ehemalige jemenitische Beduinenscheich Abdul und der aus dem Iran geflohene Farid sind drei hochmotivierte und tatkräftige Männer im besten Alter, die sich bei ihren Integrationsbemühungen auch durch kulturelle und sprachliche Barrieren nicht entmutigen lassen. „Wir wollten sie als Menschen zeigen wie Ich und Du“, sagt Judith Keil, „mit Ecken und Kanten, aber trotzdem sympathisch.“ Hintergründe und Details, warum die drei Männer Asyl in Deutschland beantragen, blieben außen vor: „Wir wollten sie im Hier und Jetzt zeigen“ – und das ist für alle Flüchtlinge noch immer das brandenburgische Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark), wo bereits in der letzten Woche unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Premiere von Land in Sicht stattfand.

Das gemischte Belziger Publikum, aber auch Vertreter der Landespolitik wie die Integrationsbeauftragte Dr. Doris Lemmermeier, nahmen den Film positiv auf: „Ein wunderbarer Film, mit viel Witz und Esprit, der gleichzeitig sehr nachdenklich macht und unter die Haut geht. Er gibt einen guten Einblick in den Lebensalltag von Flüchtlingen und zeigt eindrücklich, welchen Belastungen diese Menschen ausgesetzt sind und wie mutig sie sich diesen Herausforderungen stellen.“ Vor allem lässt der Film die jahrelange, auf Dauer demütigende Warterei und Ungewissheit, die mit den Asylanträgen verbunden ist, hautnah miterleben: „Wie waren selbst überrascht, wie lange solche schwebenden Verfahren dauern können“, sagt Filmemacherin Judith Keil, die zusammen mit ihrer Kollegin ein Jahr lang die Schicksale der drei Asylanten mit der Kamera verfolgt hat, ohne dass dabei endgültige Entscheidungen über deren Status gefallen wären.

In Land in Sicht sind komische und rührende Momente des Aufeinandertreffens von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu sehen, die in der Kleinstadt Bad Belzig (ca. 11.000 Einwohner) wie unter einem Brennglas bis zur Kenntlichkeit verzerrt sichtbar werden: Wenn Brian oder Abdul alleine in ihren Zimmern zu heimatlichen Rhythmen auf der Stelle tanzen, verströmt dies bereits mehr Temperament und Groove als der doch etwas bemühte Bauchtanztag oder ein verregneter Gospelliederauftritt der Brandenburger Frauenvereine. Andererseits hadern die drei Männer, die ihre Freunde oder Familien und ihre Vergangenheit in der Heimat zurücklassen mussten, mit dem informellen, unkomplizierten Flirt- und Annäherungsgebaren von Männern und Frauen deutscher Provenienz.

Bitter und absurd wirken hingegen die Aspekte, die mit dem deutschen Bürokratismus und Asylrecht zusammenhängen, was die Arbeitswilligen kontraproduktiv in eine passiv-duldende Rolle zwingt. Die für die Belziger Asylsuchenden zuständige Sozialarbeiterin Rose Dittfurth ist eine engagierte Frau, die sich für ihre Schützlinge stark macht. Doch die anderen, auf Ämtern gedrehten Szenen bei Land in Sicht lösen beim Betrachter eher ein Fremdschämen für die Sachbearbeiterinnen aus, die in ihrer Betriebsblindheit wenig Augenmerk für die originären Talente der drei hilfesuchenden Männer aufbringen. Mit „Kommunikationsfähigkeit“ sollten eben nicht nur die reinen Sprachkenntnisse gemeint sein, sondern vor allem emotionale Intelligenz, die bei allen Asylsuchenden durchaus vorhanden ist. Das Ausfüllen der standardisierten, nichtssagenden amtlichen Fragebögen durch die Asylbewerber stellt klar, dass die Maßstäbe deutscher Asylbürokratie den Lebens- und Erfahrungsschatz der Männer nicht abbilden können, geschweige denn, ein realistisches Profil ihrer Fähigkeiten wiederzugeben vermögen.

Brandenburgs Minister für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie, Günter Baaske (SPD), gab sich bei der Belziger Premiere hingegen zuversichtlich: „Der Film hat gezeigt, dass wir mit der Integration schon gut vorangekommen sind. Vor 10 Jahren wäre das ein anderer Film geworden. Jedenfalls hat er mein Herz angefasst, mich 90 Minuten spüren und fühlen lassen, wie es sein muss, wenn man Heimat, liebe und liebste Menschen zurücklassen muss. Und dass es den allerwenigsten Zuwanderern hier in Deutschland ums Schmarotzen geht, sondern um Chancen, die sie hier suchen, weil sie ihnen woanders verwehrt und sie verfolgt wurden.“




Die Dokumentarfilmerinnen Judith Keil (re.) und Antje Kruska - Foto (C) Basis-Film Verleih Berlin



Bewertung:    

Max-Peter Heyne - 22. Januar 2014
ID 7537
Weitere Infos siehe auch: http://www.landinsicht-derfilm.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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